VfB Stuttgart Warum Arie Haan noch immer gerne nach Stuttgart kommt
Arie Haan war vor über 30 Jahren der Entert(r)ainer beim VfB – und ist noch heute regelmäßig in Stuttgart. Oskar Beck hat ihn kürzlich getroffen.
Arie Haan war vor über 30 Jahren der Entert(r)ainer beim VfB – und ist noch heute regelmäßig in Stuttgart. Oskar Beck hat ihn kürzlich getroffen.
Neben dem Torbogen am Eingang zur Weinstube „Alt-Eltingen“ in Leonberg steht eine Kreidetafel, und mit schwungvollem Strich ist darauf in zwei Worten alles gesagt: „Herzlich willkommen.“
„Passt“, lacht Arie Haan. Auch das Wetter. Wie an der Costa Blanca. Aus der spanischen Sonne kommt er, man sieht es ihm an. Drahtig ist er, und fit wie ein Turnschuh. 73 sei er inzwischen, behauptet Arie, aber das ist eine Lüge, in Wahrheit kommt er daher wie anno 73. Auf jeden Fall wird er eine gute Figur abgeben am Abend, bei der großen Party. Die Tochter hat nämlich Geburtstag. „Dascha wird 50“, sagt der Papa.
Dascha. So vergeht die Zeit. Dabei ist es verdammt lang her, als ich den Namen erstmals gehört habe, und verdammt weit weg. Argentinien, 1978. Es war der Tag, an dem Arie bei der WM in Cordoba tief im Mittelfeld plötzlich das deutsche Tor ins Visier nahm und seine strammen Schenkel spannte. Manni Kaltz, der deutsche Libero, brachte den Kopf gerade noch aus der Schussbahn, sonst wäre er ihm amputiert worden. Und Torwart Sepp Maier, wie gelähmt, winkte das Geschoss vollends regungslos durch. „Links, halbhoch“, grinst Arie.
Ja, und nach dem Spiel war dann unser Interview, vor dem Stadion in Cordoba. Ein holländischer TV-Kollege stieß dazu und wollte einen O-Ton, und Arie sagte: „Aber nur, wenn ich meine Tochter grüßen darf.“ Dascha hatte Geburtstag, sie wurde sechs. „Alles Gute, mein Schatz“, sagte der Papa zum Töchterchen, das weit weg daheim in Holland auf dem Schoß der Oma saß. Es war der 18. Juni 1978.
Kürzlich war wieder der 18. Juni, der von 2022. Diesmal wird Dascha 50, und der Vater erzählt stolz, dass er eine sportliche Tochter hat. Als sie 16 war, wollte sie als Schwimmerin zu den Olympischen Spielen in Seoul, aber sie hat dann die holländischen Auscheidungen verpasst, weil sie mit Papa umziehen musste. Der wurde nämlich Trainer beim VfB. Die Welt ist manchmal nicht einfach für Kinder, deren Vater ein Mann von Welt ist.
Aber das ist vorbei. In der Eltinger Weinstube ahnt keiner mehr, dass der Gast am Tisch hinter der Kreidetafel dreimal den Europacup der Landesmeister, zweimal den der Pokalsieger und den Weltcup gewonnen hat – und zwei WM-Endspiele nur deshalb verloren hat, weil der Fußballgott entweder bestochen war oder seine Tage hatte. „Ich nehme das Geschnetzelte“, sagt der alte Weltstar zum Kellner, der ihn sichtlich auch nicht mehr kennt. Dabei ist Arie Haan öfter hier.
Seine berufliche Welttournee ist lange vorbei, er ist nicht mehr Nationaltrainer in Albanien, Kamerun oder China, sondern lebt in Denia an der Costa Blanca mit Meerblick am Hang des Montgo oder erfreut sich im Fischlokal „El Raset“ am Hafen des Rentnerlebens. Manchmal sieht er im Fernsehen den VfB, „aber eher selten“, nur die Flanken von Sosa auf den Kopf von Kalajdzic sind ihm aus der letzten Saison nachhaltig im Gedächtnis. Der Fußball macht ihn, um es kurz zu sagen, nicht mehr zum fliegenden Holländer, aber in Echterdingen landet er noch regelmäßig.
Denn Tochter Dascha und Sohn Arvid leben in Leonberg, und Sarah, die jüngste Tochter aus zweiter Ehe, ist eine echte Schwäbin. Er hat viele gute Gründe, um nach Stuttgart zu kommen, von den runden Geburtstagen bis zur Hüft-OP.
Die linke hat Arie Haan sich in der orthopädischen Klinik in Bad Saulgau richten lassen. Die rechte, die über dem Schussbein, musste er schon früher sanieren, als arthritische Spätfolge seiner waffenscheinpflichtigen Gewaltakte. Drei Tage nach dem oben erwähnten Mordanschlag auf Sepp Maier bei der WM 1978 drosch Haan auch noch der italienischen Torwartikone Dino Zoff derart den Ball unters Lattenkreuz, dass fast der Innenpfosten weggeknickt wäre.
