VfB Stuttgart Warum Borna Sosa so durchstartet

Borna Sosa (rechts) hat sich beim VfB zum Anführer entwickelt. Foto: Baumann/Cathrin Mueller

Vorlagengeber, Torschütze, Kapitän: Borna Sosa ist beim 6:0-Sieg des VfB Stuttgart im DFB-Pokal beim BFC Dynamo perfekt in die neue Saison gestartet. So soll es weitergehen, denn der 23-Jährige hat noch eine Rechnung offen.

Berlin/Stuttgart - Der erste Schulterklopfer eilt bereits kurz nach dem Halbzeitpfiff herbei und ist kein Geringerer als Sven Mislintat. Der Sportdirektor des VfB Stuttgart lässt es sich nicht nehmen, seine Glückwünsche an Borna Sosa noch auf dem Rasen des Berliner Sportforums Hohenschönhausen auszusprechen, da es vor allem an dem Linksfuß liegt, dass im Pokalduell mit dem BFC Dynamo das Schwierigste schon zur Pause überstanden ist. Die 1:0-Führung durch Hamadi Al Ghaddioui hatte Sosa mit einer feinen Flanke vorbereitet, das 2:0 erzielte er mit einer Volleyabnahme selbst.

 

Nach der Pause fallen vier weitere Tore, am Ende gewinnt der VfB beim Regionalligisten aus der Bundeshauptstadt leicht und locker mit 6:0 (2:0) – was nichts daran ändert, dass Borna Sosa (23) der Mann des Tages bleibt. „Nach diesem Erfolg, meinem Tor und meinem Assist freue ich mich jetzt umso mehr auf die neue Bundesliga-Saison“, sagt er und hofft, „dass der heutige Tag ein gutes Vorzeichen für die Saison ist“. Und nicht nur das: In Abwesenheit von Kapitän Wataru Endo und dessen Stellvertreter Waldemar Anton durfte der Kroate beim VfB erstmals die Kapitänsbinde tragen, was sein Glück vervollständigt: „Das macht mich glücklich und stolz – es ist mein viertes Jahr hier in Stuttgart, das bedeutet mir sehr viel.“

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Vorlagengeber, Torschütze, Kapitän – es ist für den Blondschopf aus Zagreb der perfekte Start in den neue Saison. Und damit gleichzeitig die bestmögliche Art der Frust- beziehungsweise Vergangenheitsbewältigung, nachdem Borna Sosa gegen Ende der alten Spielzeit in den Mittelpunkt einer kaum vorstellbaren Posse geraten war.

Seine Blitzannahme der deutschen Staatsbürgerschaft im vergangenen Mai auf freundliche Empfehlung des DFB, die schöne Aussicht, bei der EM und auch darüber hinaus das prestigeträchtige Trikot mit dem Bundesadler tragen zu dürfen, die Statuten des Weltverbands Fifa, die diesen Plänen im Wege standen, der Sturm der Entrüstung in seiner kroatischen Heimat, in der sich Sosa tagelang auf den Titelseiten aller Zeitungen wiederfand: Als Lehrstück dilettantischer Spielerberatung ging sein Fall in die Fußballgeschichte ein.

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Aus dem bis dahin strahlenden Aufsteiger wurde ein großer Verlierer, der zwischen alle Stühle geriet, in seiner Heimat als eine Art Volksverräter galt – und gnadenlos abgestraft wurde: Unberücksichtigt blieb Sosa selbst für die Endrunde der U-21-EM, nachdem er zuvor sämtliche Juniorenauswahlteams Kroatiens durchlaufen hatte. Da half es wenig, dass er in einer persönlichen Erklärung auf der Verbandshomepage („Ich habe mich naiv angestellt und die falsche Entscheidung getroffen“) versuchte, Schadenbegrenzung zu betreiben.

Doch heilt die Zeit glücklicherweise auch im Fußball viele Wunden. Die größte Wut seiner kroatischen Landsleute ist mittlerweile weitgehend verflogen; auch Nationaltrainer Zlatko Dalic gibt sich versöhnlich und will der Wiedereingliederung des Abtrünnigen nicht mehr im Wege stehen. Die Tür für die WM-Qualifikationsspiele steht offen, Sosas Nominierung ist nur an eine Bedingung geknüpft: dass er auch weiterhin so starke Leistungen zeigt, wie sie beim VfB zur Gewohnheit geworden sind, seit Trainer Pellegrino Matarazzo vor anderthalb Jahren die perfekte Position gefunden hat.

Der Marktwert von Borna Sosa ist auf 16 Millionen Euro geklettert

Nicht mehr als klassischer Linksverteidiger in einer Viererkette spielt Sosa seither, sondern als eine Art Flügelläufer vor der Abwehr-Dreierkette, im modernen Fußball auch Wingback genannt. Seine Schnelligkeit, seine technische Perfektion, seine Ruhe am Ball, seine Sicherheit im Passspiel, seine präzisen Flanken, seine Offensivqualitäten – all seine Stärken kann Sosa dort zur Entfaltung bringen. In der Bundesliga gehörte er in der vergangenen Saison zu den besten Spielern auf dieser Position und hat seinen Marktwert auf 16 Millionen Euro gesteigert.

Ein Ende seines Aufschwungs ist nicht in Sicht, denn längst vorbei sind die Zeiten, in denen Sosa beim VfB die Verunsicherung förmlich anzusehen war. Zu einer stabilen Persönlichkeit auf und neben dem Spielfeld ist er geworden und hat den Wirbel um seine Einbürgerung als verunglückte Episode abgehakt. Keine Überraschung wäre es, würde sich sein Name demnächst erstmals im Aufgebot der kroatischen Nationalmannschaft finden. Die Leistung, die er am Samstag in Berlin geboten hat, dürfte auch Nationaltrainer Zlatko Dalic sehr gefallen haben.

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