Der Begriff Vize (von Lateinisch „vice“, anstelle) ist im Sport nicht gerade positiv belegt. Der Zweite ist der erste Verlierer. Das Gerede vom ewigen Zweiten, Vizekusen und so weiter. Völliger Quatsch. Zumindest aus Sicht des VfB Stuttgart. Vor dem letzten Saisonspiel gegen Borussia Mönchengladbach (Samstag, 15.30 Uhr) gibt es für den Tabellendritten der Fußball-Bundesliga nur noch ein Ziel: Vize werden.
„Haben Bock, vor den Bayern zu stehen“
„Wir haben Bock, am Ende vor den Bayern zu stehen. Das wird vom Trainer so vorgegeben“, verriet Mittelfeldspieler Atakan Karazor unlängst nach dem 3:1-Sieg im direkten Duell mit dem entthronten deutschen Meister. Sturmkollege Deniz Undav ergänzte: „Jeder schielt jetzt auf den zweiten Platz. Das ist unsere Motivation. Keiner wird mehr nachlassen.“
Der 1:0-Erfolg am vergangenen Freitag beim FC Augsburg war Beweis genug. Er ließ die Truppe von Sebastian Hoeneß vorübergehend auf Platz zwei springen. Am Sonntag holten sich die Bayern den Platz hinter Meister Leverkusen durch ein 2:0 gegen den VfL Wolfsburg aber wieder zurück.
Die Ausgangslage vor dem 34. Spieltag: Zwei Punkte beträgt der Vorsprung für die Münchner, die zudem das deutlich bessere Torverhältnis als der VfB aufweisen. Nur mit einem Sieg gegen Mönchengladbach bei einer gleichzeitigen Niederlage der Bayern in Hoffenheim könnte sich der VfB noch die Vizemeisterschaft holen. Gewonnen haben die Münchner in Hoffenheim noch nicht – die unberechenbare TSG kämpft noch um den Einzug in die Europa League.
Wie wichtig ist den Bayern der zweite Platz?
Spannung ist also garantiert am Samstagnachmittag, an dem alle Spiele gleichzeitig ausgetragen werden. Die VfB-Fans werden den ungeliebten Hoffenheimern aus der Ferne die Daumen drücken. Denn für ihren Club hätte die Vizemeisterschaft – anders als für die erfolgsverwöhnten Bayern – einen besonderen Wert.
Symbolisch, aber auch real. Die Vizemeisterschaft könnte nämlich in den ersten echten Titel seit der aus VfB-Sicht wenig attraktiven Zweitligameisterschaft 2017 münden: den des Supercup-Siegers. Als Vizemeister dürfte sich der VfB Stuttgart vor dem Start in die neue Saison nämlich mit Titelträger Bayer Leverkusen messen. Vorausgesetzt, die Unschlagbaren vom Rhein straucheln nicht ausgerechnet im Pokalfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern und holen sich auch den DFB-Pokal. Dann würde der Vizemeister für den Pokalsieger im Supercup einspringen – Leverkusen kann schließlich nicht gegen sich selbst spielen.
Das Vorgeplänkel zur neuen Spielzeit ist bereits auf den 17. August terminiert. Der Sieger des Duells erhält eine Prämie von rund 3,5 Millionen Euro, der Verlierer immerhin 2,5 Millionen. Freuen dürfte sich der VfB im Fall der Fälle aller Voraussicht nach über ein Heimrecht – in der Vergangenheit gebührte dies dem Pokalsieger. Finalisieren wollte die Deutsche Fußball-Liga den möglichen Spielort auf Anfrage noch nicht.
Kein Einfluss auf künftige Verteilung des Fernsehgeldes
Etwas Geld spränge für den VfB also in jedem Fall heraus. Keinen Einfluss hat der Ausgang des Saisonfinales hingegen auf die künftige Ausschüttung der Fernsehgelder. 7,5 Millionen Euro mehr als in der aktuellen Saison (44 Millionen Euro) sind dem Club bereits garantiert. Ob er am Ende Zweiter oder Dritter wird, ist mit Blick auf die künftige Verteilung unbedeutend. Mehr Geld – nämlich 2,5 Millionen zusätzlich – würde aber ein Abstieg von Union Berlin in die VfB-Kassen spülen.
Ebenfalls keinen Einfluss hätte die Vizemeisterschaft auf die anstehende Champions-League-Saison. Hier zählt allein der sogenannte Uefa-Club-Koeffizient, der sich aus internationalen Erfolgen der vergangenen fünf Jahre zusammensetzt. Die gab es in Stuttgart bekanntlich nicht, weshalb das deutsche Überraschungsteam in Lostopf drei oder vier landen wird.
1979 und 2003 war der VfB bereits Vizemeister
Unterm Strich sind es also eher die weichen Faktoren, die eine Vizemeisterschaft für die Stuttgarter – es wäre die dritte nach 1979 und 2003 – erstrebenswert machen. Entsprechende Einträge bei Wikipedia oder im „Kicker“-Sonderheft zum Beispiel. Und natürlich die Genugtuung, den Bayern eine lange Nase zu drehen und erstmals seit 17 Jahren wieder vor dem Branchenprimus zu landen. Dass die möglichen 73 Punkte in vielen Jahren zur Meisterschaft gereicht hätten, wäre eine zu verschmerzende Randnotiz.