VfB-Stürmer im Interview „Wir können Großes erreichen“ – Demirovic über Titel und seine Zukunft

„Deniz überrascht manchmal sogar mich noch.“ Ermedin Demirovic versteht sich auch privat bestens mit seinem Sturmpartner. Foto: Baumann/Alexander Keppler

Der VfB-Stürmer spricht im Interview über Telefonate im Auto, sein Fasten während des Ramadan – und richtet eine Einladung an Deniz Undav.

Sport: David Scheu (dsc)

Für Ermedin Demirovic geht es mit dem VfB Stuttgart in die heiße Saisonphase. Vor dem Spiel beim FSV Mainz 05 (Samstag/15.30 Uhr) spricht der Stürmer über seine Ziele, das Fasten während des Ramadan – und den großen WM-Traum.

 

Herr Demirovic, sind Sie neuerdings Fan der kurdischen Küche?

(lacht) Weil wir bei Familie Undav zum Essen eingeladen waren? Es war auf jeden Fall sehr lecker. Ich habe schon zu Deniz gesagt, dass er uns gerne wieder einladen kann. Aber ich glaube, als nächstes sind wir dran und werden ihm die Balkan-Küche näherbringen.

Deniz Undav und Sie verstehen sich sichtbar gut. War das eigentlich von Anfang an so?

Wir hatten von Beginn an eine gemeinsame Wellenlänge. Aber als ich 2024 zum VfB gekommen bin, ging es zunächst ums Einfinden und Ankommen. Da habe ich eher wenig unternommen. Mittlerweile sehen und hören wir uns fast täglich auch privat, unsere Kinder und Frauen verstehen sich auch sehr gut. Das passt.

Das gilt auch für das Zusammenspiel auf dem Platz.

Ich habe schon vergangene Saison öfter gesagt, dass ich gerne mit Deniz zusammen spiele. Wir ergänzen uns gut durch meine Körperlichkeit und sein Gespür für Räume. Deniz ist so schwer zu greifen, er steht oft intuitiv richtig und macht unerwartete Dinge. Ein Pass, ein Schuss, eine Körpertäuschung. Damit überrascht er manchmal sogar mich noch.

In puncto Tore ist er Ihnen derzeit voraus. Undav steht bei 14, Sie bei der Hälfte. Gilt die persönliche 15-Tore-Zielmarke noch, die Sie in den beiden vergangenen Spielzeiten erreicht haben?

Die gab es auf jeden Fall. Man muss aber ehrlicherweise sagen, dass das durch meine dreimonatige Verletzungspause Ende 2025 schwierig geworden ist. Aber bei den jetzigen sieben Toren soll es auf keinen Fall bleiben.

Zählen für Sie bei solchen Zielen eigentlich die Tore in der Europa League und im DFB-Pokal mit?

Nein. Ich rede immer von Bundesliga-Toren. Das ist unser Kerngeschäft und mit 34 Spielen im Jahr der ehrlichste Wettbewerb, um Leistung zu messen und zu vergleichen. International und im Pokal weiß man im Vorfeld nie, wie lange es geht. Das ändert natürlich nichts daran, dass ich mich auch dort über Tore sehr freue.

Es hat ja auch nicht viel gefehlt zu weiteren Treffern. Stichwort VAR.

So viele knappe Abseitsentscheidungen wie zuletzt hatte ich in so kurzer Zeit noch nie. Aber du weißt, dass diese Dinge nicht zurückgenommen werden, wenn sie einmal gepfiffen sind. Ich bin überzeugt, dass wieder knappe Situationen zu meinen Gunsten kommen werden.

Ist es für Sie eine Überlegung, einen Schritt tiefer zu stehen, um knappe Situationen zu vermeiden?

Nein, ich lasse es drauf ankommen. Ich spiele mit der Abseitslinie, um den entscheidenden Vorteil zu haben. Ein Schritt macht da unheimlich viel aus. Er entscheidet oft darüber, ob es eine Großchance oder einen Ballgewinn des Gegners gibt.

Ermedin Demirovic im Gespräch mit Redakteur David Scheu Foto: red/StZN

Hadern Sie eigentlich immer noch so sehr mit aberkannten Toren oder vergebenen Chancen wie früher? Sie haben sich selbst einmal als Ihren größten Kritiker bezeichnet.

Völlig ändern werde ich mich da nie. Auf der Fahrt vom Training nach Hause – das sind so etwa 20 Minuten – telefoniere ich fast immer mit meinem Bruder oder meinem Vater und reflektiere. Wenn ich dann aber ankomme und meine Tochter auf mich zuläuft, ist das fast wie ein Reset-Knopf. Du vergisst vieles, was davor war. Die Vaterrolle hat schon einiges verändert, du wirst gelassener. Auch mit Blick auf den Fußball.

Würden Sie zustimmen, dass sich Ihr Wert für die Mannschaft in ihrer zweiten Saison beim VfB immer stärker auch losgelöst von Toren bemisst.

