Hohe Konstanz
David Scheu ist verblüfft, wie regelmäßig der zuvor wankelmütige VfB seine spielerische Qualität auf den Platz bringt:
Gute Fußballer? Hatte der VfB Stuttgart auch in den vergangenen Jahren schon in seinen Reihen. Nur: Über einen längeren Zeitraum sichtbar war das Ganze nie, auf starke Momente und Spiele folgten verlässlich die kollektiven Leistungslöcher – oft in wichtigen Partien im Abstiegskampf wie etwa in diesem Februar beim FC Schalke (1:2). Die Schwäche in Schlüsselspielen hatte sich über die Jahre zu einem negativen Markenzeichen des VfB entwickelt, zu einem Sinnbild für unausgeschöpfte Potenziale.
Aus dieser Warte ist es mindestens bemerkenswert, ja fast schon verblüffend, mit welcher Konstanz die Stuttgarter in dieser Saison ihre fußballerische Klasse aufs Feld bringen. Genau eineinhalb schwache Spiele waren in den vergangenen vier Monaten dabei: die zweite Hälfte bei RB Leipzig (1:5) und der Auftritt beim 1. FC Heidenheim (0:2). Auf Strecke betrachtet darf man das getrost als punktuelle Ausrutscher verbuchen, die sich jede Mannschaft der Welt über ein Jahr verteilt mal leistet.
In allen anderen 14 Pflichtspielen lieferte der VfB ab, drückte seinen dominanten Spielstil mit viel Ballbesitz von Beginn an durch, beherrschte die Gegner über weite Strecken mit einem Mix aus defensiver Galligkeit und offensiver Leichtigkeit. Er war präsent, wach, hungrig. Gegen Vizemeister Dortmund wie Aufsteiger Darmstadt, zu Hause wie auswärts.
Schwächere Phasen gibt es natürlich noch, sie beschränken sich mittlerweile aber auf wenige Minuten und lassen die Spiele nicht mehr zuungunsten der Stuttgarter kippen. Die Wankelmütigkeit ist gewichen – und der VfB auf dem besten Weg, eine fast schon zur DNA gehörende schlechte Angewohnheit abzulegen.
Gutes Gespür
Carlos Ubina findet es bemerkenswert, wie es der Trainer Sebastian Hoeneß geschafft hat, dass sich der VfB durch ihn verändert:
Nein, der Trainer hat sich nicht verändert. Jedenfalls nicht, seit er beim VfB tätig ist. Sebastian Hoeneß bleibt sich vielmehr treu. Analytisch jetzt im Höhenflug, nüchtern im Falle einer Niederlage. Sein Fokus richtet sich immer auf die nächste Herausforderung. Der 41-Jährige tritt dabei uneitel auf. Bemerkenswert erscheint allerdings, wie sich die VfB-Mannschaft durch den Chefcoach gewandelt hat.
Drei Wörter mit S fallen einem zu diesem doppelten Reifeprozess – Trainer und Team – ein: Hoeneß hat dem Stuttgarter Spiel eine neue Struktur gegeben, daraus ist frisches Selbstvertrauen erwachsen, und nun verfügt der VfB über eine ungeahnte Siegermentalität, die Hoeneß offenbar in den Genen trägt.
Der Basti sei jedoch ein untypischer Hoeneß, sagen Menschen, die den gebürtigen Münchner lange kennen. Durchaus schlagfertig, aber nie mit großer Klappe. Und von seinen Emotionen lässt er sich im Gegensatz zu seinem berühmten Bayern-Onkel Uli (der mit dem vor Wut hochroten Kopf) und seinem Vater Dieter (der mit dem Kopfverband im Pokalfinale 1982) selten leiten.
Doch auf seinen Bauch hört der Fußballlehrer schon. Wie nach dem 34. Spieltag der Vorsaison. Es war ein für die Spieler und Fans enttäuschendes 1:1 gegen die TSG Hoffenheim herausgekommen. Das bedeutete den Gang in die Relegation. Hoeneß legte einen spontanen Sprint vor die Cannstatter Kurve hin und animierte den Anhang im Stadion dazu, den Kopf wieder hochzunehmen – der Schulterschluss zwischen Mannschaft und Fans war vollzogen.
Die Szene beweist Hoeneß’ gutes Gespür für den VfB. Seither hat sich eine kleine Erfolgsgeschichte entsponnen: Der Mann mit dem großen Nachnamen ist dabei, etwas Eigenes zu schaffen.
