Die Methode ist nicht neu: Wenn ein Team im Kampf gegen den Abstieg neu ausgerichtet werden soll, geht es selten darum, das Rezept für Traumtore zu finden. Erstes Augenmerk gilt meist der Stabilisierung der Defensive. Bruno Labbadia kennt das. Immer wieder hat der Trainer Mannschaften in prekärer Lage übernommen. Seit Mitte Dezember ist er nun zum zweiten Mal Cheftrainer beim VfB Stuttgart, er soll den Club vor dem Sturz in Liga zwei bewahren. Seitdem arbeitet er mit dem Team intensiv an den athletischen Grundlagen, in Marbella geht es nun vermehrt um taktische Themen. Dazu gehört – natürlich: die Stabilisierung der Defensive.
In den bisherigen 15 Bundesligaspielen dieser Saison ist der VfB nur einmal ohne Gegentor geblieben – beim 0:0 in Köln. Dennoch erschien Labbadia das Problem lösbar. An den Qualitäten des vorhandenen Defensivpersonals sollte das Unternehmen nicht scheitern. Doch nun, rund zwei Wochen vor dem Restart der Bundesliga, sind die Sorgen eher größer denn kleiner geworden.
Borna Sosa ist noch gar nicht beim Team
Konstantinos Mavropanos (Innenverteidiger) plagten bis vor wenigen Tagen Adduktorenprobleme, er kann erst seit Freitag wieder voll trainieren und hat somit einigen Rückstand. Josha Vagnoman (Rechtsverteidiger) muss seit Wochen immer wieder verschiedenen Problemen geschont werden. Borna Sosa (Linksverteidiger) hat noch gar nicht unter Labbadia trainiert, weil ihn seit der WM Adduktorenprobleme beschäftigen. Wann er wieder einsteigt, ist aktuell unklar.
Das alles wäre noch einigermaßen zu verschmerzen gewesen. Doch dann rauschte am Samstagnachmittag der Mittelfeldspieler Tanguy Coulibaly mit offener Sohle in den rechten Knöchel von Dan-Axel Zagadou. Der ist Innenverteidiger – fehlt nun aber auf jeden Fall vier Wochen mit einem doppelten Bänderriss. „Sein Ausfall wiegt schwer“, sagt Fabian Wohlgemuth, der Sportdirektor des VfB, „Dan-Axel hatte sich körperlich stabilisiert, war auf dem besten Wege, eine Führungsrolle zu übernehmen.“ Bruno Labbadia war fast noch mehr geschockt: „Das ist ein herber Verlust, der mich auch persönlich getroffen hat.“ Der Franzose habe gut gearbeitet gehabt, und „er hat sich hervorgetan als der Leader im hinteren Bereich.“
Viererkette mit einem Mittelfeldspieler
Dort, wo sich die Reihen gelichtet haben – statt eine Wunschlösung zu finden, muss Labbadia nun eher improvisieren. So wie am Sonntag im Testspiel gegen den FC Sion (3:0). Da bildeten Waldemar Anton und Hiroki Ito die Innenverteidigung der Startelf. Pascal Stenzel spielte rechts hinten, auf der linken Seite übernahm Nikolas Nartey die Rolle, die sonst Ito oder Sosa zugedacht ist. Nartey ist eigentlich zentraler defensiver Mittelfeldspieler. Für alle gab es vom Trainer ein Lob. Auch, weil andere Alternativen rar sind.
Stenzel könnte lediglich in einer Dreierkette in die Innenverteidigung rücken, in einer Viererkette wird er als Vagnoman-Ersatz gebraucht, weil ja auch Mavropanos noch nicht vollständig fit ist. Wataru Endo wird im Mittelfeld benötigt, Atakan Karazor hatte zuletzt lange mit Beschwerden an der Achillessehne zu kämpfen. Bleibt für die Abwehrzentrale noch Antonis Aidonis.
Der Deutsch-Grieche trainiert zwar fleißig mit dem Profiteam, zum Einsatz kam er in der Bundesliga aber erst zweimal – in der Saison 2018/2019. In der vergangenen Spielzeit war er an den damaligen Zweitligisten Dynamo Dresden ausgeliehen, wo der 21-Jährige auch nur auf zwölf Pflichtspieleinsätze kam. Zwar sagt Fabian Wohlgemuth: „Wir werden zunächst interne Lösungen ins Visier nehmen. Unser Kader hält ausreichend Alternativen für die Innenverteidigung bereit.“ Der Sportdirektor erklärt aber auch: „Wir werden uns keiner vernünftigen, auch externen Lösung verschließen.“
Fordert Labbadia einen Neuzugang?
Priorität genießt derzeit aber eigentlich die Suche nach einer Verstärkung im zentralen defensiven Mittelfeld, um dem VfB-Spiel schon vor der letzten Reihe mehr Stabilität zu verleihen. Ob für beide Planstellen Geld da ist? Eher nicht. Das weiß auch der Trainer: „Wir kennen die Situation des Vereins. Das ist nicht drin.“ Vielmehr gehe es nun darum, Zagadou schnell wieder fit zu bekommen. Was aufgrund der neuen Lage ausgeschlossen scheint: dass der VfB noch einen Abwehrspieler in der Winterpause abgibt.
Um Borna Sosa ist es diesbezüglich ohnehin ruhiger geworden – trotz dessen fünf WM-Einsätzen. Und ein Abgang von Konstantinos Mavropanos wäre unter den neuen Gesichtspunkten kaum zu verantworten. Selbst wenn dadurch einige Millionen in die Kasse gespült werden würden.
Denn: Der Auftakt in die restliche Saison hat es in sich. Bis Ende Februar stehen sieben Bundesligaspiele und ein Pokalspiel auf dem Programm. Die mit einer stabilen Defensive deutlich zuversichtlicher angegangen werden könnten.