Stuttgart - Bevor das bis dahin gut gehütete Coronageheimnis gelüftet wird, holt Pellegrino Matarazzo erst einmal weit aus. Ausführlich widmet sich der Trainer des VfB Stuttgart am Donnerstagmittag der langen Liste fehlender Spieler und erörtert detailliert die Heilungsprozesse und Rückkehrprognosen von Rekonvaleszenten wie Orel Mangala („Die Belastung wird weiterhin gesteigert“), Chris Führich („Eine Frage des Vertrauens, wann er wieder einsteigen kann“) oder Silas Katompa Mvumpa („Er ist auf einem sehr guten Weg“).
„Und dann“, so fährt Matarazzo fort, „haben wir noch unsere drei Coronafälle.“
Vor dem Testspiel gegen den FC Barcelona (0:3) am vergangenen Samstag hatte der VfB bekannt gegeben, dass nach Sasa Kalajdzic (24), dem ersten Coronafall beim Fußball-Bundesligisten aus Bad Cannstatt, zwei weitere Spieler aus dem Profikader „im Rahmen einer routinemäßigen Testung positiv auf das Coronavirus getestet“ worden seien. Jetzt weiß man auch, um wen es sich dabei handelt: um Tanguy Coulibaly (20) und Nikolas Nartey (21), die, wie Matarazzo berichtet, „auch Symptome gehabt“ hätten, sich „aktuell aber wieder besser fühlen“.
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Nachdem nach VfB-Angaben zunächst der Datenschutz einer Veröffentlichung der Namen im Wege gestanden hatte, erteilten beide Spieler ihrem Arbeitgeber am Mittwoch die Erlaubnis, ihre Fälle publik zu machen. Wovon der VfB gerne Gebrauch macht, da nun einerseits keine Geheimniskrämerei mehr betrieben werden muss. Andererseits soll auch diese Transparenz dazu beitragen, dass die Impfbereitschaft innerhalb der eigenen Mannschaft vor dem Erstrundenspiel im DFB-Pokal an diesem Samstag (15.30 Uhr) beim BFC Dynamo weiter wächst.
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Groß waren Verwunderung und Unverständnis in der Öffentlichkeit, als der VfB gegen Barça nur acht Lizenzspieler aufbieten konnte, da als Vorsichtsmaßnahme auch jene Profis zuschauen mussten, die noch nicht vollständig geimpft waren. Die Stuttgarter Rumpfelf, die dem Starensemble aus Katalonien gegenüberstand, machte deutlich, wie begrenzt die Impfbereitschaft auch im Profisport noch immer ist – sei es aus Furcht vor möglichen Auswirkungen auf die eigene Leistungsfähigkeit, aus grundsätzlichen Erwägungen oder schlicht aus Nachlässigkeit.
Weil der VfB eine Impfpflicht für seine Spieler ablehnt (und diese rechtlich auch kaum durchsetzbar wäre), ist es hauptsächlich Überzeugungsarbeit, die neben allen Vorsichtsmaßnahmen dabei helfen soll, weitere Coronafälle innerhalb des Profikaders zu verhindern. In dieser Woche hat die Sportliche Leitung um Pellegrino Matarazzo und Sportdirektor Sven Mislintat noch einmal das Gespräch mit den bislang ungeimpften Kickern gesucht, um ein weiteres Mal darauf hinzuweisen, dass Corona-Impfungen nicht nur im eigenen Interesse als äußerst ratsam betrachtet werden sollten.
„Wir sensibilisieren die Spieler, wie wichtig es auch für den Verein und die Mannschaft sein kann, sich impfen zu lassen“, sagt VfB-Coach Matarazzo – und weiß gleichzeitig, dass seine Einflussmöglichkeiten begrenzt sind: „Am Ende ist es eine freie Entscheidung, die jeder Spieler für sich treffen darf. Diese wird von uns zu 100 Prozent akzeptiert und unterstützt.“
„Es geht nicht um Drohungen oder Bestrafungen“
Beim VfB hofft man auf die Einsicht der Spieler – ist sich aber auch darüber im Klaren, dass diesem letzten Appell an Vernunft und Verantwortungsbewusstsein nicht die gesamte Mannschaft Folge leisten wird. Überzeugte Impfgegner wird es (selbstredend nicht nur beim VfB) trotz aller Argumente weiterhin geben. Sie müssen sich auch in Zukunft dem engmaschigen Testprogramm unterwerfen, an das sich die Spieler bereits seit Beginn der Coronapandemie gewöhnt haben. Weitergehende Konsequenzen oder Nachteile haben sie nicht zu befürchten. Kein Thema sei es, geimpften Spielern in Zukunft den Vorzug gegenüber ungeimpften zu geben, versichert Matarazzo: „Es geht nicht um Drohungen oder Bestrafungen, sondern nur darum, die Gesundheit der Mannschaft zu schützen.“
Als hoffentlich bald Genesene dürfen künftig auch Sasa Kalajdzic, Tanguy Coulibaly und Nikolas Nartey neue Freiheiten genießen. Vorerst aber befinden sie sich weiter in 14-tägiger häuslicher Quarantäne – und bleiben auch dort nicht vor harter Arbeit verschont. Kalajdzic trainiere bereits wieder fleißig auf dem Spinningrad, berichtet Pellegrino Matarazzo, „auch die anderen beiden werden sicher schon bald ihre Fitnessprogramme durchziehen können“.