VfB Stuttgart Spielball der Superagenten

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Antonio Rüdiger will den VfB Stuttgart verlassen. Doch das Beispiel des Fußballprofis zeigt, wie komplex sich ein Millionentransfer gestalten kann.

Mittendrin im VfB-Geschehen: der abwanderungswillige Antonio Rüdiger (hinten) trainiert nach einer kleinen Auszeit wieder mit der Mannschaft. Foto: Baumann 12 Bilder
Mittendrin im VfB-Geschehen: der abwanderungswillige Antonio Rüdiger (hinten) trainiert nach einer kleinen Auszeit wieder mit der Mannschaft. Foto: Baumann

Stuttgart - Pünktlich um 15 Uhr steht Antonio Rüdiger auf dem Trainingsplatz. Mit seinen Teamkollegen ist er aus der Kabine getreten, hat nach der verordneten Auszeit ein wenig gewitzelt. Jetzt nimmt er die Arbeit beim VfB Stuttgart wieder auf. Mittendrin auf dem Rasen, wo der neue Chefcoach Alexander Zorniger versucht, eine Mannschaft für die Zukunft zu bauen, ebenso einen frischen Teamgeist zu implantieren. Nicht von Egoismen soll dieser geprägt sein, sondern von einem starken Zusammenhalt. Und Rüdiger gefährdet dieses Projekt. Im Prinzip. Weniger aus sportlicher Sicht. Vielmehr, weil sich der Innenverteidiger dazu entschieden hat, den Fußball-Bundesligisten zu verlassen – und deshalb begleitet den 22-Jährigen an diesem Nachmittag bei allen seinen Aktionen auch die Frage: Wohin geht er denn?

So genau weiß das im Moment niemand. VfL Wolfsburg, Atlético Madrid, FC Chelsea – das sind die gehandelten neuen Arbeitgeber. Und diese Auswahl ist auch Teil des Problems. Weshalb der VfB den Nationalspieler zuletzt ein paar Tage freigestellt hatte, damit er seine Situation ordnet. Dennoch entwickelt das Transfergeschäft noch keine Dynamik. Obwohl es für einen Spieler wie Rüdiger einen Markt gibt – und beide Seiten ein Interesse daran haben, den Wechsel schnell über die Bühne zu bringen. Der VfB, weil er die Gewissheit und das Geld braucht, um Ersatz zu besorgen. Der Spieler, weil er nach einer Verletzungspause, Abstiegskampf und Länderspielreise wertvolle Vorbereitungszeit verliert.

Viele Berater wollen profitieren

Doch zwischen diesen beiden Verhandlungspartnern mischen sich eine ganze Reihe von weiteren potenziellen Profiteuren. So wird in Spanien und England seit Tagen kolportiert, dass Jorge Mendes seine Fühler ausgestreckt habe, um am Wechsel zu partizipieren. Jorge Mendes ist jener Spielervermittler, der ganz dick im Geschäft ist. Auf mehr als 1,5 Milliarden Euro soll sich das Gesamtvolumen belaufen, das der Portugiese schon an Transfergeschäften getätigt hat. Das liegt natürlich an der edlen Klientel des Strippenziehers aus Porto. Cristiano Ronaldo gehört dazu, auch Radamel Falcao und James Rodríguez – eben alles, was der portugiesische und südamerikanische Markt an Hochkarätern zu bieten hat. Auch José Mourinho zählt zu den Mandanten der Agentur Gestifute, und der Startrainer des FC Chelsea sagt gerne: „Jorge Mendes ist der beste Agent der Welt.“ Und eben dieser Superagent soll sich nun um Antonio Rüdiger kümmern?

„Davon weiß ich nichts“, sagt Sahr Senesie – und er müsste es ja wissen. Er ist Rüdigers Halbbruder und seit wenigen Wochen auch dessen Berater. „Gegenüber dem VfB trete nur ich auf“, betont Senesie und will vor allem den Eindruck vermitteln, dass er alle Fäden fest in der Hand hat. Auch wenn Fritz Fuchs ebenfalls als Rüdigers Berater agiert. „Sie können sicher sein, dass wir das alleine schaffen“, sagt Senesie.

Vor einer Woche war er bei Robin Dutt, um mit dem Stuttgarter Manager noch einmal die Möglichkeiten auszuloten. Verkaufsdruck verspürt Dutt aber nicht. Er hat in den Poker­modus geschaltet. „Wir haben immer gesagt, dass wir unter gewissen Umständen bereit sind, den Spieler abzugeben“, sagt der Sportchef. Die gewissen Umstände belaufen sich ziemlich genau auf 18 Millionen Euro. Weniger soll es nicht werden. Eher mehr, wenn die bietenden Vereine die Ablösesumme nach oben treiben.

Fährt Rüdiger mit ins Trainingslager

Wenn es so kommt, wäre Rüdiger nach Mario Gomez (für 35 Millionen Euro zum FC Bayern) der zweitteuerste Transfer der VfB-Geschichte. Wenn nicht, hält sich Dutt immer noch die Option offen, Rüdiger einfach zu behalten. „Das wäre nicht die schlechteste Lösung“, sagt der Manager. Sportlich gesehen. Atmosphärisch müsste sich der VfB dann wieder mit der Frage auseinandersetzen, wie er einen Spieler inte­griert, den er eigentlich als Identifikationsfigur aufbauen wollte und der seinerseits die Stuttgarter recht schnell verlassen will.

Doch noch sind sich alle sicher, dass Rüdiger durch das Transferfenster schlüpft. Bis Ende August bleibt es offen. Doch schon Ende der Woche fährt der VfB ins Trainingslager nach St. Gallen. Mit oder ohne Rüdiger? Abwarten, heißt es beim VfB. Eine offizielle Stellungnahme zu der Personalie gibt es nicht, auch kein Ultimatum. Was zeigt, wie komplex dieser Millionentransfer auf den verschiedensten Ebenen ist. Denn je länger sich die gefühlte Hängepartie um den talentierten Abwehrspieler hinzieht, desto größer wird die Gefahr, dass er zum Spielball zwischen all den Superagenten und Club-Unterhändlern wird.