VfB Stuttgart Der VfB setzt auf Realitätssinn und Stabilität

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Der VfB ist Rückrunden-Vizemeister: Nach einem emotionalen Wochenende ist nun wieder ein scharfer Verstand gefragt – ein klarer Fall für die Vereinsspitze.

Anastasios Donis im Anlauf auf das Bayern-Tor.Foto:Pressefoto Baumann Foto:   23 Bilder
Anastasios Donis im Anlauf auf das Bayern-Tor. Foto:Pressefoto Baumann

München - Der VfB Stuttgart legt schon noch Wert auf seinen Briefkopf. Dieser ist zwar in Zeiten der elektronischen Post nicht mehr so gewichtig wie einst, aber das offizielle Papier dient noch immer als Ausdruck eines traditionellen Selbstverständnisses und als Dokument vergangener Triumphe. Fünf Meisterschaften und drei Pokalsiege hat der VfB in feinen Lettern darauf gesetzt. Und jetzt laufen die Stuttgart nicht Gefahr, in Größenwahn zu verfallen, doch nach diesem Samstag in München könnten sie sich schon eine Fußnote dazu denken: Der VfB ist Rückrunden-Vizemeister 2018.

Ersonnen hat dieses Titelchen Michael Reschke, der rheinische Pfiffikus in Diensten der Schwaben. Sportlich völlig bedeutungslos findet der Manager seine Wortschöpfung zwar, aber sie ist eben doch eine Auszeichnung für die Leistungen nach der Winterpause. Ein Silberschälchen aus Aluminiumfolie wird Reschke dennoch nicht basteln, weil er darin nicht so geschickt ist, wie er zugibt. Einen besonderen Stolz verspürt der Sportchef dennoch, gerade nachdem die zweitbeste Rückrundenmannschaft der Fußball-Bundesliga das zweifellos beste Team der Liga im eigenen Stadion unmittelbar vor der nächsten Meisterfeier im Grunde demontiert hatte.

Korkuts Plan wird perfekt umgesetzt

4:1 beim FC Bayern München! „Das ist schon surreal“, sagte Reschke. Und der Präsident Wolfgang Dietrich streifte in einer Mischung aus Begeisterung und Erstaunen durch die Katakomben der Arena. „Unfassbar“, entfuhr es nicht nur ihm ­immer wieder. Das Gleiche war aus der ­Kabine zu hören. Wie aus einer Traumwelt schien dieses Ergebnis in die Wirklichkeit gekommen zu sein. Mit Magie hatte die ­Angelegenheit jedoch wenig zu tun. Befand zumindest ein Vater des Erfolgs: ­Tayfun Korkut.

Für den pragmatisch veranlagten Trainer war der Überraschungscoup vielmehr die Folge aus einem guten Matchplan und dessen perfekter Umsetzung. „Die Mannschaft ist von Anfang an bedingungslos hinter unseren Ideen gestanden. Mit großer Beständigkeit hat sie sich auch daran ­gehalten“, sagt Korkut. Diesmal war ihm eingefallen, die Münchner über die Außenbahnen zu attackieren beziehungsweise zu blockieren. Daniel Ginczek spielte auf dem linken Flügel, Anastasios Donis auf dem rechten. Mit ihrem Tempo setzten sie die berühmten „Nadelstiche“ in Form von Toren, mit ihrer Laufbereitschaft und Einsatzfreude halfen sie auch immer wieder hinten als doppelte Außenverteidiger aus. Im Sturmzentrum nahm Chadrac Akolo, der dritte Torschütze, den Platz von Mario Gomez ein. Der Nationalspieler fehlte kurzfristig, weil er Vater geworden war.

Ein schlüssiges Konzept, meinte Reschke, als er vor dem Anpfiff von Korkuts Taktik erfuhr – und dachte bei sich: „Gut, aber die anderen sind eben die Bayern – und die spielen mit voller Kapelle.“ Hinterher hatte der Sportchef seine Gefühlslage neu zu ordnen, weil er zunächst nicht wusste, wem er mehr Respekt zollen sollte: der Mannschaft oder dem Trainer? Reschke einigte sich auf ein gerechtes Unentschieden.

Erreicht von einem Coach, der anfangs skeptisch beäugt wurde und vor dem viele nun den Hut ziehen. Nach den Ausfällen der gesperrten Santiago Ascacibar und Dennis Aogo hatte er Mut bewiesen, und seine Anfangsformation erinnerte an eine Wolf-Schindelmeiser-Elf. Die Spielweise trug jedoch die Handschrift Korkuts. Aus der defensiven Stabilität entwickelte sich die offensive Effektivität. Aus dem Vertrauen, kritische Phasen schadlos überstehen zu können, hat sich eine Stärke ergeben. Und der Wille, nicht nachzulassen, hat dazu geführt, dass die Saison für den VfB zwar gespielt, aber nicht zu Ende ist.

Reschke wünscht sich Stabilität

Die Stuttgarter stehen zum Abschluss auf dem siebten Tabellenplatz, der ihnen das Tor zur Europa League öffnen könnte. Gewinnen die Bayern am Samstag das DFB-Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt, tritt der VfB auf die internationale Bühne. Ein unerwartetes Szenario. Auch eines, das der Verein im ersten Jahr nach dem Aufstieg nicht angestrebt hatte. „Aber wir werden jetzt nicht jammern, wenn es so weit kommen sollte“, erklärte Dietrich.

Es ist sogar davon auszugehen, dass eine Reihe der Spieler, die den Münchnern so zugesetzt haben, nun zu Bayern-Fans werden. Den Realitätssinn wollen sie beim VfB im Glücksrausch jedoch nicht verlieren. „Stabilität wird das Schlagwort für die kommenden Monate sein“, betonte Reschke. Korkut ist das klar. Er will sich das Pokalfinale gemütlich mit einem Glas Rotwein in der Hand im Fernsehen anschauen. Nur nicht zu früh freuen, ist sein Motto. „Den Klassenverbleib frühzeitig aus eigener Kraft geschafft zu haben – das war das Allerwichtigste für uns, alles danach ist Bonus“, sagte der Trainer über ein Ende, das perfekt gelaufen ist und nun den Anfangspunkt von etwas Größerem bilden könnte.