Sebastian Hoeneß bleibt im Hier und Jetzt. Auch nach der jüngsten Siegesserie will der Trainer des VfB Stuttgart nicht zu weit vorausblicken, noch kein anderes Ziel als eine sorgenfreie Saison ausgeben, schon gar nicht von Europa sprechen. „Es ist wichtig, dass wir scharf und gierig bleiben, uns auf die wesentlichen Dinge konzentrieren“, sagt Hoeneß vor dem Topspiel des Tabellendritten am Sonntag (15.30 Uhr) gegen den noch ungeschlagenen Spitzenreiter Bayer Leverkusen. Die Europapokal-Plätze? Sind für den VfB-Coach noch kein Thema: Wenn man im März noch so gut dastehe, könne man darüber sprechen. Das euphorisierte Umfeld tut das längst jetzt schon, seit Wochen singen die Fans von internationalen Reisen in der kommenden Saison.
Rein statistisch spricht auch vieles dafür. Eigentlich fast alles. 30 Punkte hat der VfB nach 13 Spieltagen auf dem Konto – wer zu diesem Zeitpunkt diese Zwischenbilanz aufwies, qualifizierte sich seit Einführung der Drei-Punkte-Regel 1995 immer für das internationale Geschäft. Mehr noch: Es reichte sogar stets für einen der ersten vier Plätze, was mit dem Einzug in die Champions League verbunden wäre.
Besondere Tabellenkonstellation in der Bundesliga
Um ein großes Aber kommt man an dieser Stelle jedoch nicht herum: Die Tabellenkonstellation ist in dieser Saison eine besondere, die Bundesliga eine Zweiklassengesellschaft – mit fünf enteilten Teams an der Spitze: Bayer Leverkusen, Bayern München, der VfB, RB Leipzig und Borussia Dortmund punkten überdurchschnittlich fleißig – schon seit Monaten zieht das Quintett vorne seine Kreise. Geht es mit der bisherigen Quote weiter, ist am Saisonende die Rekordzahl von 68 Punkten für das Erreichen des vierten Platzes nötig. Zum Vergleich: 2001 wurde der FC Bayern mit 63 Punkten deutscher Meister.
Auch wenn ob des derzeitigen VfB-Höhenflugs kaum etwas auf eine Stuttgarter Leistungsdelle hindeutet, ist in dieser Gemengelage der fünfte Rang am Saisonende kein abwegiges Szenario – die sehr ambitionierten Leipziger (Vierter) und Dortmunder (Fünfter) hat der VfB im Nacken, auf die TSG Hoffenheim (Sechster) in den ersten 13 Spielen aber auch schon ein Polster von zehn Punkten herausgeschossen. Werden die Stuttgarter tatsächlich Fünfter, dürfen sie sich mit ihren Fans in der kommenden Saison auf internationale Abende in der Europa League freuen. Vielleicht aber auch auf mehr. Denn Tabellenplatz fünf könnte sogar für die Teilnahme an der Champions League reichen.
Der Hintergrund: Die Königsklasse wird zur Spielzeit 2024/25 aufgestockt. Von 32 auf 36 Teams, verbunden mit einem neuen Modus. Acht Spiele hat jede Mannschaft in der Vorrunde – vier zu Hause, vier auswärts, jeweils gegen unterschiedliche Gegner. Danach werden anhand einer großen Tabelle und in Play-offs die Achtelfinalisten ermittelt.
Von entscheidender Bedeutung ist nun natürlich, wie die vier zusätzlichen Startplätze vergeben werden. Zwei von ihnen gehen an die beiden Länder, die in der laufenden Saison international am erfolgreichsten sind. Ermittelt wird das über ein spezielles Wertungssystem: Zwei Punkte erspielt eine Mannschaft mit einem Sieg auf europäischer Bühne, einen mit einem Unentschieden. Am Ende wird die Zahl der Punkte durch jene der Teams geteilt – und so der Uefa-Koeffizient ermittelt. Hier ist die Bundesliga mit ihren sieben Mannschaften in dieser Saison gut unterwegs: Belgien (9,4) führt derzeit knapp vor Deutschland (9,36), gefolgt von England (9,25) und Italien (9,14).
Hinzu kommt: Die Belgier dürften den ersten Platz bald einbüßen, wenn Zusatzpunkte in die Rangliste einfließen. Vier Zähler gibt es zum Beispiel für das Weiterkommen in der Champions League – das der FC Bayern, RB Leipzig und Borussia Dortmund schon sicher haben. Ebenfalls vier Punkte bringt ein Gruppensieg in der Europa League – der Bayer Leverkusen nicht mehr zu nehmen ist. Keine Frage, vieles wird auch vom Abschneiden der englischen und italienischen Teams abhängen. Aber ausgeschlossen ist es mitnichten, dass sich die Bundesliga einen der ersten beiden Plätze im Uefa-Ranking sichert.
Die Folge? Deutschland wäre in der kommenden Saison mit acht statt sieben Mannschaften international vertreten, Verschiebungen inbegriffen: Der Tabellenfünfte würde an der Champions League teilnehmen, der Sechste sowie der DFB-Pokalsieger an der Europa League, der Siebte an der Conference League.
Noch aber steht das im Konjunktiv, der volle VfB-Fokus gilt ohnehin dem Sonntag. Schön und reizvoll sei die Aufgabe, Bayer Leverkusen womöglich die erste Saisonniederlage zuzufügen, sagt Hoeneß: „Das wird schwer genug, aber wir werden es versuchen.“ Ein weiterer Schritt in Richtung Europa wäre es obendrein auch noch.