Unlängst, im Mai, war Arie auch schon mal hier. Er krönte unseren kleinen schwäbischen Fußballstammtisch, dem auch Karl Allgöwer angehört, Spitzname „Knallgöwer“, und der hat erzählt, dass der Holländer das VfB-Training früher gerne mit einem Kunstschießen beschloss: Von der Mittellinie aus musste die Torlatte getroffen werden. Allgöwer: „Arie wusste natürlich, dass nur er das hinkriegt.“ „Manchmal auch du“, lachte Haan.
Es waren lustige Zeiten beim VfB. Er war der Haan im Korb, der Entert(r)ainer, der Rudi Carell des Fußballs. Max Merkel, der alte Trainerzampano, notierte als „Bild“-Experte: „Haan ist der Erfinder der guten Laune.“ Nur einmal ist sie Arie vergangen, im Uefa-Cupfinale 1989 gegen Diego Maradona, beim SSC Neapel. Der Schiedsrichter pfiff den VfB aus den Schuhen. „Germanakos“, sagt Haan. Er zischt den Namen heraus. Sogar den Vornamen des Griechen – Gerasimus – lässt er sich nochmal auf der Zunge zergehen, ehe er ihn ausspuckt. Haan fühlt sich beschissen, der Uefa-Cup hätte seinen Trophäenschrank vollends komplettiert.
Schwamm drüber. Es ist nur ein Muckenschiss in der großen Biografie. Er hat Fußball gespielt in den zwei spektakulärsten Mannschaften jener Zeit: Holland und Ajax. Jedes holländische Kind kann die Namen der Helden aufsagen, Cruyff, Krol, Neeskens, Rep, Haan. Der kam aus Finsterwolde an der ostfriesischen Grenze, wuchs aber genauso mit den Jungen jenseits des Schlagbaums in Emden auf, und bei Cruyff und den anderen hatte er schnell seinen Namen weg: „Ich war der Deutsche“. Aber im Fußball war er lieber Holländer.
Sie spielten „Voetbal total“. Sie hatten so viele Angriffslustige, dass Haan Libero spielen musste, König Johan wollte das so. „Cruyff sagte: Keiner spielt mir den Pass von hinten heraus schneller in den Fuß als Du.“ Im WM-Endspiel 1974 in München schoben sich die Holländer den Ball nach dem Anstoß siebzehn Mal zu, von links nach rechts und vorwärts und rückwärts, und plötzlich ging Cruyff steil, Hoeneß haute ihn um. Elfmeter. 1:0 nach 56 Sekunden. „Danach wollten sie uns verarschen“, spürte Bernd Hölzenbein, der deutsche Linksaußen. Und am Ende hieß die Frage: Wie kann man so hinreißend Fußball spielen – und doch verlieren?
Haan sieht es so: „Wir Holländer waren immer Seefahrer. Früher waren wir unterwegs auf den Meeren. Wir sind Abenteurer.“ So spielten sie auch Fußball. Locker, lässig, lebensbejahend, leichtsinnig. Ihr Fußball total war wie Sex ohne Kondom. 1978 verloren sie das nächste WM-Finale, in Buenos Aires. Wieder waren sie die Besseren, aber in der Nachspielzeit, es stand 1:1, jonglierte Rob Rensenbrink den Ball freistehend an den argentinischen Pfosten. Das dritte WM-Endspiel, 2010 in Südafrika, vergeigte dann die nächste Generation. 0:0 stand es kurz vor Schluss, und Arjen Robben entschied sich mutterseelenallein vor dem spanischen Tor für die zweitbeste Lösung. „Es war furchtbar“, erinnert sich Arie Haan an seine Gefühle in dem Moment, „aber wir Alten hatten wenigstens einen Trost: Wenn Holland Weltmeister geworden wäre, hätte man uns vergessen.“
So leben sie weiter, die alten Legenden. Sie werden nur weniger. Cruyff. Suurbier. Rensenbrink. Jansen, alle tot. Bei jedem Kameradschaftstreffen von Ajax, Feyenoord oder PSV fehlt einer. Aber ein gutes Gefühl hat Arie Haan vor seinem nächsten Besuch in der alten Heimat, demnächst, Ende Juli. Er hat sich Karten besorgt für das Sommerabendkonzert von Andre Rieu und dem Johann-Strauss-Orchester in Maastricht. „Das ist Musik“, sagt er. Große Oper. Wie früher ihr Fußball.
Jetzt kommt aber erst einmal der Fünfzigste von Dascha. Sie schwimmt immer noch schnell, bei der SG Glems, bei der letzten Senioren-WM in Südkorea ist sie auf den Kurzstrecken zu Silber und Bronze gekrault. „Viel hat übrigens nicht gefehlt“, erinnert sich Arie Haan am Ende des Geschnetzelten an die alten Zeiten, „und Dascha wäre für Deutschland geschwommen“ – damals, als er dem VfB eine Zeit lang beibrachte, Fußball zu spielen wie die Holländer.