VfB Stuttgart Skandal-Spiel von Belgrad: Das ist aus dem VfB-Protest geworden

Gespenstische Atmosphäre: Die wenigen Fans des VfB Stuttgart, die ihre Reise zum Spiel bei Roter Stern Belgrad bis ins Stadion geführt hatte. Foto: IMAGO/Aleksandar Djorovic

Für den VfB steht die nächste Europapokalsaison vor der Tür. Und für die Fans wieder Auswärtsreisen, die es in sich haben könnten. Wie stehen Uefa und DFB zu Fanbelangen?

Sport: Gregor Preiß (gp)

Nicht nur Christian Schmidt blickt dem 29. August gebannt entgegen. Dann werden am Sitz der Uefa in Nyon die Lose zur diesjährigen Gruppenphase der Europa League gezogen. Neben dem Leiter der Stuttgarter Fanbetreuung werden alle, die es mit dem Club mit dem Brustring halten, in freudiger Erwartung auf die acht Gegner blicken, mit denen es der Pokalsieger – analog zu der vergangenen Champions-League-Spielzeit – zu tun bekommen wird.

 

Bei vielen Fans, vor allem jenen aus der organisierten Szene, stehen besonders die vier Auswärtspartien hoch im Kurs. Birmingham, Nottingham, Bologna, Rom, Zagreb oder Exoten aus Osteuropa und Skandinavien: Die Anhänger aus Schwaben werden die Auswärtsreisen garantiert wieder zu einem Happening machen.

Auch wenn es sich dieses Mal „nur“ um die kleine Schwester der Königsklasse handelt, sagt Schmidt stellvertretend für die Fans: „Wir sind gespannt und blicken dem Wettbewerb mit großer Freude entgegen.“

So äußern sich Uefa und der DFB

Mit Freude, aber auch mit Unbehagen. Schließlich sind die Erinnerungen an die zurückliegende Champions-League-Saison noch frisch. Und nicht nur positiv. In Madrid wurden die Massen an VfB-Fans von der Polizei drangsaliert, vor dem Spiel in Turin schikanierten die Juventus-Verantwortlichen bei der Ticketvergabe. Negativer Höhepunkt war das Spiel in Belgrad. Nacktkontrollen an der serbischen Grenze veranlassten die Stuttgart Szene, auf der Stelle kehrt und das Spiel aus VfB-Sicht zu einer Art Geisterspiel zu machen.

Fans von Roter Stern Belgrad beim Spiel gegen den VfB Stuttgart Foto: IMAGO/Aleksandar Djorovic

„Solche Zustände sind nicht hinnehmbar“, wetterte VfB-Boss Alexander Wehrle und forderte „Politik, Uefa und die Clubs“ auf, ihre Verantwortung ernst zu nehmen. Der VfB legte Protest ein.

Nur, was ist daraus geworden, acht Monate nach den Ereignissen an der serbischen Grenze? Die Antwort: Nicht viel. Auf Anfrage unserer Redaktion antwortete die Uefa: „Wir haben uns mit dem VfB Stuttgart über die Vorgänge in Belgrad ausgetauscht. Darüber hinaus hat die gemeinsame Arbeitsgruppe für Auswärtsfans im Namen der Stuttgarter Fans mit Football Supporters Europe (FSE) über ihre Erfahrungen in Belgrad gesprochen.“ Im Klartext: viel Gerede, wenig Konkretes. Serbische Grenzer werden auch in der kommenden Saison Fans aus dem Ausland wohl nicht per Handkuss begrüßen. „Da wird nicht mehr groß was bei rauskommen“, sagt auch Fanbetreuer Schmidt.

VfB-Fanbetreuer Schmidt: „Es liegt nicht an der Uefa“

Er steckt tief drin im Thema, hat sich in der Vergangenheit über die Kommission Fans und Fankulturen immer wieder mit Anhängern aus Dortmund, Frankfurt und München ausgetauscht. Seine Erkenntnis: „Es liegt nicht an der Uefa.“

In vielen Bereichen, so Schmidt, seien auch dem scheinbar allmächtigen Fußballverband die Hände gebunden. Stichwort nationales Recht. Im Prinzip darf jeder Staat, jede Kommunalbehörde, jeder Verein die Dinge regeln, wie sie ihm belieben. Das betrifft die Situation an den Grenzen genauso wie in den Innenstädten oder bei den Einlasskontrollen am Stadion. In Serbien beispielsweise sind Grenzkontrollen üblich, da das Land weder zur EU noch zum Schengen-Raum gehört. Der Frankfurter Philipp Reschke, ebenfalls Mitglied der Fan-Kommission, ergänzt: „Es häufen sich die Negativbeispiele, bei denen mit organisatorischen Maximalhürden, zunehmend aber auch mit behördlichen Verboten der Besuch von Auswärtsspielen extrem erschwert oder verhindert wird.“

Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verfolgt die Berichte über Vorfälle bei internationalen Auswärtsspielen „mit hoher Aufmerksamkeit“, wie der DFB auf Anfrage mitteilt. Dem Verband sei es wichtig, dass Fans ihre Teams auch im Ausland sicher und unter berechenbaren Bedingungen unterstützen können. „Gleichzeitig respektieren wir die Souveränität der jeweiligen Staaten und die dort geltenden Vorgaben“, so der DFB.

Anders als im eigenen Land, wo Nacktkontrollen laut einem Präzedenzurteil aus dem Jahr 2007 gegen die Menschenwürde verstoßen, werden sie andernorts als bewusstes Mittel gegen die vor allem reisefreudigen deutschen Fußballfans verwendet. Der eigene Organisationsaufwand soll möglichst gering gehalten werden. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass in der Vergangenheit nicht jeder deutsche Anhänger auf Auswärtsfahrt feinste Benimmregeln an den Tag gelegt hat.

Verhältnismäßigkeit vielerorts nicht mehr gewahrt

Trotz allem, darin herrscht von Fans über Vereine bis hin zum DFB weitgehend Einigkeit: Die Verhältnismäßigkeit ist vielerorts nicht mehr gewahrt.

Fragt man Christian Schmidt nach den größten Problemländern, antwortet er etwas ausweichend: „Positivbeispiele finden sich vor allem im Norden.“ Womit nicht Großbritannien gemeint ist, sondern Skandinavien. Der erfahrene Fan-Betreuer betont: „Es geht nicht gegen die Uefa, sondern nur mit ihr.“ Sein beharrlicher Ansatz: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“

Uefa und DFB beteuern, sich für stimmungsvolle Spiele einsetzen und Auswärtsfans keinesfalls als zu bekämpfendes Übel wahrnehmen zu wollen. Man werde auf politischer Ebene „im Rahmen unserer Möglichkeiten auf Verbesserungen im Sinne der Fan-Belange hinwirken“, teilt der DFB weiter mit.

An der Basis kämpfen VfB-Fanbetreuer Schmidt und seine Mitstreiter in Arbeitsgruppen weiter. Man ist bestens vernetzt. Das gemeinsame Ziel: Auswärtsfahrten an europäische Hotspots genauso wie an entlegendste Orte sollen weiterhin für Lust statt für Frust sorgen.

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