VfB Stuttgart in Rijeka VfB Stuttgart: Neue Mentalität und Meerblick

Von Johannes Nedo 

HNK Rijeka ist die letzte Karrierestation von Fredi Bobic gewesen. Der VfB-Manager und seine Stuttgarter treffen nun in den Play-off-Spielen zur Europa League auf den aufstrebenden kroatischen Erstligisten.

Arena im Felsen: Hier in Rijekas Stadion Foto: dpa
Arena im Felsen: Hier in Rijekas Stadion Foto: dpa

Rijeka - Fredi Bobic gerät sofort ins Schwärmen. Allein schon die Lage des Stadions in Rijeka sei wundervoll, sagt er. Direkt an der Adria liegt es. Und während sich hinter der Haupttribüne an der Südseite das türkisblaue Meer und die Kvarner Bucht auftun, ragen auf der gegenüberliegenden Seite steile Felsklippen empor. „Es ist ein traumhafter Ort, um Fußball zu spielen“, betont Bobic. Er erinnert sich nicht nur wegen der pittoresken Szenerie allzu gern an die kroatische Hafenstadt. 2006 bestritt er als Stürmer von HNK Rijeka das letzte Profispiel seiner Fußballerkarriere, im Stadion Kantrida an der Adria. Kurz vor Schluss schoss er sogar das Siegtor zum 2:1 gegen Varteks Varazdin. Seine Eltern und viele Verwandte saßen auf der Tribüne und jubelten ihm zu.

Sieben Jahre später kehrt Bobic nun zurück, als Manager des VfB Stuttgart. Am Donnerstag (20.30 Uhr/Kabel 1) absolviert seine Mannschaft dort das Hinspiel der Play-offs zur Europa League gegen Rijeka – und auch dann werden wieder sein Vater und zahlreiche Verwandte im Publikum sein. Doch nicht nur wegen Bobic ist die Partie für die Gastgeber das Spiel des Jahres. Innerhalb von zwei Tagen waren alle 10 500 Karten verkauft. Die Fans gieren nach namhaften Gegnern. Mit großen Mannschaften hat sich Rijeka erst zweimal duelliert – und die Partien liegen länger zurück als die Unabhängigkeit Kroatiens (1991): 1980 empfing der Verein Juventus Turin, 1984 Real Madrid. Zu Hause am Meer blieb die Mannschaft zwar jeweils ungeschlagen (0:0 spielte sie gegen Juve, Real besiegte sie überraschend 3:1), dennoch schied sie stets aus.

Rijekas Topstürmer Leon Benko trifft und trifft

Dieses Mal wird es anders ausgehen, davon ist jedenfalls der Clubpräsident Damir Miskovic überzeugt. „Wir werden auf Sieg spielen, und wir werden weiterkommen“, sagt er. Sein Selbstbewusstsein mag riesig sein, gänzlich unbegründet ist das aber nicht. „Rijecki bijeli“ (Die Weißen), wie die Mannschaft genannt wird, sind nach Platz drei in der vergangenen Saison auch stark in die neue Runde gestartet. In sechs Partien mussten sie noch keine Niederlage hinnehmen, als Dritter liegen sie nur zwei Punkte hinter dem Standardmeister Dinamo Zagreb.

Rijekas Star ist der Stürmer Leon Benko. Der 29-Jährige war in der Vorsaison Kroatiens Torschützenkönig mit 18 Treffern. In dieser Spielzeit sind ihm in neun Einsätzen bereits neun Tore gelungen, drei davon im Europapokal. Benko scheint nach Jahren des glücklosen Herumtingelns sein großes Potenzial nun auszuschöpfen. Von 2006 bis 2008 stand er beim 1. FC Nürnberg unter Vertrag. Seine Bilanz dort war ernüchternd: Er kam nur auf zehn Bundesligaspiele und kein Tor. Danach versuchte er es noch in Belgien bei Standard Lüttich und KV Kortrijk und sogar beim saudi-arabischen Al-Faisaly FC. Doch erst unter Rijekas Trainer Matjaz Kek blühte er auf. Überhaupt ist der Slowene einer der Hauptgründe für den jüngsten Aufschwung.

Seit der 51-Jährige im Februar HNK Rijeka übernahm, habe er „die Mentalität der Spieler im Kopf und in den Beinen verändert“, sagt Präsident Miskovic. Das schaffte Kek schon bei früheren Stationen. Sein größter Erfolg war es, die slowenische Nationalmannschaft überraschend zur Weltmeisterschaft 2010 nach Südafrika zu führen. Auf dem Weg dahin setzte sich sein Team in den Play-offs gegen die von Guus Hiddink betreuten Russen durch.

Kampfansage an Zagreb und Split

Der frühere Abwehrspieler gilt als pedantischer Taktiker, aber auch als großer Kommunikator, weshalb er die Mannschaft und die kroatischen Anhänger schnell für sich gewinnen konnte. Von einer festen Stammelf hält Kek allerdings nichts. Bisher änderte er auch nach Siegen stets die Aufstellung. In bisher zehn Pflichtspielen setzte er 26 Spieler ein. Unumstritten sind für ihn eigentlich nur der Kapitän und Abwehrchef Dario Knezevic, der defensive Mittelfeldspieler Mate Males, der Stürmer Benko und der Offensivspieler Anas Sharbini, einer von 13 Neuen.

Dass Rijekas Clubverantwortliche und Fans zurzeit so zuversichtlich in die Zukunft schauen, hängt übrigens auch mit Sharbinis Verpflichtung zusammen. Der 26-Jährige ist in Rijeka geboren und begann bei HNK seine Laufbahn, ehe der Rivale Hajduk Split ihn weglockte. Nun holten sie den verlorenen Sohn aus Saudi-Arabien zurück und sendeten damit eine deutliche Kampfansage an die beiden Dominatoren der kroatischen Liga, Dinamo Zagreb und Split.

Möglich macht diese Attacke der neue Clubbesitzer Gabriele Volpi. Dem italienischen Öl-Millionär gehören seit eineinhalb Jahren 70 Prozent des Vereins, die übrigen 30 hält die Stadt. Volpi will das Stadion erneuern und die Zuschauerkapazität auf 15 000 erhöhen. Und vor allem sollen sich sportliche Erfolge einstellen. Die liegen schließlich schon viel zu lange zurück. Den letzten Titel, den kroatischen Pokal, holte Rijeka vor sieben Jahren – mit Fredi Bobic, der dabei natürlich das entscheidende Tor schoss. Präsident Miskovic findet deshalb zwar freundliche Worte für den VfB, verbindet diese aber mit einer drastischen Ansage: „Wir werden den deutschen Giganten ins Wanken bringen.“