InterviewVfB-Tainer Jürgen Kramny „Ich mag kein Larifari“

Alles im Blick: der VfB-Trainer Jürgen Kramny in Belek Foto: Baumann
Alles im Blick: der VfB-Trainer Jürgen Kramny in Belek Foto: Baumann

Der VfB-Chefcoach Jürgen Kramny spricht im Trainingslager an der türkischen Riviera über neuen Druck, alte Prinzipien und die Aufregung in seiner Familie. Und er sagt: „Ich bin überzeugt, dass wir die prekäre Situation meistern werden.“

Sport: Carlos Ubina (cu)
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Belek - Jürgen Kramny steht oft ruhig und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen auf dem Trainingsplatz des VfB Stuttgart. Doch in dem vor wenigen Wochen zum Chefcoach beförderten Fußballlehrer steckt viel Energie und Risikobereitschaft.

„Ich brauche keine Sicherheit“, sagt der 44-Jährige zu seiner Situation beim abstiegsgefährdeten Bundesligisten im Gespräch mit unserem Redakteur Carlos Ubina.

 

Herr Kramny, sind Sie ein Laptoptrainer?
Ich nutze wie viele andere Trainer auch die technischen Möglichkeiten zur Vor- und Nachbereitung eines Spiels.
Aber im Sinne des TV-Experten Mehmet Scholl, der über eine neue Trainergeneration gelästert hat, die er als Taktikstreber sieht, die aber keine Ahnung habe, wie Fußballprofis wirklich ticken?
Wer auf meine Vita schaut, wird zum einen feststellen, dass es in meinem Trainerdasein seit 2006 eine Entwicklung und auch Kontinuität gibt, und zum anderen, dass ich aus dem Profifußball komme. Ich kenne das Geschäft.
Und jetzt sind Sie endlich Cheftrainer eines Bundesligisten?
Da ich mich grundsätzlich nicht so wichtig nehme, würde ich es so nicht formulieren. Aber natürlich ist es etwas anderes, nicht mehr Interimstrainer zu sein, sondern als Cheftrainer die komplette Verantwortung zu tragen – für die Rückrunde, aber auch darüber hinaus.
Das klingt sehr sachlich.
Natürlich ist es auch emotional eine ganz andere Hausnummer, der Chefcoach des VfB zu sein. Grundsätzlich bin ich aber Trainer aus Überzeugung und Leidenschaft. Mir hat es auch viel Spaß gemacht, für die zweite Mannschaft zuständig zu sein. Deshalb ändert sich für mich gar nicht so viel, weil ich nach dem gleichen Prinzip handle: Ich will den größtmöglichen Erfolg haben.
Als Bundesligacoach ist nun aber die Fallhöhe eine andere als zuvor in der dritten Liga.
Stimmt schon, aber für mich persönlich hat das keine so große Bedeutung. Für einen Fußballlehrer ist es doch genau das, was man anstrebt: einen Bundesligisten zu trainieren. Deshalb gehe ich diese Herausforderung sehr zuversichtlich an.
Man kann sich aber auch entsprechende Klauseln in den Vertrag einbauen lassen, um im Misserfolgsfall abgefedert zu sein.
Ich brauche keine Sicherheit. Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass ich immer gut aufgefangen wurde. Wahrscheinlich weil ich ein fleißiger Typ bin.
Wie hat Ihre Familie reagiert, da sich ihr Berufsrisiko durch den Aufstieg ja erhöht hat?
Da gab es null Bedenken und viel Rückhalt. Unsere Kinder wissen, dass ihr Papa schon lange im Profifußball arbeitet. Sie waren deshalb anfangs Mainz-Fans, dann VfB-II-Anhänger und jetzt fiebern sie wieder mit mir mit. Auch meine Mutter und mein Vater stehen voll hinter mir. Ich stamme ja aus einer VfB-Familie.
Das heißt, der Kramny-Clan sitzt nun immer im Stadion und drückt die Daumen?
Meine Eltern haben mich schon immer sehr unterstützt und sie waren auch stolz, als ich 1990 beim VfB meinen ersten Profieinsatz hatte. Jetzt kommt mein Vater aber nicht mehr regelmäßig ins Stadion, weil die Aufregung doch zu viel sein könnte.
Aber vor dem Fernseher ist er dabei?
Auf jeden Fall. Zwischendurch geht er aber aus dem Zimmer, wenn es kitzlig wird. Das Pokalspiel im Dezember gegen Braunschweig zum Beispiel war so eine Achterbahnfahrt der Gefühle, als wir in die Verlängerung mussten, um zu gewinnen.
Und beim Sieg gegen Wolfsburg im letzten Vorrundenspiel?
Da haben wir ja 3:1 geführt, da ging es ganz gut. Und wenn der Anschlusstreffer gefallen wäre, dann hätte mein Vater eben kurz mal raus müssen (lacht).
Sie sind jetzt schon seit 2010 beim VfB, als Fußballlehrer angestellt. Haben Sie noch daran geglaubt, in Stuttgart nach ganz oben zu kommen?
Es gab sicher ein paar Entscheidungen, nach denen ich überlegen musste, wo mein Weg als Trainer hingeht. Dennoch habe ich mich immer loyal gegenüber dem Verein und allen Personen verhalten – auch wenn sie mal an mir vorbeigezogen sind. Grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass sich Türen öffnen, wenn man kontinuierlich an etwas dran bleibt.