Starke Entwicklung
Gregor Preiß wundert sich über den kaum für möglich gehaltenen Leistungsschub zahlreicher Spieler:
Schubladendenken ist auch im Fußball verbreitet. Leider, muss man hinzufügen. Oder: oftmals fälschlicherweise. Bestimmte Eindrücke verfestigen bestimmte Bilder im Kopf. Urteile, die hinterher einer Revision bedürfen. So auch, was den früheren und den aktuellen VfB Stuttgart anbetrifft.
Da gab es die Kategorie der jungen Talente, die spätestens mit dem Abgang ihres Entdeckers Sven Mislintat den Stempel der Gescheiterten auf der Stirn trugen. Chris Führich, Enzo Millot. Brotlose Kunst wurde den beiden unterstellt, Pirouettendreher ohne Wirkung. Plötzlich sind sie Motor eines famosen Stuttgarter Angriffsspiels, wie es kaum einer für möglich gehalten hätte.
Oder die Kategorie der Mittelmäßigen. Maximilian Mittelstädt trug das Vorurteil schon im Namen, als er vom Absteiger Hertha BSC zum VfB wechselte. Nach dem 2:0 gegen den BVB unter den Augen von Julian Nagelsmann kam unweigerlich die Frage auf: Sucht der Bundestrainer nicht auch noch einen Linksverteidiger?
Atakan Karazor und Waldemar Anton: ebenfalls lange Zeit Durchschnittsspieler, die erst in einem funktionierenden Gefüge ihre Klasse so richtig unter Beweis stellen. Pascal Stenzel gibt gerade den besten Pascal Stenzel aller Zeiten, Dan-Axel Zagadou den vielleicht besten Dan-Axel Zagadou. Und erst recht die Spätzünder Serhou Guirassy und Deniz Undav (beide 27), die für ihren wundersamen Aufstieg selbst keine rechte Erklärung haben.
Die Kaderzusammenstellung wurde in der Vergangenheit viel kritisiert. Zu jung, zu unerfahren, zu international. Ein Großteil der aktuell gefeierten Spieler ist zuvor zweimal in Folge fast abgestiegen. Jetzt gehen sie durch die Decke. Was nur beweist: Urteile nie zu früh!
Echte Einheit
Dirk Preiß ist erstaunt, wie geschlossen das VfB-Team mittlerweile auftritt – obwohl doch lange Zeit so vieles Stückwerk war:
Schon im Winter versicherte Waldemar Anton, das Team sei intakt, man habe am Vorabend sogar mit vielen Spielern gemeinsam auf einem Zimmer Karten gespielt. Das mag gestimmt haben, etwas bemüht wirkte der Hinweis dennoch. Der VfB-Tross weilte seinerzeit gerade im zwölftägigen Trainingslager in Marbella – und in den Partien davor und danach machte es nicht unbedingt den Eindruck, als stehe da eine echte Einheit auf dem Feld. In dem jeder dem anderen hilft. In der Fehler gegenseitig ausgebügelt werden. In der man sich positiv anleitet. Und in der jeder, auch der Ergänzungsspieler, genau weiß, was er zu tun hat. Vieles wirkte – sportlich und gruppendynamisch – wie Stückwerk. Nun ist das anders.
Es gehört zur Philosophie des Trainers Sebastian Hoeneß, dass verloren gegangene Bälle gleich wieder zurückerobert werden. Das klingt gut, funktioniert aber nur, wenn alle Spieler auf dem Feld zusammenarbeiten. Das wiederum setzt eine intaktes Teamgefüge voraus. Über ein solches verfügt die weiß-rote Mannschaft derzeit. Zwar ragen Einzelne heraus, aber jeder scheint zu wissen: Ohne die Arbeit der anderen kann keiner glänzen, ohne gemeinschaftliches Angreifen und Verteidigen nach klaren Plänen kein Erfolg entstehen. Dass die vermeintlichen Konkurrenten Serhou Guirassy und Deniz Undav regelmäßig Arm in Arm den Platz verlassen, ist da ein gutes Zeichen. Dass Undav und andere – nicht von Misserfolgen belastete – Neuzugänge der Gruppe guttun, ist ebenfalls nicht zu leugnen.
Aktuell also tanzt keiner aus der Reihe, mit den Ansprüchen könnte aber auch die Unzufriedenheit derer wachsen, die wenig zum Zug kommen. Regelt die Gruppe auch diese Themen, kann sie weiter wachsen – als echtes Team.