Im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern München ist der VfB Stuttgart am Samstag krasser Außenseiter. Gerade deshalb, meinen viele, haben die Stuttgarter eine große Chance auf den Sieg. Eine Analyse.

Sport: Marko Schumacher (schu)

Stuttgart - Vielleicht erzählt der VfB-Trainer Bruno Labbadia seinen Spielern in diesen Tagen ja die verrückte Geschichte von Wigan Athletic. Kein Mensch setzte neulich auch nur einen Pfifferling auf den Provinzclub, der im englischen Pokalfinale im Wembley-Stadion als krasser Außenseiter gegen Manchester City antrat. Der Absteiger traf auf den Vizemeister, einer Truppe mit einem Marktwert von 73 Millionen Euro stand ein Hochglanzkader im Gesamtwert von 433 Millionen gegenüber. Doch auf wundersame Weise zeigte sich, dass Geld nicht automatisch Tore schießt. Der einzige Treffer des Spiels gelang einem gewissen Ben Watson und bescherte Wigan Athletic den nicht für möglich gehaltenen ersten Titel in der Vereinsgeschichte.

Wenn im deutschen Pokalfinale am Samstag im Berliner Olympiastadion der VfB auf den FC Bayern trifft, dann sind die Rollen im Vorfeld mindestens genauso eindeutig verteilt. Der Zwölfte der Bundesliga spielt gegen den Meister und Champions-League-Sieger, selbst im B-Team der Münchner hätten die meisten Stuttgarter gewaltige Probleme, einen Platz zu ergattern. Mehr als 100 Euro stellen die Buchmacher tollkühnen Fußballwettern in Aussicht, die zehn Euro auf einen Sieg des VfB setzen. Kurzum: der VfB erscheint völlig chancenlos – und genau das, sagt Frank Wormuth, „ist seine große Chance“.

„Der VfB kann jeden Gegner schlagen“

Wormuth ist der Chefausbilder der deutschen Fußballlehrer und weiß, dass Trainer und ihre Spieler eine solche Ausgangslage bisweilen sehr zu schätzen wissen. Ohne jeglichen Druck könne der VfB ins Spiel gehen, da einerseits die Favoritenrolle auf der anderen Seite liege und andererseits das eigene Saisonziel mit dem Einzug in die Europa League bereits erreicht worden sei. „Die Spieler müssen also nicht fürchten, in größere Stresssituationen zu kommen – sie können stattdessen ganz befreit aufspielen. Das kann ungeahnte positive Energien freisetzen.“

Zwar kann sich Wormuth nicht vorstellen, dass die Bayern nach dem Gewinn des Champions-League-Titels nachlassen – „sie sind extrem fokussiert auf diesen weiteren Titel und werden keinen Zentimeter zurückweichen“. Doch erinnert er auch daran, dass es sich beim VfB keineswegs um eine Kirmestruppe handelt, die aufgrund glücklicher Fügungen ein bedeutendes Fußballspiel bestreiten darf: „Wir dürfen nicht vergessen: der VfB ist eine Bundesligamannschaft mit hervorragenden Spielern und kann jeden Gegner schlagen – auch den FC Bayern München. Der Unterschied ist nicht so immens, wie nun viele glauben. Es wird daher auch kein Zufall sein, sollte der VfB gewinnen. Diese Möglichkeit ist absolut gegeben.“

Wie muss der VfB spielen, um eine Chance zu haben?

Fragt sich nur, wie der VfB gegen die Bayern spielen muss, um tatsächlich eine Chance zu haben. „Wir brauchen das perfekte Spiel“, sagt der Manager Fredi Bobic. In den beiden Duellen der abgelaufenen Bundesligasaison haben es die Stuttgarter mit ganz unterschiedlichen taktischen Herangehensweisen probiert. Im Hinspiel in München haben sie die Flucht nach vorne gesucht und die Bayern – ähnlich wie es am Samstag auch Borussia Dortmund im Champions-League-Finale getan hat – mit Pressing schon in der eigenen Hälfte attackiert. Das funktionierte eine halbe Stunde lang prächtig, Martin Harnik brachte den VfB sogar in Führung. Fehler in der Hintermannschaft machten anschließend alles zunichte, der VfB brach zusammen wie ein Kartenhaus und verlor am Ende mit 1:6.

Um ein ähnliches Debakel zu vermeiden setzte der VfB im Rückspiel in Stuttgart auf eine kompakte Defensive und ließ die Bayern kommen. Wieder ging es lange gut, ehe Cristian Molinaro mit einem haarsträubenden Fehler die 0:2-Niederlage einleitete. „In beiden Spielen haben wir unsere Möglichkeiten gehabt“, sagt Bobic: „Man darf sich gegen die Bayern eben keine Fehler erlauben.“

Die taktische Marschroute hält Wormuth für zweitrangig

Die taktische Marschroute hält Frank Wormuth für zweitrangig – wichtiger sei etwas anderes: „Es geht gegen die Bayern nur mit einer erhöhten Laufarbeit und einer intakten Mannschaft, die nicht gleich unzufrieden wird. Wenn die Spieler zusammenarbeiten, wenn sie an sich glauben und bereit sind, Fehler auszubügeln – dann kann man im Fußball vieles kompensieren.“ Auch der FC Bayern, sagt er, funktioniere nur am besten als Kollektiv: „Ohne kollektives Verhalten wäre die Wahrscheinlichkeit des Champions-League-Sieges geringer gewesen.“

Mit immerhin 40 Prozent beziffert Wormuth die Wahrscheinlichkeit, dass sich der VfB am Samstag als Pokalsieger feiern lassen darf. Der Experte weiß auch, wie es laufen könnte: „Der VfB schießt ein schnelles Tor, die Bayern rennen vergeblich an, der VfB kontert und schießt irgendwann das zweite Tor – und fertig.“ Oder man macht es wie Wigan. Den Siegtreffer gegen Manchester erzielte Ben Watson Sekunden vor dem Schlusspfiff. Der Rest war Jubel.

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