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In Baumgartls Huldigungen seiner Teamkollegen auf Zeit schwingt Zweierlei mit. Zum Einen die offenkundige Euphorie in und um die deutsche Nachwuchs-Nationalmannschaft, die am Montag (21 Uhr/ARD) in Udine gegen Dänemark in das Turnier startet. Zum Zweiten, dass ihm sein Leben als Fußballprofi zuletzt eher wenig Freude bereitet hat. Kein Wunder, liegt doch eine Saison zum Vergessen hinter dem Junioren-Nationalspieler. Erst die nicht nicht enden wollende Malaise mit den Gehirnerschütterungen. Dann der fatale Abstieg aus der Fußball-Bundesliga, für Baumgartl der zweite in drei Jahren. Dass er unter den wechselnden VfB-Trainern in der vergangenen Saison nicht mehr die erste Geige spielte, fällt dabei gar nicht mehr so sehr ins Gewicht.
Baumgartl will die Bühne nutzen
Weshalb der Böblinger den aktuellen Tapetenwechsel umso mehr genießt. Eine Europameisterschaft in Italien, mit dem Bundesadler auf der Brust – das ist doch ein willkommener Stimmungsaufheller. Zumal sich der Abwehrspieler sportlich einiges ausrechnet. „Wir sind Titelverteidiger und haben im März gute Spiele gegen die Favoriten gemacht. Daraus haben wir Selbstvertrauen geschöpft“, sagt Baumgartl, der nach 15 Länderspielen schon zu den alten Hasen und Wortführern im Team von Bundestrainer Stefan Kuntz zählt. Das große Ziel heißt Titelverteidigung, das Minimalziel Halbfinale, was mit der sicheren Olympia-Qualifikation verbunden wäre. Von der Mannschaft, die vor zwei Jahren in Polen den EM-Titel gewann, sind allerdings nur noch fünf Akteure dabei.
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Dennoch: Deutschland wird bei dieser EM eine gute Rolle spielen, darin sind sich die meisten Experten einig. Und Timo Baumgartl hat gute Chancen, die kleine Bühne des Weltfußballs für sich zu nutzen. Ein paar gute Spiele reichen schon, um den eigenen Marktwert zu erhöhen und den Spionen aus aller Herren Länder vor Augen zu führen: Dieser Baumgartl ist doch ein ganz passabler Innenverteidiger!
Deutsch, jung und erfahren zugleich – Angebote aus der Bundesliga wären die logische Folge. Und damit verbunden die Frage, wie offen der 23-Jährige, der seit acht Jahren das Trikot mit dem Brustring trägt, einer Luftveränderung gegenüber stünde. Ein enger Draht zum neuen Leipziger Trainer Julian Nagelsmann wird ihm bereits nachgesagt. Seine jüngsten Aussagen wenige Tage vor Turnierstart in der „Bild“-Zeitung klingen jedenfalls nicht nach großer Lust auf ein weiteres Jahr zweite Liga. „Irgendwann möchte ich den nächsten Schritt machen, das ist klar. Ob es diesen Sommer ist oder später, das wird man sehen. Aber ich will mich natürlich weiterentwickeln,“ sagt er.
Der Innenverteidiger hat noch einen Vertrag bis 2022
Tatsächlich hat der Innenverteidiger noch einen Vertrag bis 2022. Doch auch sein Arbeitgeber sortiert sich nach dem Abstieg neu. Gegen einen Verkauf Baumgartls, soviel ist zu hören, würden sich die sportlich Verantwortlichen nicht mit Händen und Füßen wehren – sofern das Angebot stimmt. Und sofern es dem Duo Thomas Hitzlsperger/Sven Mislintat gelingt, eine schlagkräftige Defensive auch ohne Baumgartl aufzubauen. Nach dem Abschied von Benjamin Pavard und dem drohenden Abgang von Ozan Kabak verbleiben für das Abwehrzentrum noch Marc Oliver Kempf, Holger Badstuber und Marcin Kaminski. Längst ist nicht aller Tage Abend – bis Transferschluss am 31. August werden die Verhandlungsführer der Branche noch viel mit den Geldscheinen wedeln.
Da Baumgartl über keine Ausstiegsklausel verfügt, hält der VfB das Heft des Handelns in der Hand. Letztlich wird bei einem möglichen Verkauf viel um die Frage kreisen, welchen Stellenwert der Club seinem Eigengewächs beimisst. Schließlich ist „Baumi“ der Letzte, der sich aus der eigenen Jugend zu den Profis durchgekämpft hat. Er ist eine Identifikationsfigur für die Fans. Jemanden wie ihn gibt man nicht so leicht ab. Andererseits machen Hitzlsperger und Mislintat Ernst mit ihrer Abkehr von Erbhöfen, der Fokus soll künftig allein auf die sportliche Wertigkeit von Spielern gerichtet sein. Ob Baumgartl in das Spielsystem des neuen Trainers Tim Walter passt, ist eine weitere dieser zahlreichen offenen Zukunftsfragen. Das Aufbauspiel zählt jedenfalls nicht zu den Stärken des 1,90-Meter-Mannes.
„Dein nächster Schritt“, lautet das DFB-Motto bei dieser Europameisterschaft. Gut möglich, dass sich auch Timo Baumgartl den Slogan bald zu eigen macht.