VfB Stuttgart Nicht nur Cleverness – was der VfB vom FC Porto lernen kann
Dem Bundesligisten hat im Achtelfinal-Hinspiel der Europa League stets ein Tick gefehlt. Jetzt muss er schnell lernen, um auf höchstem Niveau zu bestehen.
Dem Bundesligisten hat im Achtelfinal-Hinspiel der Europa League stets ein Tick gefehlt. Jetzt muss er schnell lernen, um auf höchstem Niveau zu bestehen.
Fabian Wohlgemuth verfügt ja über ein breites Kreuz. Zudem ist er 1,90 Meter groß. Eine gehörige Abwehrkante war der Berliner zu seiner aktiven Zeit – und jetzt als Sportvorstand des VfB Stuttgart stellt er sich schon mal schützend vor die Spieler. Nicht mehr körperlich, wie er früher das eigene Tor verteidigt hat, aber im übertragenen Sinne mit seiner Wortgewalt. Wie nach dem 1:2 in der Europa League gegen den FC Porto.
Wohlgemuth wurde auf die mangelnde Dynamik des Mittelfeldduos Atakan Karazor und Angelo Stiller angesprochen. Ebenso auf den Mangel an aggressiver Führung auf dem Platz, was sich ebenfalls an der Stuttgarter Doppelsechs festmachen lässt. Berechtigte Einwürfe, wenn der VfB auf höchstem internationalem Niveau gefordert ist. Und das war der Tabellenvierte der Fußball-Bundesliga gegen den Spitzenreiter der Premeira Liga.
Der FC Porto ist seiner aktuellen Verfassung wieder ein Hochkaräter. Da wurden bei den Stuttgartern Schwächen offenbart. Nicht nur im Zentrum des Spiels. „Atakan und Angelo können unter Druck Pässe spielen, sie kurbeln unsere Offensive an und stehen im Mittelfeld für Ballsicherheit. Wir sind sehr froh, dass wir sie haben“, sagt Wohlgemuth über Karazor und Stiller. Sie antizipieren auch viele Angriffe des Gegners und besetzen oft die richtigen Räume. An diesem Europapokal-Abend taten sie das jedoch nicht konsequent genug. Jedenfalls nicht in den vermaledeiten acht Minuten des Spiels.
Mit einem Lattentreffer von William Gomes nahm das Unheil seinen Lauf. Unmittelbar danach leisteten sich vor den Gegentoren durch Terem Moffi (21.) und Rodrigo Mora (27.) erst der Torhüter Alexander Nübel und danach der Abwehrchef Jeff Chabot folgenreiche Fehlpässe. Der VfB hat „kurzzeitig den Kopf verloren“, wie der Trainer Sebastian Hoeneß sagt – und das führt unweigerlich auch zu Stiller und Karazor, die Führungsansprüche erheben und die Kontrolle Seko Fofana im blauen Trikot mit den gelben Nadelstreifen überlassen mussten.
Doch es wäre nicht fair, die Niederlage im Achtelfinal-Hinspiel an der Doppelsechs festzumachen. Den Stuttgartern fehlte in vielen Bereichen ein Tick. Bissigkeit, Cleverness, Präzision, Tempo, Effizienz. Die Elf von Francesco Farioli brachte das alles auf den Punkt ein. Und nur, um nicht missverstanden zu werden: Der gewachsene und gereifte VfB verfügt über diese Elemente in seinem Spiel. Oft kommen sie zum Tragen. Allerdings brachte er sie im ersten Aufeinandertreffen mit dem FC Porto nicht durch.
Den Gästen genügte eine kurze, dominante Phase, um erst das Momentum und danach das ganze Spiel auf ihre Seite zu ziehen. Sie sahen es nicht einmal für erforderlich an, den Vorsprung auszubauen. Selbst nach dem Anschlusstreffer durch Deniz Undav (40.) blieben sie stabil, nüchtern, kühl. In nahezu jederzeit Situation. Ein Topteam, das weiß, was es kann und was es will.
Nicht zum ersten Mal macht der VfB auf seiner Europa-Tour Grenzerfahrungen mit einer abgezockten Mannschaft, die es versteht, den Stuttgarter Spielrhythmus zu brechen. Fenerbahce Istanbul und die AS Rom in der laufenden Europa-League-Runde führten es ebenso vor wie im Jahr davor Atalanta Bergamo und Paris Saint-Germain in der Champions League. Mit unterschiedlichen Mitteln. Diesmal betrieben die Profis aus Portugal zusätzlich das verschriene italienische Zeitspiel, um die Netto-Spielzeit zu reduzieren. Das nervt natürlich. „Sie sind nach Fouls erst dann wieder aufgestanden, wenn sie es mussten“, sagt Wohlgemuth.
Hoeneß hätte sich durch Donatas Rumsas aus Litauen eine „straffere Spielleitung“ gewünscht. Der Schiedsrichter war schwach, doch letztlich spielte der Gegner seine Stärken aus. „Unerbittlich“, so Wohlgemuth. Was für den VfB mal wieder eine Lektion auf internationaler Bühne beinhaltet. „Porto hat seine Halbzeit-Führung mit allen Mitteln erstritten“, sagt Wohlgemuth, „neben sportlicher Qualität war ein gehöriges Maß an Provokation dabei. Das gehört offensichtlich auf diesem Level dazu. Hier komplett immun zu bleiben, ist für uns ein wichtiges Lernfeld.“
Schnell zu lernen, beabsichtigt der VfB. Weil er sich vor dem Rückspiel am kommenden Donnerstag nicht geschlagen geben will. Trotz der schwierigen Ausgangslage. Zudem steht bereits am Sonntag (19.30 Uhr) die nächste Herausforderung an. Diesmal national gegen RB Leipzig, den punktgleichen Rivalen um einen Champions-League-Rang.
Im Grunde ist die Partie gegen die Sachsen sogar das wichtigere Spiel für die Stuttgarter, da es im Kernwettbewerb für Trainer und Team sportlich um viel geht und für den Club aus wirtschaftlicher Sicht. „Da brauchen wir die gleiche Intensität, Emotionalität und Bereitschaft, alles zu geben, wie gegen Porto“, sagt Hoeneß. Und voraussichtlich benötigen die Stuttgarter ebenso ein paar frische Kräfte, um nicht wieder durch den Sportchef beschützt werden zu müssen.