Hat es Sie nicht geärgert, als vor zweieinhalb Jahren der damalige U-17-Trainer Thomas Schneider zum Chefcoach befördert wurde und Sie quasi übergangen wurden?
Nein. Auch wenn man als Betroffener immer glaubt, dass der Zeitpunkt für ein Weiterkommen jetzt sofort sein müsste. Doch diese Entscheidungen sind letztlich fremdbestimmt. Ich kann nur sagen, dass der richtige Zeitpunkt für mich jetzt ist.
Warum?
Weil ich überzeugt bin, dass wir die prekäre Situation meistern werden. Und weil ich glaube, dass die Werte für die ich stehe, momentan sehr gefragt sind.
Für was stehen Sie?
Für mich ist Disziplin über den Sport hinaus unabdinglich. Zuverlässigkeit ist für mich ebenfalls ein zentraler Punkt und ich glaube, wenn dies erkannt und wertgeschätzt wird, dann kommt man weiter.
Wie macht sich das in Ihrer täglichen Arbeit bemerkbar.
Die Spieler wissen, dass ich ihnen Leistung abverlange. Am Anfang eines Trainings kann sehr gerne der Spaß stehen, aber wenn es losgeht, sollen sich die Spieler ihren Spaß über gewonnene Zweikämpfe, gemeinsame Balleroberungen und Torabschlüsse holen. Ich mag kein Larifari.
Und wie sieht es diesbezüglich außerhalb des Platzes aus?
Es gibt einen klaren Rahmen, in dem sich die Spieler bewegen können. Ich bin aber kein Freund davon, ständig selbst einzugreifen. Wenn ein Spieler zu spät kommt, muss das die Mannschaft regeln. Ebenso, dass die Kabine sauber verlassen wird. Das ist doch ihr Bereich, ihr Leben.
Bei Ihrem Vorgänger Alexander Zorniger waren zum Beispiel Kopfhörer im Mannschaftsbus nicht erlaubt. Das sollte die Kommunikation untereinander fördern. Wie halten Sie es?
Das stört mich nicht. Jeder hat seine eigene Art, sich auf ein Spiel zu konzentrieren. Dabei ist es mir lieber, ein Spieler hört für sich Musik, als das er mit seinem Handy herumspielt. Das mag ich gar nicht.
Wie wichtig ist Ihnen Teamgeist?
Teamgeist ist das oberste Gebot. Das habe ich von Anfang an betont. Ich möchte aber einen Teamgeist haben, der sich entwickelt und dadurch lebt.
Sind Sie in diesem Punkt auch durch ihre Vergangenheit in Mainz geprägt.
Sicher, denn dort hat es nur über das Gemeinschaftsgefühl funktioniert. Zunächst einmal musste ich damals miterleben, wie es abwärts ging. Das war schwer, aber als wir, die ehemals Erfolglosen, schließlich Erfolg hatten, sind wir uns oft in den Armen gelegen.
Aus ihrer Mainzer Zeit kennen Sie auch Jürgen Klopp gut, haben mit ihm lange zusammengespielt und später als Trainer erlebt. Wie kann man sich ihre Kabinenansprache vorstellen? Ähnlich emotional wie bei Jürgen Klopp, der schon mal Watschen verteilt?
Ich glaube, ich habe auch schon mal eine abbekommen. Ich selbst bin da im Umgang mit den Spielern und bei der Ansprache sehr offen. Wenn ich sehe, dass ein Spieler einen Klaps oder einen Stoß vor die Brust braucht, weil er verschlafen wirkt, dann bekommt er diesen Wachmacher auch. Ich kann Spieler aber auch in Ruhe lassen.
Stehen Sie auch für den Gegenpressing-Fußball à la Klopp?
Eine bestimmte Vorstellung von Fußball habe ich natürlich auch. Ansetzen mussten wir beim VfB aber in der Defensive, weil die Mannschaft deutlich zu viele Gegentore kassiert hatte. Das ist für mich nicht altmodisch, sondern erforderlich gewesen. Jetzt arbeiten wir an der Balance zwischen Defensive und Offensive, weil wir im Spiel nach vorne viel Potenzial haben. Wir wollen technisch guten Fußball spielen. Wir wollen Dynamik ins Spiel bringen. Und natürlich wollen wir schnell umschalten.
Wer hat Sie als Trainer stark beeinflusst?
Wolfgang Frank war der erste Lehrmeister, der aus meiner Mainzer Zeit stammt. Wir haben als erste Mannschaft in Deutschland damals eine Viererkette praktiziert. Jürgen Klopp war der nächste. Er hat die Arbeit weitergeführt, da hatten wir dann auch als erfahrene Spieler Einfluss. Mit Thorsten Lieberknecht, Sven Demandt, Christian Hock und Sandro Schwarz sind auch viele Spieler aus dieser Zeit in den Trainerberuf eingestiegen. Wir haben uns schon damals Tag und Nacht mit Fußball beschäftigt.
Und der Trainer Jürgen Klopp hat das Ende ihrer Spielerkarriere beschleunigt, weil er Sie nicht mehr im Team haben wollte?
Er hat mich nicht aus dem Kader geschmissen. Er hat mir damals nur klar gemacht, dass er einen Umbruch in der Mannschaft vollzieht und es für mich schwer werden würde, zu Einsätzen zu kommen. Ich wollte aber noch ein Jahr spielen und bin deshalb nach Darmstadt gewechselt. Dennoch hat mir Mainz den Posten des A-Jugendtrainers freigehalten. Das war schon etwas Besonderes. Nach einem halben Jahr bin ich nach Mainz zurück und konnte dort meine Trainerkarriere starten.



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