VfB-Talent macht Karriere Das Wunderkind aus Schwaben

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Serge Gnabry hat sechs Jahre lang in der Jugend des VfB gespielt. 2011 wechselte er zum FC Arsenal, wo er am Samstag sein erstes Spiel in der Premier League bestritt – mit 17 Jahren.

Serge Gnabry ist auf dem Vormarsch. Foto: Getty Images
Serge Gnabry ist auf dem Vormarsch. Foto: Getty Images

Stuttgart - Serge Gnabry spricht nur vom „Boss“, wenn er Arsène Wenger meint. „Der Boss versichert mir, dass ich eine gute Chance habe. Die will ich nutzen“, sagt der Stürmer, der am 14. Juli seinen 17. Geburtstag gefeiert hat. Damit könnte Gnabry noch für die A-Junioren des FC Arsenal auflaufen, aber das ist kein Thema mehr. Er ist viel weiter. So hat ihm sein „Boss“ bei der 0:1-Niederlage am vergangenen Samstag gegen Norwich City zum Debüt in der Premier League verholfen. Gnabry durfte in den letzten acht Minuten ran. Deshalb bezeichnen ihn die Fans der Gunners in London bereits als „German Wunderkind“.

Die Voraussetzungen dafür wurden beim VfB Stuttgart geschaffen. Denn da ist Gnabry als Fußballer groß geworden. Entdeckt hat ihn der damalige Jugendkoordinator Thomas Albeck im Sommer 2005 bei einem Sichtungslehrgang mit dem Kooperationspartner MTV Stuttgart. Das heutige „German Wunderkind“ sei ihm sofort aufgefallen, sagt Albeck. Gnabry war zehn Jahre alt und bis dahin in Ditzingen aktiv. Dann durchlief er die Nachwuchsschule des VfB, der schon Stars wie Mario Gomez, Kevin Kuranyi und Sami Khedira entsprungen sind. Albeck würde sich nicht wundern, wenn Gnabry demnächst in einem Atemzug mit diesen Spielern genannt würde – und der „Boss“ wäre vermutlich auch kaum überrascht.

„Er steht bei mir hoch im Kurs“

Wenger hat gefallen, was Gnabry am Samstag abgeliefert hat. „Nach seiner Einwechslung war er einer der Gefährlichsten bei uns. Er war auffällig und sah sehr interessant aus“, sagt der Arsenal-Trainer, der in ganz Europa als Förderer der jungen Spieler gilt und viele Talente auf dem Weg nach oben begleitet hat. Gnabry könnte der Nächste werden. „Er ist eine große Hoffnung und steht bei mir hoch im Kurs“, sagt der „Boss“ – und greift zu einem Vergleich: „Er befindet sich in der Kategorie von Theo Walcott und Alex Oxlade-Chamberlain.“

Die beiden Angreifer sind Kollegen von Gnabry bei Arsenal. Walcott (23) war mit 17 Jahren und 75 Tagen einst der jüngste englische A-Nationalspieler aller Zeiten, und Oxlade-Chamberlain (19) gehört inzwischen ebenfalls bereits fest zum Stamm der „Three Lions“. Der „Boss“ traut Gnabry eine ähnliche Karriere in der deutschen Auswahl zu. Im U-17-Team kam er bereits zwölfmal zum Zug und erzielte drei Tore.

Wie groß der Mut und das Vertrauen von Wenger sein müssen, zeigt sich daran, dass er Gnabry ins kalte Wasser geworfen hat, obwohl es im Kader der Londoner vor Spitzenprofis nur so wimmelt. So zählt neben Walcott und Oxlade-Chamberlain auch Lukas Podolski zu den Aushängeschildern, auch wenn der frühere Kölner bei den Fans nicht als „German Wunderkind“ gilt. Welcher Bundesligatrainer würde angesichts dessen den Einsatz eines soeben 17 Jahre alt gewordenen Spielers riskieren?

Beim VfB hat er sich nicht mehr wohl gefühlt

Ob Gnabry auch beim VfB so schnell so weit nach vorne gekommen wäre, ist demnach eine andere Frage. Das kann Albeck nicht beantworten. Was der Nachwuchsexperte, der im Winter zu Red Bull Leipzig geht, dagegen weiß, ist, dass Gnabry „überragende technische Fähigkeiten besitzt. Wie ihm der Ball gehorcht und wie er ihm am Fuß klebt, ist unglaublich.“ Hinzu komme eine Geschmeidigkeit im Bewegungsablauf und die enorme Geschwindigkeit seiner Aktionen. „In der Summe bedeutet das dann allerhöchste Qualität“, sagt Albeck.

Seine Klasse stellte Gnabry auch im Juli 2010 bei einem Turnier in Bad Ragaz unter Beweis. Wenger hatte damals extra einen Scout in die Schweiz geschickt. Der „Boss“ lud Gnabry in der Folge zu einem Probetraining ein. Zwölf Monate später wechselte er auf die Insel. „Für uns war er schon aus finanziellen Gründen nicht zu halten“, sagt Albeck. Doch kein Geheimnis ist, dass sich Gnabry beim VfB nicht mehr richtig wohlgefühlt hat. Vor allem sein Vater Jean-Hermann, ein früherer Nationalspieler von der Elfenbeinküste, drängte auch wegen angeblicher atmosphärischer Störungen auf den Abgang. Bereut hat Gnabry das nicht.

Morgen empfängt Arsenal in der Champions League den FC Schalke. Wenn es nicht rund läuft, wird der „Boss“ wohl wieder handeln – auch wenn Gnabry erst 17 ist.