Der Publikumsliebling beweist seinen Wert für den VfB in Augsburg auf Anhieb und drängt auf mehr Spielzeit. Dennoch ist auch ein erneuter Bankplatz am Mittwoch gegen RB Leipzig denkbar – aus mehreren Gründen.
Mit welch großen Erwartungen die Rückkehr von Deniz Undav beim VfB Stuttgart verbunden ist, zeigte sich im Spiel beim FC Augsburg lange vor seinem ersten Ballkontakt. Anhand einer winzigen und eigentlich belanglosen Szene, die den Anhang aber prompt in Verzückung versetzte: Bei Eiseskälte machte sich der Stürmer in der 30. Minute auf den Weg von der Ersatzbank hinter das Tor, trabte ein paar Bahnen vor der Fankurve – in der es von einem Moment auf den anderen laut wurde.
Schmerzlich haben die Stuttgarter den Stürmer vermisst, der zwei Monate aufgrund eines Muskelfaserrisses hatte aussetzen müssen. Dass dies nicht jeder Grundlage entbehrt, bewies Undav in Augsburg in kürzester Zeit. Keine fünf Minuten nach seiner Einwechslung steuerte er das Tor des Tages zum 1:0-Auswärtserfolg bei, obendrein in seiner typischen Manier. Ohne die große Wucht oder brachiale Gewalt – dafür mit Instinkt und Torriecher, als er auf der Abseitslinie lauerte, im richtigen Moment nach einem Chipball von Angelo Stiller startete und im zweiten Versuch vor dem Augsburger Torhüter Finn Dahmen die Nerven behielt (65. Minute). „Wie im Bilderbuch“ sei das Comeback gelaufen, befand Undav im Anschluss: „Das Gefühl, wieder auf dem Platz zu stehen, ist unbeschreiblich.“
Hoeneß: „Wichtig ist, dass wir die Jungs gut ranführen“
Zum Gesamtbild gehört aber auch, dass man Undav die lange Zwangspause in manchen Aktionen schon noch ansah. Bei unbedrängten Abspielfehlern – nur knapp 70 Prozent seiner Pässe kamen an. Oder in den Zweikämpfen – nur eines seiner acht direkten Duelle konnte er für sich entscheiden. Zugleich entfaltete die bloße Präsenz des Stürmers Wirkung, der sich immer wieder zwischen den Linien bewegte und so für die Augsburger schwer zu greifen war. Und über allem steht natürlich bei einem Angreifer die Effektivität. Auf sechs Saisontore kommt Undav bereits trotz seiner zuletzt langen Ausfallzeit.
Die Knipser-Qualitäten bilden in diesen Tagen auch einen Unterschied zu Ermedin Demirovic, der nun schon seit sechs Pflichtspielen auf einen Torerfolg wartet. Auch nach der Partie in Augsburg ist das so, wo der Bosnier im ersten Durchgang zwei gute Kopfballchancen liegen ließ und später für Undav ausgewechselt wurde. „Er hat sich die Chancen mit viel Laufarbeit wie so oft erarbeitet“, sagte der Stuttgarter Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, um dann aber auch anzumerken: „Er hätte auch ein Tor erzielen können.“
Ermedin Demirovic blieb in Augsburg ohne Torerfolg. Foto: Baumann
Das sieht der selbstkritische Demirovic nicht anders, der tägliches Training mit dem Kopfballpendel ankündigte: „Es ärgert mich total, das Tor nicht gemacht zu haben. Es braucht einen Knotenlöser.“ Für ebendiesen benötigte Undav nur wenige Minuten. „Das ist Deniz“, sagte Demirovic, „er braucht nicht viele Chancen. Er braucht keine Eingewöhnungszeit.“
Der jüngste Kontrast führt fast unweigerlich zur Startelf-Frage mit Blick auf das kommende Duell mit RB Leipzig an diesem Mittwoch (20.30 Uhr). Muss Demirovic für Undav auf die Bank? Oder Nick Woltemade, der sich in Augsburg aufrieb und nicht den ganz großen Einfluss aufs Spiel hatte? Dass Undav auf Spielzeit brennt, ist kein Geheimnis. Schon im vergangenen Dezember hatte der Stürmer am Rande des Heimspiels gegen den FC St. Pauli (0:1) betont, eigentlich bereit zu sein. Für Mittwoch gilt das erst recht. „Das Wichtigste ist jetzt das Spiel gegen Leipzig“, sagte Undav, „die Bundesliga ist gerade für mich persönlich der wichtigste Wettbewerb.“
Sebastian Hoeneß aber lässt sich noch nicht in die Karten schauen, was eine Startelf-Rückkehr des Stürmers angeht. Das Letzte, was der Stuttgarter Cheftrainer vor den zahlreichen englischen Wochen brauchen kann, ist ein Rückfall bei Undav aufgrund einer frühzeitigen Belastung. „Wichtig ist“, sagte Hoeneß, „dass wir die Jungs gut ranführen. Wir müssen weiter sehr verantwortungsbewusst mit ihnen umgehen.“
Fest steht unabhängig von der Aufstellung: Das offensive Repertoire ist ein deutlich größeres als noch gegen Ende des vergangenen Jahres. Aufgrund von Rückkehrern wie Undav oder Jamie Leweling, der in Augsburg ebenfalls sein Comeback gab. Aber auch aufgrund von Neuzugang Jacob Bruun Larsen, der auf dem Flügel ein vielversprechendes Debüt gab. „Anders als vor der Winterpause haben wir eine gewisse Variabilität und Einwechselspieler, die Schwung mitbringen und das Spiel sofort verändern können“, sagt Wohlgemuth.
Wie Undav in Augsburg – wo er nicht zum ersten Mal unter Beweis stellte, auch von der Bank auf Anhieb Wirkung entfalten zu können. Eine erneute Jokerrolle ist deshalb auch für Mittwoch kein abwegiges Szenario. Auf seine Minuten dürfte der Publikumsliebling in jedem Fall kommen. Und damit auch der Anhang in der Kurve auf seine Kosten.