Die 100-Euro-Marke ist nicht gefallen. Aber beinahe. Wer im Saisonendspurt eines der begehrten Tickets für die Heimspiele des VfB Stuttgart ergattert hat, musste dafür gegen Teams wie den FC Bayern in der ersten Kategorie 95 Euro hinblättern. Ein stolzer Betrag, der den bisherigen Höchststand beim VfB für eine normale Eintrittskarte ohne VIP-Vorzüge markiert. Und auch eine Reaktion auf die riesige Nachfrage in der zurückliegenden Erfolgssaison? Bedingt.
Ein Blick zurück zeigt: In der Vorsaison im Abstiegskampf bewegten sich die Preise gegen die Münchner in ähnlichen Bereichen, auch in den niedrigeren Kategorien. Ein mittiger Kurvensitzplatz im Oberrang kostete damals knapp 50 Euro – wie vor knapp vier Wochen beim 3:1-Sieg auch. Das liegt ohne Frage auch im Faktor Topspielzuschlag begründet, beim VfB sind die Partien wie bei anderen Bundesligisten auch je nach Gegner in Preisklassen eingeteilt.
Allerdings waren für denselben Sitzplatz in Stuttgart zuletzt auch gegen weniger namhafte Gegner Beträge fällig, die nicht meilenweit darunter liegen. Zum Beispiel vor drei Jahren zum Liga-Auftakt gegen den Aufsteiger SpVgg Greuther Fürth 39,50 Euro. Alles in allem also keine übermäßige steile Preiskurve in diesem Bereich.
Rund zehn Prozent Preisanstieg bei den Dauerkarten zur kommenden Saison
Aber: Für die kommende Saison ist bei den Dauerkarten ein deutlicher Anstieg zu beobachten. Zwischen 2017 und 2023 waren die Preise sukzessive um rund zehn Prozent gestiegen – von 744 Euro auf 804 in der teuersten Kategorie, von 418 Euro auf 465 für besagten Kurven-Sitzplatz im Oberrang. Für die anstehende Spielzeit kommen nun auf einen Schlag nochmals diese zehn Prozent obendrauf, 885 und 510 Euro sind dann fällig.
Darüber hinaus haben sich die Preisklassen in manchen Blöcken verschoben – und das nicht zum Vorteil der Käufer: Blieb die erste Kategorie früher ausschließlich auf die Haupttribüne beschränkt, wurde sie nun auch auf den mittigen Bereich der Gegengerade ausgeweitet. Und wo man früher im seitlichen Bereich der Haupttribüne in Kategorie 4 saß, fällt heute ein- und derselbe Platz unter Kategorie 3. Eine indirekte Preiserhöhung.
Der Stadionbesuch beim VfB wird also teurer – aber eben auch in Zeiten allgemeiner Teuerung. Im Vergleich mit der Bundesliga-Konkurrenz heben sich die Stuttgarter nicht merklich ab, weder nach oben noch nach unten. Und dass man mit einer Jahreskarte durchschnittlich pro Spiel deutlich günstiger fährt, ist ohnehin keine Neuigkeit: Durchschnittlich 52 Euro sind in der kommenden Saison pro Spiel für ein Ticket der ersten Kategorie fällig, 30 für einen Kurven-Sitzplatz. Es wäre eine große Überraschung, wenn die vom VfB gesetzte Grenze von 36 000 Dauerkarten beim Start des Mitglieder-Verkaufs am 29. Juni nicht binnen kürzester Zeit erreicht wäre. Gut zwei Drittel der Standard-Tickets im Heimbereich der MHP-Arena werden dann schon vergriffen sein.
Der VfB hat seit dem Umbau 4500 VIP-Plätze
Was zu einem zentralen Ticket-Knackpunkt führt: Es gibt einfach nicht genügend Plätze, um der riesigen Nachfrage nachkommen zu können. Einerseits lässt sich dieses Dilemma kaum auflösen, über ein Stadion mit 100 000 Plätzen verfügt der VfB nun mal schlichtweg nicht. Andererseits aber hat zuletzt auch eine Verschiebung stattgefunden: Immerhin 1200 normale Tageskarten sind während des Umbaus in den vergangenen beiden Jahren weggefallen.
Der Hintergrund: Der VIP-Bereich wurde um 800 Plätze erweitert, gleichzeitig sank die Gesamtkapazität um rund 400 Plätze auf jetzt 60 058. Die Umschichtung fand ausschließlich auf der Haupttribüne statt, wo im Unterrang der Bereich zwischen den Strafräumen wie vielerorts üblich nun komplett den Ehrengästen vorbehalten ist. Damit verfügt der VfB nach dem FC Bayern über den zweitgrößten VIP-Bereich der Bundesliga (4500 Plätze), rund jeder zwölfte Platz im Heimbereich der MHP-Arena fällt darunter. Mehrere hundert Euro sind hier für ein Ticket fällig, bei einem ausverkauften Heimspiel kommt durch VIP-Ticket-Einnahmen ein mittlerer einstelliger Millionenbetrag zusammen. Für den VfB ohne Wenn und Aber ein relevanter finanzieller Faktor.
Das betont auch der VfB-Marketing-Vorstand Rouven Kasper: „Die Businessbereiche sind inzwischen eine elementare Einnahmequelle und wichtig für das gesamte Preisgefüge in der MHP-Arena.“ Will heißen: Durch die Einnahmen im hochpreisigen Segment lassen sich die Preise in anderen Stadionbereichen verhältnismäßig niedrig halten. Etwa bei den 11 225 Stehplätzen, die größtenteils per Dauerkarte an den Mann und die Frau gehen. Hier betrug die Preiserhöhung zur kommenden Saison übrigens nur fünf Prozent – von 227,50 Euro auf 240.
Nicht einmal ein einziges VIP-Ticket ließe sich mit diesem Betrag kaufen, die beiden Extreme des Stadionbesuchs trennen fraglos Welten. Ein Spannungsverhältnis sieht Kasper aber nicht. „Wir sind ein Abbild der Gesellschaft und ziehen ganz unterschiedliche Personengruppen an“, sagt der Stuttgarter Marketing-Chef. Dazu zähle natürlich die Cannstatter Kurve mit ihrer unglaublichen Atmosphäre, genauso aber auch die Rolli-Plätze, der Familienblock oder der VIP-Bereich: „Wir haben für jeden ein passendes Angebot und auch künftig soll ein Stadionbesuch beim VfB für alle ein ganz besonderes wie auch erschwingliches Erlebnis bleiben.“
Dabei werden aber natürlich auch in der kommenden Saison die Preise wieder je nach Gegner variieren und bei den besonderen Highlights steigen. Im Champions-League-Heimspiel gegen den großen Namen aus dem ersten Lostopf – ob der nun Real Madrid, FC Liverpool oder doch ganz anders heißt – wäre es jedenfalls nicht verwunderlich, wenn die 100-Euro-Grenze überschritten wird.