VfB Stuttgart Verbauen die Neuen den VfB-Talenten den Weg nach oben?
Der VfB Stuttgart hat jüngst zwei junge Abwehrspieler für Millionensummen verpflichtet. Hätte es nicht im eigenen NLZ solche Talente gegeben? So sieht man beim VfB die Lage.
Der VfB Stuttgart hat jüngst zwei junge Abwehrspieler für Millionensummen verpflichtet. Hätte es nicht im eigenen NLZ solche Talente gegeben? So sieht man beim VfB die Lage.
Die Reise der Stuttgarter Fußball-Profis durch Europa ist bereits beendet. Aber: Raus aus den europäischen Wettbewerben ist der VfB deshalb noch lange nicht. An diesem Dienstag kann zwar nicht von einer Reise die Rede sein, wenn sich das U-19-Team von Bad Cannstatt nach Degerloch aufmacht. Der Gegner aber macht die Partie zu einer prestigeträchtigen internationalen Angelegenheit. In der Youth League empfängt der VfB Stuttgart den Nachwuchs des FC Liverpool (Anpfiff 14 Uhr).
Die an die Königsklasse gekoppelte Nachwuchsliga brachte den Brustring-Talenten in den vergangenen Monaten nicht nur außergewöhnliche Erlebnisse und sportliche Vergleiche auf Topniveau. Sondern auch neue Möglichkeiten. Elijah Scott etwa überzeugte hier die italienischen Späher – und wechselte jüngst für fast eine Million Euro zu US Lecce.
Auch der VfB Stuttgart hat im Winter Transfers getätigt – in einer Kategorie, die man durchaus den Nachwuchsteams U19 und U21 hätte zurechnen können. Doch sowohl Finn Jeltsch, 18, als auch Luca Jaquez, 21, wurden als Ergänzungen für den Bundesligakader unter Vertrag genommen. Für zusammen fast 15 Millionen Euro. Geld, das nach dem Abgang von Anthony Rouault zu Stade Rennes vorhanden gewesen ist.
Vor allem bei Finn Jeltsch schien die Gelegenheit günstig. Zwar kostet der bisherige Nürnberger bis zu zehn Millionen Euro – allerdings hat der junge Innenverteidiger auch schon Ungewöhnliches vorzuweisen. 31 Zweitligaspiele und zwei Partien im DFB-Pokal hat der Abwehrspieler bereits bestritten, meist über 90 Minuten. „Er ist ein schlauer Verteidiger“, lobt der VfB-Cheftrainer Sebastian Hoeneß. Zudem ist Jeltsch U-17-Welt- und Europameister.
Einen Weltmeister der U-17-Junioren hat der VfB schon vor der Jeltsch-Verpflichtung in seinen Reihen gehabt: Max Herwerth. Doch ist es gar nicht namentlich der Defensivmann, weswegen nach den jüngsten Transfers auch Fragen aufgekommen sind.
Der VfB will ja mit der Kraft der eigenen Jugend wieder dauerhaft in den internationalen Wettbewerben vertreten sein. Wieso gibt er dann einen zweistelligen Millionenbetrag aus, um Spieler, die er eigentlich selbst ausbilden möchte, von extern zu verpflichten?
„Dass durch die Verpflichtung von Finn Jeltsch und Luca Jaquez einer unserer eigenen Nachwuchsspieler abgeschrieben wird, sehe ich in gar keiner Weise“, versichert Stephan Hildebrandt und betont: „Das sind keine Verpflichtungen zulasten unserer Talente, es wird dadurch kein Prozess unterbrochen.“ Der Leiter des Stuttgarter Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) sieht auch „keine Abkehr von unserer Identität“. Vielmehr ist ihm wichtig zu sagen: „Es ist niemandem geholfen, wenn wir Situationen subventionieren.“
Soll heißen: Nur, um ein eigenes Talent im Bundesligakader vorweisen zu können, darf der Schritt nach oben nicht gegangen werden. Sondern: „Es braucht den echten Glauben an den jeweiligen Spieler. Die Trainer müssen den Weg eines Talents zu ihrem machen – dann entwickelt sich auch etwas.“ Die Signale, sich durchbeißen zu wollen, müssen aber auch von den Nachwuchsspielern kommen.
Die Coaches im NLZ haben den klaren Auftrag, gemeinsam definierte Topspieler besser zu machen, daran werden sie auch gemessen. Chefcoach Sebastian Hoeneß sei zudem einer, der offen ist für die Belange des Nachwuchses. „Er ist ein Trainer, der den Spielraum zugunsten der NLZ-Spieler ausschöpft“, sagt Hildebrandt. Die Folge: Zuletzt ist die Zahl der Spielminuten für eigens ausgebildete Kicker im Profiteam wieder gestiegen. Darüber hinaus gibt es in Tobias Werner einen ehemaligen Profi, der am Übergangsbereich die Talente begleitet, „Lobbyarbeit“ leistet, wie es Hildebrandt nennt.
„Fatal wäre es, wenn es keinen Austausch geben würde“, betont der Nachwuchschef, der versichert: „Aber den gibt es mit den sportlich Verantwortlichen der Bundesligamannschaft mindestens einmal pro Woche.“ Dabei werden dann auch einzelne Personalien und Entwicklungen unter die Lupe genommen.
In Anrie Chase hat es ein Nachwuchsmann zu Saisonbeginn eher überraschend zu Einsätzen in der Liga, im Pokal und gar in der Champions League gebracht. „Er ist ein gutes Beispiel, was durch Mentalität, Arbeit und Fleiß erreichbar ist“, sagt Hildebrandt über den Innenverteidiger – der nun allerdings ein kleines Tal durchschreitet. Max Herwerth sollte in dieser Spielzeit als A-Jugendlicher schon in der Dritten Liga Erfahrung sammeln, doch bremste ihn eine langwierige Verletzung. Nun wird der Ball wieder aufgenommen.
Wie bei anderen Potenzialspielern soll der Weg generell in den Profifußball führen, weil Nachwuchsarbeit eben auch ein Geschäftsmodell ist – siehe das Beispiel Elijah Scott. Im Idealfall führt er aber – und das gelingt seit Jahren beim VfB zu selten – auch in den Profikader in Stuttgart. Nicht aus Prinzip, sondern weil die Talente gut darauf vorbereitet sind.
„Wenn sie oben reinschnuppern dürfen, müssen sie das selbstbewusst tun“, sagt Hildebrandt, „sie dürfen dann keine Angst haben, etwas zu verlieren.“ Was bedeutet: Es bringt nichts, den Nachwuchskickern eine goldene Zukunft vorauszusagen – ehe sie dann daran scheitern, die (eigenen) Erwartungen zu erfüllen. Zudem gilt: Bei passenden Gelegenheiten wird der VfB auch weiter auf dem Transfermarkt tätig werden. Sogar mit einem speziellen Blick für junge und entwicklungsfähige Spieler – wie jüngst bei Finn Jeltsch und Luca Jaquez.