Wie aus Spanien zu vernehmen ist, sind sie tatsächlich da gewesen – die Scouts des FC Barcelona. Ausgestattet mit ihrem besonderen Blick für Spieler, der dazugehörigen Software auf ihren Laptops und den traditionellen Notizblöcken. Ist ja auch keine große Sache, von Frankfurt nach Stuttgart zu fahren. Zweieinhalb Stunden über die A 6 und A 81 und schon sitzt man in der Mercedes-Benz-Arena, um sich ein genaues Bild von Borna Sosa zu machen, dem stürmenden Linksverteidiger des VfB Stuttgart.
Geschickt also, dass Barça am Abend zuvor in der Europa League bei Eintracht Frankfurt (1:1) spielte, ehe man sich 200 Kilometer entfernt um die Zukunft kümmerte. Der katalanische Renommierclub sucht seit Längerem eine Alternative zu Jordi Alba. 33 Jahre ist der Nationalspieler alt, und seine Läufe über die linke Seite bereiten noch immer Tore vor, aber dahinter gibt es nur den 18-jährigen Alex Balde. Sosa mit seinen mittlerweile 24 Jahren und dem gereiften Spiel passt da ins Profil von Trainer Xavi.
„Borna Sosa ist ein Diamant“
Was die Beobachter aus Barcelona dem früheren Mittelfeldstrategen berichten können, dürfte einerseits bestätigen, was sie ohnehin wussten: Sosa verfügt über ein gutes Offensivspiel und kann so präzise und scharf flanken wie kaum ein anderer auf dieser Position. In der Bundesliga gehört er in dieser Kategorie zu den Topspielern, aktuell hinter Filip Kostic (Frankfurt/167 Flanken), David Raum (Hoffenheim/162) und Angelino (Leipzig/106). Vermutlich käme Sosa beim VfB auf deutlich mehr als 89 Flanken, wenn er nicht gelegentlich ausgefallen wäre.
Andererseits bekamen die Scouts ein anderes Element im Spiel des Kroaten vor Augen geführt, das bisher selten zu sehen war: Torabschlüsse. Beim 0:2 gegen Borussia Dortmund waren es drei. Einer davon technisch so anspruchsvoll, dass wohl selbst die verwöhntesten Barça-Anhänger im Camp Nou anerkennend genickt hätten. Sosa nahm den Ball in der Luft elegant an und setzte den folgenden Heber an die Latte. Da musste der BVB-Schlussmann Gregor Kobel schwer durchatmen, da er keine Chance gehabt hätte, das Spielgerät zu erreichen.
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„Borna Sosa ist ein Diamant“, sagt Markus Elmer, der einst unter der VfB-Trainerlegende Jürgen Sundermann selbst die linke Seite entlangsprintete, um eine Flanke nach der anderen in den Strafraum zu schlagen. Offiziell gab es offensive Außenverteidiger Ende der 70er Jahre noch nicht, doch Elmer interpretierte damals seine Rolle bereits modern. Heute erkennt der 69-Jährige einen Sosa, „der sich nach Anlaufschwierigkeiten sehr gut entwickelt hat. Er weiß genau, wann er sich nach vorne einschalten kann, und er treibt das komplette Offensivspiel an.“
Doch wie die Angelegenheit läuft, wird Sosa dies kaum über die Saison hinaus tun. Trotz eines Vertrages bis 2025. Eine kolportierte Ausstiegsklausel ist darin nicht verankert. Allerdings existiert nach Informationen unserer Redaktion eine feste Abmachung zwischen dem Spieler und dem Sportdirektor Sven Mislintat, dass Sosa den VfB in diesem Sommer verlassen kann, wenn ein Verein 25 Millionen Euro für ihn bietet. Sollte ein europäischer Edelclub den Linksfuß haben wollen, verlangen die Stuttgarter gar eine etwas höhere Ablösesumme.
Eine spezielle Vereinbarung
Zustande kam diese Vereinbarung, die ausschließlich für das kommende Transferfenster gilt, im Winter, als ein international spielender Verein mit viel Geld um Sosa buhlte. Doch der Nationalspieler lehnte ab. Er soll sich nicht einmal richtig damit befasst haben, weil er Mislintat schnell signalisierte, er wolle beim VfB bleiben. In den anschließenden Gesprächen mit dem Sportdirektor bekannte sich Sosa klar zu den Stuttgartern. Er will helfen, den Klassenverbleib zu sichern.
Als Nächstes müssen Sosa und Co. dafür am Samstag (15.30 Uhr) beim 1. FSV Mainz 05 bestehen. Ein Gegner, der körperbetont agiert und dem stürmenden Linksverteidiger durch frühes Attackieren den Weg nach vorne versperren will. Denn in der Liga hat sich herumgesprochen, wie der VfB seine Angriffe bevorzugt aufzieht. Doch Sosa kennt das schon, und er hat gelernt, damit umzugehen. Ebenso wie das Verteidigen, das er aus der Jugend von Dinamo Zagreb gar nicht kannte – und dieses Gesamtpaket macht ihn nicht nur für den FC Barcelona interessant.