Von VfB-Torhüter Alexander Nübel sind derzeit vermehrt hohe Bälle zu sehen. Foto: Pressefoto Baumann/Volker Mueller
Die Stuttgarter sind zuletzt in der Spieleröffnung vom erfolgreichen Flachpassspiel der Vorsaison abgerückt. Wie Trainer Sebastian Hoeneß den Ansatz begründet und womit er noch nicht zufrieden ist.
Hoch oder flach? Über außen oder durch das Zentrum? Fragen rund um den Spielaufbau beschäftigen Fußballtrainer praktisch ständig, da die Antworten das Auftreten einer Mannschaft maßgeblich prägen. Beim VfB Stuttgart war die Sache lange glasklar, nachdem Sebastian Hoeneß das Traineramt übernommen hatte. Mit Flachpässen statt Flugbällen kombinierte sich das Team immer wieder von hinten nach vorne durch – und in der Vorsaison bis zur Vizemeisterschaft. Oft mit traumwandlerischer Sicherheit, meist durch die Mitte, zielstrebig und vertikal.
Zuletzt aber war das Bild ein anderes. Der hohe Ball hat seit einiger Zeit Konjunktur in Cannstatt, das Halbfinale im DFB-Pokal gegen RB Leipzig (3:1) oder das Heimspiel gegen Werder Bremen (1:2) bildeten hier nur zwei besonders markante Beispiele, in denen das Ganze über 90 Minuten immer wieder zu beobachten war.
Bei einer solchen Anpassung unter demselben Coach stellt sich natürlich die Frage nach dem Weshalb. Nun hat der VfB fraglos im vergangenen Sommer Qualität im Spielaufbau verloren durch die Abgänge der Innenverteidiger Waldemar Anton und Hiroki Ito. Aber: Oft kamen und kommen die flachen Bälle ja von Torhüter Alexander Nübel direkt auf die Mittelfeldspieler Atakan Karazor oder Angelo Stiller – und alle drei sind noch da, weshalb rein personelle Erklärungen schnell an Grenzen stoßen. Die Thematik hat mehrere Facetten. Und ist auch beim VfB regelmäßig auf dem Tisch.
Hoeneß: „Die Gegner haben sich angepasst“
„Das beleuchten wir nicht erst seit gestern“, sagt Hoeneß – für den zunächst außer Frage steht, dass auch die sportliche Lage ihre Spuren hinterlässt. „Fakt ist“, betont der Stuttgarter Coach, „dass das Hinten-Rausspielen unter Gegnerdruck auch mit Selbstvertrauen zu tun hat.“ Dass dieses nach nur einem Sieg aus den jüngsten neun Bundesliga-Partien nicht im Übermaß vorhanden ist, liegt auf der Hand – ebenso wie der Befund, dass das Risiko eines langen Passes erst einmal überschaubarer ist: Ein Ballverlust weit in der gegnerischen Hälfte hat weniger gravierende Folgen als in der Nähe des eigenen Tores, wo er oftmals sofort für Alarmstufe Rot sorgt. Wie im Spiel gegen den FC Bayern München (1:3) Ende Februar, als der Bayer Leon Goretzka erst Stiller den Ball abjagte und dann völlig freistehend vor Nübel traf.
VfB-Trainer Sebastian Hoeneß möchte noch mehr Bälle „in die rote Zone“ sehen. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn
Dass der defensive Mittelfeldspieler des Rekordmeisters dabei bis in den Stuttgarter Strafraum aufgerückt war, ist für den VfB ein wiederkehrendes Phänomen in dieser Saison. „Die Gegner haben sich angepasst, es ist einfach ein anderer Druck auf dem Ball“, sagt Hoeneß. Konkret: Die Mittelfeldspieler rücken ihren Stuttgarter Pendants Karazor und Stiller deutlich stärker auf die Pelle, stehen im Extremfall sogar mal vor statt hinter ihnen. Hoeneß spricht von einem „Vordecken“, das oft dann zu sehen sei, wenn VfB-Keeper Nübel den Ball habe: „Die Räume sind nicht mehr so groß wie noch letztes Jahr“, sagt Hoeneß, „das ist eine neue Situation, mit der wir jetzt arbeiten müssen. Du musst dann andere Wege wählen, um das zu überspielen.“
An dieser Stelle kommt der hohe Ball ins Spiel. Vorneweg: Der hat nicht automatisch eine völlige Abkehr vom bisherigen Fußball zur Folge, das Gesamtbild zeigt auch Kontinuitäten: Die Stuttgarter haben weiterhin gerne den Ball und die Spielkontrolle, mit 55 Prozent Ballbesitz (Vorsaison: 57) weisen sie in der Bundesliga den vierthöchsten Wert auf. Auch das geduldige Locken im Aufbau prägt nach wie vor das Spiel des VfB, der mit der Spieleröffnung oft bis zum Angreifen der Gegner wartet – um dann den sich dahinter auftuenden Raum zu nutzen. Zuletzt eben öfter mit einem langen Ball.
Bei diesem aber ist noch Luft nach oben. Teils landet die Kugel im Aus, nicht beim Mitspieler – oder, hier setzt Hoeneß ebenfalls an, nicht im gewünschten Raum. „Aktuell ist es so, dass wir viele Bälle in die letzte Linie spielen“, sagt der VfB-Trainer. Er wünsche sich dagegen, nicht immer direkt die vorderste Sturmreihe anzuvisieren – sondern öfter den Raum direkt hinter den eng gedeckten Mittelfeldspielern Karazor und Stiller. „Die rote Zone hinter den Sechsern“, wie Hoeneß sie nennt. „Das ist anspruchsvoll, aber diese Variabilität wollen wir uns erarbeiten.“
Der Prozess läuft, ist längst nicht abgeschlossen – und hält am Freitag (20.30 Uhr) mit dem 1. FC Heidenheim einen unbequemen Kontrahenten bereit, der mittendrin im Abstiegskampf steckt und den Ball mit einem Wert von 44 Prozent verhältnismäßig selten in seinen Reihen hat. Vom VfB werden also insbesondere Lösungen im eigenen Ballbesitz gefragt sein. Auch und gerade im Spielaufbau.