Jetzt, ein halbes Jahr später, ist die Euphorie ein wenig dahin. Die Stuttgarter U 19 bleibt bislang mit nur 13 Punkten aus zehn Spielen weit hinter den Erwartungen zurück – und die neu zum Team gestoßenen Toptalente haben so ihre Probleme. „Es fällt ihnen nicht leicht, Wirkung auf das Spiel zu entfalten“, sagt ihr Trainer Nico Willig. Er sieht dafür vor allem eine Ursache: „Ihnen fehlen als jüngerer Jahrgang noch ein Stück weit die Körperlichkeit und Durchsetzungsfähigkeit, da reichen fußballerische Lösungen alleine nicht.“
Die Mehrzahl der Stuttgarter U-19-Spieler gehört zum jüngeren Jahrgang
Um Einzelfälle handelt es sich dabei nicht: Von den 15 Spielern mit den meisten Einsatzminuten gehören acht zum Jahrgang 2005, nur sieben wurden 2004 geboren. Was im Erwachsenenbereich zu vernachlässigen wäre, macht in der Jugend oft einen signifikanten Unterschied. Manch einer befindet sich noch im Wachstum, vielen fehlt auch schlicht das eine Jahr an Erfahrung in der höheren Altersklasse. War die Kaderzusammenstellung daher im Nachhinein ein zu großes Wagnis? Willig holt ein wenig aus. „Um titelfähig zu sein“, sagt der 41-Jährige, „brauchst du viele Spieler des älteren Jahrgangs. Vor allem im ersten Halbjahr.“ Er verweist auf Teams wie den FSV Mainz 05, die mit dieser Strategie in dieser Saison ganz oben mitmischen.
Aber: Konkurrenzfähig könne man auch sein, wenn man nicht nur auf Ältere baue, betont Willig. Der Blick nach München zeigt das. Dort setzt der FC Bayern fast ausnahmslos auf Spieler des jüngeren Jahrgangs und liegt derzeit vor dem VfB. Willig macht deshalb kein Geheimnis daraus, dass sein Team hinter den eigenen Ansprüchen liegt. „Wir haben damit gerechnet, dass es Schwankungen geben könnte. Dass sie so extrem ausfallen, war nicht zu erwarten.“
Viele Verträge wurden langfristig verlängert
Womöglich wurde auch schlicht die Erwartungshaltung zur Bürde. Viele Spieler des Jahrgangs 2005 standen früh im Schaufenster und wurden von anderen Vereinen umworben, Laurin Ulrich vom FC Bayern etwa. Fast alle hat der VfB mit langfristigen Arbeitspapieren bis 2025 oder sogar 2026 an sich gebunden – und das Ganze nicht ohne Stolz öffentlichkeitswirksam präsentiert.
„An diesem Jahrgang wird der VfB viel Freude haben“, hatte der Sportdirektor Sven Mislintat jüngst nach Ulrichs Bundesliga-Debüt Mitte November bei Bayer Leverkusen betont. Beim VfB wissen sie um die Sehnsucht im Umfeld nach einer Generation von Eigengewächsen in der Bundesliga. Viele Talente werden deshalb schon jetzt eingebunden. Di Benedetto und Leon Reichardt waren zuletzt auf USA-Reise mit den Profis, Ulrich sowieso. Er ist neben Torhüter Dennis Seimen einer von zwei Youngstern, die seit Saisonbeginn fest bei der ersten Mannschaft trainieren – wenn sie denn fit sind.
Im September nämlich fehlte Ulrich mehrere Wochen wegen Problemen am Hüftbeuger. „Da hat sich der Körper gemeldet“, sagt Willig, „der Sprung ins Training der Profis ist ein großer, das ist eine enorme Belastung im Vergleich zum U-17-Training.“ Auch die Spieler aus dem Trainingskader der U 19 fallen ab und an aus. Außenspieler Alexandre Azevedo klagt immer mal wieder über Leistenprobleme, Defensivspezialist Paulo Fritschi fehlte des Öfteren mit Patellasehnen-Problemen aufgrund von Wachstumsschüben. Auch deshalb mahnt Mislintat: „Nicht alle aus dem 2005er Jahrgang werden so schnell wie Laurin sein. Einige werden ein Jahr in der zweiten Mannschaft brauchen.“
„Fußball paradox“ gegen 1860 München
Und: Wie es dann eben so ist, kommen in dieser Phase der Anpassung noch von Spieltag zu Spieltag zusätzliche Baustellen hinzu. Gegen den TSV 1860 München (1:3) hatte die Stuttgarter U 19 viel Pech im Abschluss, Willig spricht angesichts von 31:5 Torabschlüssen von „Fußball paradox“. Zuletzt gegen den Karlsruher SC fehlten etliche Stammspieler – neben den USA-Fahrern die gesperrten Paulo Fritschi und Luca Raimund sowie Colin Farnerud, der mit der schwedischen U-19-Nationalelf unterwegs war.
In Summe führt das alles zu einer ziemlich prekären Lage, nur noch zwei Punkte beträgt der Vorsprung auf die Abstiegsränge nach zuletzt drei Niederlagen in Serie. Letztlich aber gehörten auch solche Situationen zur Ausbildung dazu, sagt Willig: „Die Jungs sollen ihre maximale Leistungsfähigkeit trotzdem abrufen, auch wenn jetzt ein Stück weit eine Drucksituation eingetreten ist.“ Ein guter Test für besagte Druckresistenz steht bereits im kommenden Spiel an: Am 4. Dezember geht es zum noch sieglosen Schlusslicht Eintracht Trier – wo der VfB fraglos unter Zugzwang steht.