Wie sich die Bilder doch gleichen: Zum exakt selben Zeitpunkt der Vorsaison herrschte beim VfB Stuttgart wie jetzt auch Tristesse, Unzufriedenheit und Wut. Nach einer Niederlage bei Hertha BSC im direkten Duell am viertletzten Spieltag, die ob der schwachen Leistung auch in Ordnung ging. Die prekäre Ausgangslage damals wie heute: Relegationsplatz, 28 Punkte, drei Spiele noch, akute Abstiegsgefahr.
Vor einem Jahr, die Geschichte ist bekannt, bekam der VfB gerade noch die Kurve. Mit zwei Remis gegen den VfL Wolfsburg (1:1) und beim FC Bayern (2:2) sowie dem emotionalen Sieg im Finale gegen den 1. FC Köln (2:1). Was zeigt: Die Mannschaft ist zu einem Endspurt fähig, auch aus einer schwierigen Situation wie der jetzigen heraus. Verlassen sollte sich in Bad Cannstatt aber niemand auf eine Wiederholung des Saisonfinals von 2022. Denn identisch ist die Konstellation nicht, vielmehr in mancher Hinsicht heute sogar komplizierter.
Die Konkurrenz macht viel Druck auf den VfB
Ein wesentlicher Unterschied: Vor einem Jahr war die Anzahl der Kontrahenten überschaubarer, Greuther Fürth als abgeschlagener Tabellenletzter mit 17 Zählern bereits abgestiegen. Das ist jetzt anders. Der Tabellenletzte Hertha BSC (25 Punkte) hat neue Hoffnung geschöpft, macht mächtig Druck von hinten und hat ein selbstbewusstes Ziel. Alle verbleibenden Spiele will Trainer Pal Dardai gewinnen, das hat er vor dem Stuttgart-Spiel erklärt. Fraglos sehr ambitioniert, aber den Glauben an Punktgewinne lässt das Berliner Restprogramm durchaus zu. Beim 1. FC Köln, gegen den VfL Bochum, beim VfL Wolfsburg.
Auch darauf, dass der Vorletzte Bochum (28 Zähler) nicht mehr punktet, sollte man nicht hoffen. 20 seiner 28 Zähler holte der VfL vor heimischer Kulisse, eben dort stehen nun noch zwei Spiele an. Gegen den FC Augsburg und Bayer Leverkusen. Und der FC Schalke auf Platz 15? Hat zwar ein knüppelhartes Restprogramm mit Auswärtspartien beim FC Bayern und RB Leipzig, befindet sich aber im Aufwind und scheint in jedem Fall in der Lage, sein Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt zu gewinnen. Dann stünden die Königsblauen bei 33 Punkten.
Der mentale Faktor des Leverkusen-Spiels
Für die Folgerung aus Stuttgarter Sicht braucht es nicht viel Fantasie: Der VfB wird in den letzten drei Spielen noch einige Punkte benötigen, um den Relegationsplatz zu halten oder sich womöglich noch direkt zu retten. Wohl mindestens jene fünf, die es in der Vorsaison waren. Vielleicht auch mehr. Was zur Frage führt: Wie stehen die Chancen darauf?
Zweimal noch dürfen die Stuttgarter zuhause mit dem eigenen Publikum im Rücken antreten, gegen Bayer Leverkusen und die TSG Hoffenheim. Ein Vorteil aus Sicht von Trainer Sebastian Hoeneß, wie er zuletzt in Berlin betonte. Auch dass die kommenden Gegner eher für Offensivdrang denn defensives Einigeln stehen, könnte dem VfB mit seinen schnellen Konterspielern entgegen kommen. Aber: Der Blick auf die einzelnen Spiele zeigt, dass es neben Mutmachern auch Fallstricke gibt.
Gegen Bayer Leverkusen an diesem Sonntag (15.30 Uhr) kann der Terminplan zum Faktor werden. Im positiven wie negativen Sinne für den VfB. Zunächst der Vorteil: Das Team von Xabi Alonso tritt an diesem Donnerstag (21 Uhr) im Halbfinale der Europa League bei AS Rom an. Die Pause vor dem VfB-Spiel ist entsprechend kurz, Reisestrapazen durch das Auswärtsspiel in Italien inklusive. „Es kann eine Rolle spielen“, sagt auch VfB-Sportdirektor Fabian Wohlgemuth. „Dass es eine höhere Belastung ist, innerhalb von acht Tagen dreimal zu spielen, ist ja offensichtlich.“ Zudem dürfte bei Bayer am Sonntag schon das Rückspiel gegen die Römer vier Tage später im Kopf sein – schließlich würde ein Titelgewinn in der Europa League die Qualifikation zur Champions League bedeuten, die über die Bundesliga praktisch nicht mehr erreichbar ist.
Der FSV Mainz kämpft noch um den Einzug ins internationale Geschäft
Das Bayer-Spiel hält aber auch eine potenzielle mentale Bürde für den VfB bereit: Durch den Termin am Sonntag müssen die Stuttgarter der Konkurrenz am Wochenende erstmal zuschauen – und könnten vorübergehend auf einen direkten Abstiegsplatz abrutschen. Dann nämlich, wenn die Bochumer am Samstag ihr Heimspiel gegen den FC Augsburg nicht verlieren. Der VfB ginge dann als 17. in das drittletzte Saisonspiel, was den ohnehin großen Druck stark erhöhen würde. Denn dass sie in Stuttgart nicht auf die Tabelle schauen, kann man spätestens seit Samstag ins Reich der Fabeln verweisen. Da hatte Hoeneß nach der Berlin-Pleite betont, dass der 3:2-Sieg des Konkurrenten FC Schalke 04 am Vorabend beim FSV Mainz 05 eine Rolle gespielt habe.
Genau dort, in Mainz, steigt für die Stuttgarter am 21. Mai das letzte Auswärtsspiel. Gegen ein Team, das noch mittendrin ist im Kampf um den internationalen Wettbewerb. Zum Saisonfinale gastiert schließlich die TSG Hoffenheim um Ex-VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo in Stuttgart zum womöglich entscheidenden Duell. „Wir haben alle Chancen“, sagt Trainer Hoeneß vor dem zu erwartenden Herzschlagfinale im Abstiegskampf. Klar ist aber auch: Es wird ein Kraftakt nötig sein, damit sich die Geschichte von 2022 wiederholt.