Das sehe ich auch so, ja. Ich habe im ersten Jahr meine Zeit gebraucht, weil es eine komplett andere Spielweise als in Augsburg ist. Inzwischen bin ich stärker ins Kombinationsspiel eingebunden und habe auch in Spielen ohne eigenes Tor oft ein gutes Gefühl auf dem Platz. In meiner Wahrnehmung bin ich jetzt noch stärker ein Teil der Mannschaft als vor einem Jahr. Und körperlich fühle ich mich wirklich top.

Ist es für Sie als Muslim derzeit eine Herausforderung, Ramadan und Leistungssport zu vereinbaren?

Jeder geht damit unterschiedlich um. Wenn wir nachmittags spielen, setze ich an diesem Tag mit dem Fasten aus, um mir die Kraft zu holen und leistungsfähig zu sein. Bei Abendspielen ist nach Sonnenuntergang noch Zeit, um vor dem Spiel zu essen und zu trinken. Ich kenne das alles ja aus den vergangenen Jahren und habe eigentlich immer einen guten Umgang damit hinbekommen.

Sie liegen mit dem VfB zehn Spieltage vor Schluss auf Platz vier, der die Qualifikation für die Champions League bedeuten würde. Ist es das Ziel, dort zu bleiben?

Die Saison geht jetzt in die entscheidende Phase. Wenn du zu diesem Zeitpunkt da oben bist, willst du da natürlich auch bleiben. Ich bin aber kein Freund von großen Ansagen – letztlich erhöht einzig und allein der volle Fokus auf die nächste Aufgabe die Wahrscheinlichkeit auf eine erfolgreiche Saison. Klar ist aber: Wir stehen nicht durch Zufall da oben, sondern haben uns die Punkte verdient. Wenn wir so weitermachen, sehe ich gute Chancen, auch am Ende dort zu stehen.

Harmonieren auf und neben dem Platz: Ermedin Demirovic und Deniz Undav Foto: Baumann/Julia Rahn

Zudem können Sie noch zwei Titel gewinnen. Ist die Europa League reizvoller, weil Sie den DFB-Pokal 2025 schon gewonnen haben?

Nein. Aufgrund der Erfahrungen und Emotionen im vergangenen Jahr in Berlin wollen wir da unbedingt wieder hin. Ich sehe die Wettbewerbe gleichrangig. Dass europäische Spiele etwas Spezielles sind, muss man niemandem erklären. Wir haben jetzt mit dem FC Porto im Achtelfinale ein echtes Brett, gehen die Sache aber selbstbewusst an. Im März noch in allen drei Wettbewerben aussichtsreich im Rennen zu sein, ist keine alltägliche Konstellation und ein großer Ansporn. Es kann eine besondere Saison werden, wir können Großes erreichen.

Das gilt auch für das Nationalteam. In drei Wochen geht es für Sie mit Bosnien-Herzegowina um die WM-Teilnahme. Wäre das vergleichbar mit einem Titelgewinn auf Vereinsebene?

Emotional gesehen auf jeden Fall. Als Kind habe ich nicht davon geträumt, den DFB-Pokal zu gewinnen, sondern mit der Nationalmannschaft an einer WM teilzunehmen. 2014 saßen wir zu zehnt mit Schals im Wohnzimmer, als Bosnien in Brasilien dabei war. Ich weiß, was es als Fan bedeutet, so etwas mitzuerleben. Es ist ein Riesenziel.

Im Halbfinale spielen Sie in Wales, in einem Finale könnte Italien warten.

Anspruchsvoll, keine Frage. Aber das Endspiel wäre vor eigenem Publikum, da ist alles möglich. Ich habe ein gutes Gefühl und schon seit Monaten eine große Vorfreude auf diese Spiele.

Von der kurzfristigen Zukunft zur mittelfristigen. Ihr Vertrag beim VfB läuft noch bis 2028.

Es ist wirklich noch zu früh, um sich darüber konkrete Gedanken zu machen. Was ich aber sagen kann: Ich fühle mich sehr wohl hier, meine Familie hat sich in Stuttgart eingelebt. Deswegen spricht aus heutiger Sicht nichts dagegen, länger hier zu bleiben. Ich habe noch viel vor mit dem VfB, in der Gegenwart und in der Zukunft.

Hamburger Jung beim VfB

Karriere
Ermedin Demirovic (27) wuchs in Hamburg auf und wurde in der Jugend des HSV ausgebildet. Nach mehreren Stationen im In- und Ausland wechselte er 2024 vom FC Augsburg zum VfB. In seinen bisherigen 173 Bundesliga-Spielen gelangen ihm 52 Tore und 33 Vorlagen.

Privates
Demirovic ist seit Ende 2024 mit seiner langjährigen Partnerin Sandra verheiratet. Im Januar 2025 kam Tochter Leana zur Welt.

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