VfB Stuttgart Wie wieder mehr Talente im Bundesliga-Team Fuß fassen sollen

Entscheidende Akteure im Nachwuchsleistungszentrum des VfB: U-21-Trainer Markus Fiedler (links) und Nachwuchschef Stephan Hildebrandt Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Die Einsatzzeiten des eigenen Nachwuchses bei den VfB-Profis halten sich derzeit noch in engen Grenzen – sollen aber bald steigen. Wie Sportvorstand Fabian Wohlgemuth und Jugendchef Stephan Hildebrandt die Lage einschätzen.

Sport: David Scheu (dsc)

Testspiele in Länderspielpausen haben es an sich, immer auch Talenten eine Bühne zu geben. Das ist beim VfB Stuttgart nicht anders, wo an diesem Donnerstag (14 Uhr) gegen den SSV Ulm aufgrund des Fehlens von 14 Nationalspielern mehrere Youngster vorspielen dürfen. Trainer Sebastian Hoeneß wird dabei aber nicht nur das eigene Team genau beobachten – sondern auch zum Gegner blicken, bei dem ebenfalls ein Stuttgarter Nachwuchsprofi aufläuft. Für ein Jahr ist Laurin Ulrich (19) an den Zweitligisten verliehen, um im besten Fall mit viel Einsatzzeit in den Beinen zurückzukehren.

 

Bislang allerdings gestaltet sich die Sache mit der Spielpraxis an der Donau übersichtlich: Zwei Kurzeinsätze nach acht Spieltagen sind fraglos nicht das, was sich alle Beteiligten erwartet hatten. Eine Krankheit zum Ende der Vorbereitung bremste Ulrich aus, nun hat er sich herangearbeitet. „Er ist ein sehr williger Spieler, charakterlich einwandfrei“, lobt SSV-Trainer Thomas Wörle, betont aber zugleich: „Wir haben natürlich auch eine Konkurrenzsituation im Kader. Laurin muss gerade geduldig sein.“ Dass er fußballerisch hochveranlagt sei, stehe außer Frage.

Große Erfolge mit der U 17 im Jahr 2022

Das gilt für viele Spieler seines Jahrgangs 2005, der vor zweieinhalb Jahren beim VfB und darüber hinaus in aller Munde war. Damals stieß die U 17 bis ins Finale um die deutsche Meisterschaft vor, fünf Talente aus dem Team spielten für den DFB bei der Europameisterschaft in dieser Altersklasse: neben Kapitän Ulrich noch Torhüter Dennis Seimen, Verteidiger Paulo Fritschi, Außenspieler Alexandre Azevedo und Offensivakteur Samuele Di Benedetto. Das war ein Statement, dem ein Sommer der Vertragsverlängerungen folgte. Nach und nach wurden die EM-Fahrer (und weitere Spieler des Jahrgangs 2005 wie Luca Raimund) mit neuen Arbeitspapieren ausgestattet.

Torhüter Dennis Seimen (18) spielt derzeit in der U 21 – und soll zum Bundesliga-Stammkeeper des VfB aufgebaut werden. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Inzwischen ist es ruhiger geworden um die Toptalente. Für Ulrich blieb es bislang bei einem Bundesliga-Einsatz 2022, viele andere Spieler des Jahrgangs 2005 sind beim VfB in der U 21 in der dritten Liga aktiv. Sie waren teils auch schon im Training bei Sebastian Hoeneß dabei – Dennis Seimen sowieso, der fest bei den Profis trainiert und dem die Perspektive als Bundesliga-Stammtorwart klar aufgezeigt ist. Und dennoch: Dass in naher Zukunft ein ganzer Schwung aus einem womöglich goldenen Jahrgang in der MHP-Arena aufläuft, ist längst nicht ausgemacht.

Das sollte man auch nicht erwarten, findet Stephan Hildebrandt. Der Chef des VfB-Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) hält wenig davon, einem ganzen Jahrgang einen Stempel aufzudrücken: „Das schafft Fakten und auch Druck. Jeder Spieler hat seine eigene Geschichte.“ Und hier gehöre es zur Wahrheit, dass Entwicklungen nicht gleichförmig verlaufen: „Ein aktuelles Leistungsbild von Jugendspielern kann man nicht hochrechnen oder übertragen auf eine spätere Profikarriere. Das sind keine Roboter, sondern Menschen mit einem eigenen Entwicklungszyklus.“

Sportvorstand Fabian Wohlgemuth sieht einige aussichtsreiche Talente

In diesem Prozess stecken gerade viele VfB-Talente. „Es ist ein riesengroßer Schritt aus dem Nachwuchs in den Profibereich“, sagt Hildebrandt, „das betrifft die Spielgeschwindigkeit genauso wie die Gegnerhärte.“ Man müsse sich klarmachen, dass es selbst in die dritte Liga nur eine handverlesene Zahl von Spielern aus den NLZ schaffe. In ebendieser dritten Liga mischt die U 21 des VfB mit vielen Eigengewächsen mit, was auch den Sportvorstand freut.

Fast, sagt Fabian Wohlgemuth, seien die positiven Entwicklungen im NLZ im Zuge der Vizemeisterschaft der Profis und der Champions League etwas untergegangen: „Wir sehen einige Talente, deren Potenzial Hoffnung auf mehr macht.“ Diese würden gerade von dem jüngsten Aufstieg der U 21 in die dritte Liga wie auch der Teilnahme der U 19 an der Youth League profitieren: „Darüber verkürzen wir den Abstand zwischen Lizenz- und Nachwuchsbereich sichtbar“, so der Sportchef. Auch inhaltlich wird mit den Talenten klar kommuniziert und Demut vermittelt, um keine falsche Erwartungshaltung zu wecken. „Es geht auch um die Veränderung einer Grundhaltung“, sagt Wohlgemuth, „ich bin überzeugt davon, dass Stephan Hildebrandt und sein Team im Nachwuchs die richtigen Ansätze gewählt haben und verfolgen, um die Talententwicklung bei uns wieder relevanter für die eigene Lizenzmannschaft zu machen.“

Im Hier und Jetzt ist da noch Luft nach oben. Das sieht auch der NLZ-Chef so, vor allem eine Zahl gefällt Hildebrandt ganz und gar nicht: 136. Auf so viele Bundesliga-Minuten kamen in der Vorsaison beim VfB Spieler aus dem NLZ – verteilt auf Lilian Egloff (5 Einsätze), Raimund (3) und Di Benedetto (1). „Diesen Wert wollen wir deutlich erhöhen“, sagt Hildebrandt. Mit Verteidiger Anrie Chase ist ein Anfang gemacht, der nach zwei Jahren in der U 21 nun auf acht Pflichtspiel-Einsätze beim Hoeneß-Team kommt. Der Letzte soll er nicht sein – und womöglich empfiehlt sich ja schon im Spiel gegen Ulm der eine oder andere Youngster.

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