VfB Stuttgart VfB, bitte aufwachen!

Von Gregor Preiß 

Der VfB gibt mal wieder die Drama-Queen. Zum ungünstigsten Zeitpunkt der Saison scheint die Mannschaft in der Abwärtsspirale gefangen. Der Zeiger steht auf fünf vor zwölf.

Abstiegskampf kennt keine Freunde: Daniel Didavi (re.) mit Augsburgs Daniel Baier Foto: Getty
Abstiegskampf kennt keine Freunde: Daniel Didavi (re.) mit Augsburgs Daniel Baier Foto: Getty

Stuttgart - Da standen sie nun und sollten erklären, was offensichtlich nicht so einfach zu erklären ist. „Ich glaube nicht“, ächzte Kapitän Christian Gentner und fasste sich an die Stirn, „dass wir nur unter extremem Druck unsere volle Leistung abrufen können.“ Es war seine Antwort auf die Frage, ob die Mannschaft des VfB nur dann funktioniert, wenn ihr das Wasser mal wieder bis zum Hals steht. Also wie jetzt wieder, nach der 0:1-Pleite im schwäbischen Duell beim FC Augsburg und dem Sturz auf Platz 15.

Auch Robin Dutt gab die Mannschaft mal wieder Rätsel auf. „Ich kann nicht in die Köpfe der Spieler hineinschauen“, sagte der Sportvorstand des VfB und zuckte mit den Schultern. „Ich hatte aber nie den Eindruck, dass es uns zu gut ging.“ Von außen betrachtet ist dies aber die einzige Erklärung für den Absturz. Zumindest scheint die Mentalitätsfrage ein schlüssiger Ausgangspunkt.

Ein kurzer Blick zurück: Es ist gerade zwei Monate her, dass die Mannschaft nach einem 2:0 gegen Hertha BSC, dem fünften Sieg in Folge, wie mit Raketenantrieb aus dem Keller schoss. Die Europa League war plötzlich näher als die Abstiegszone, 1899 Hoffenheim beispielsweise lag scheinbar uneinholbare zwölf Punkte zurück.

Aus Nachlässigkeit wurde Verunsicherung

Jetzt sind nicht nur die Hoffenheimer am VfB vorbeigezogen, sondern auch die anderen Kellerkonkurrenten aus Darmstadt und Augsburg. Der Abstand auf den Relegationsrang beträgt nur noch zwei Pünktchen. Wie konnte es nur so weit kommen?, fragen sich die Fans, die dem Wahnsinn schon ­wieder ziemlich nahe sind. Am Samstag in Augsburg verabschiedeten sie die Mannschaft mit gellenden Pfiffen in die Kabine.

Irgendetwas Unheilvolles muss in diesen acht Wochen passiert sein. Rückblickend ­betrachtet schlichen sich schon im Spiel bei Schalke 04 Nachlässigkeiten ein. Nach einer leger geführten ersten Halbzeit reichte es am Ende noch zu einem Unentschieden. Doch die absolute Gier nach Erfolg, welche die Mannschaft in den Wochen zuvor so stark gemacht hatte, hat damals schon gelitten.

Es folgten ein ähnlicher 90-Prozent-Auftritt gegen den Tabellenletzten Hannover und ein unglückliches 1:2. Die Niederlage genügte, dass die Spieler ein paar Tage später in Mönchengladbach nicht mehr mit breiter Brust aufliefen, sondern mit weichen Knie. Es setzte ein 0:4. Spätestens damals zeichnete sich ab, dass der Höhenflug seinen Scheitelpunkt überschritten hatte. Der Rhythmus war dahin, daran änderte auch das 5:1 gegen Hoffenheim nichts mehr.

Ohne den Flow, wie Sportler das scheinbar mühelose Überwinden von Hindernissen nennen, tat sich die Mannschaft auch in den darauffolgenden Spielen gegen Ingolstadt, Leverkusen und Darmstadt schwer. Woche für Woche schlichen sich mehr Verunsicherung und Verkrampfung in die Beine – mit Georg Niedermeiers „kapitalem Stockfehler“ (Jürgen Kramny) vor dem 0:1 in Augsburg als vorläufigem Höhepunkt.

Fassungslosigkeit und Ratlosigkeit

Jetzt steht die Uhr mal wieder auf fünf vor zwölf. Höchste Zeit aufzuwachen. Doch wer nach der Pleite in Augsburg in die Gesichter der Verantwortlichen blickte, sah Fassungslosigkeit, vor allem aber Ratlosigkeit. Was vielleicht noch schlimmer ist. Kramny scheint überrascht von der Wucht des Absturzes. Nach außen hin wirkt er ruhig, doch dürfte auch ihm nicht entgangen sein, wie vogelwild einzelne Spieler wie etwa ­Filip Kostic seine taktischen Vorgaben interpretieren. Oder mit welch mutloser Körpersprache praktisch alle seine Schützlinge zu Werk gehen. Am Sonntag gab es ein kleines Kabinendonnerwetter (Dutt: „Er wurde sehr deutlich“), der obligatorische freie Tag vor dem nächsten Spiel an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) gegen Dortmund wurde gestrichen.

Wer von Spielern und Trainern nun wissen möchte, wie sie die Krise zu meistern gedenken, bekommt immer wieder die gleichen Antworten zu hören. Mit Kompaktheit, die wiederhergestellt werden müsse, und mit den Grundtugenden Einsatz, Wille und ­Geschlossenheit. Eigenschaften, welche die Abstiegskonkurrenz aber genauso in die Waagschale werfen wird. Anders als in den Jahren zuvor müssen die Roten außerdem mit der Situation klarkommen, aus dem gesicherten Mittelfeld heraus in den Abstiegsstrudel gerissen zu werden. Das sei nicht entscheidend, wiegelt Dutt ab. Am Ende komme es auf dasselbe an: Wer den größeren Willen besitzt. Und die besseren Nerven. Die Drama-Queen des VfB bietet also auch in diesem Jahr wieder ein besonderes Schauspiel. Bleibt zu hoffen, dass es auch ausgeht wie immer: mit einem guten Ende.