VfB-Vorstandsvorsitzender Thomas Hitzlsperger „Die Gier hat über die Vernunft gesiegt“

Thomas Hitzlspergers Aufgabe ist es, den VfB Stuttgart durch die Krise zu führen. Foto: dpa/Jörg Carstensen

Mit dem Auswärtsspiel beim SV Wehen Wiesbaden endet für den VfB Stuttgart am Sonntag (13.30 Uhr) die Corona-Zwangspause. Nach den Wochen der Ungewissheit spricht Vorstandschef Thomas Hitzlsperger über Fehlentwicklungen im Profifußball – und geht mit der Branche hart ins Gericht.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Stuttgart - Erst seit einem halben Jahr ist Thomas Hitzlsperger (38) Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart – nun muss er den Fußball-Zweitligisten durch die Corona-Krise führen. Dazu gehört die umstrittene Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Bundesliga (lesen Sie hier: Spieltagsblog zum VfB-Spiel beim SV Wehen Wiesbaden).

 

Herr Hitzlsperger, gehören Sie zu den wenigen Menschen, die am Sonntag während der Partie beim SV Wehen Wiesbaden mit Gesichtsmaske im Stadion sitzen dürfen?

Ja, für mich ist gerade noch ein Platz im 270-Mann-Kader herausgesprungen. Das ist wirklich so, weil das Konzept unter diesen schwierigen Umständen genau die Personenanzahl definiert, die insgesamt im Stadion sein darf. Und wir haben uns über die Abläufe am Spieltag viele Gedanken gemacht. Da genießen die Mitarbeiter, die unmittelbar mit der Mannschaft zu tun haben, Priorität. Ich bin während der 90 Minuten in gewisser Weise ja nur Zuschauer ohne direkte Aufgabe.

Spüren Sie so etwas wie Vorfreude vor diesem speziellen Spiel beziehungsweise vor diesem ungewöhnlichen Saisonabschnitt?

Ich verspüre eine gesunde Anspannung, weil sich der Blick auch wieder auf das sportliche Geschehen richtet. Wir wollen unser Ziel Aufstieg weiter verfolgen – selbst wenn sich die Rahmenbedingungen sehr verändert haben. Ich spüre zudem eine gewisse Neugierde. Aber machen wir uns nichts vor: Freude, wie sie vor einem normalen Saisonstart herrscht, kann in dieser Situation, noch dazu in einem leeren Stadion, nicht wirklich aufkommen.

Begleitet Sie auch ein Unwohlsein mit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs?

Uns alle begleitet eine Form der Ungewissheit, denn wir wissen weder, wo unser Team steht, noch, wo sich die anderen Mannschaften sportlich befinden. Zusätzlich vermischen sich für mich momentan viele Bereiche. Ich habe im Kopf, welche Einnahmen uns weiter fehlen, wie wir uns als Club im Laufe dieser Krise verändern müssen und dass wir stets die Vorgaben umsetzen.

Geht es nur um Krisenbewältigung?

Zunächst ja, aber wir wollen uns auch für die Zukunft erfolgreich aufstellen. Ich verschließe jedoch nicht die Augen davor, dass die Fortsetzung der ersten und zweiten Liga von vielen Menschen kritisch gesehen wird. Für die Clubs und ihre vielen Mitarbeiter geht es primär aus wirtschaftlichen Gründen darum, dass wieder gespielt wird.

Können Sie nachvollziehen, dass teilweise heftige Kritik an der Sonderstellung des Profifußballs geäußert wird?

Das Fußballgeschäft wird nicht erst seit Ausbruch der Corona-Krise im März kritisch betrachtet. Zurzeit habe ich jedoch den Eindruck, dass sich dieser Unmut über die Fehlentwicklungen und Auswüchse vor allem unter dem Eindruck der aktuellen Situation stärker entlädt. Es beteiligen sich immer mehr Menschen an diesen Diskussionen. Ich selbst versuche, die Sachlage zu differenzieren, und habe mir Zurückhaltung auferlegt.

Warum?

Als Verantwortlicher werde ich häufig nach Prognosen gefragt. Aber seien wir ehrlich: Ich kann keine verlässliche Auskunft darüber geben, was auf uns zukommen wird. Viele Menschen maßen sich das aber gerade an, obwohl die Gemengelage ziemlich unüberschaubar ist.

Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, warum der Frust über die Fußballbranche gewachsen ist?

Natürlich habe ich das. Ich bin lange genug dabei, um zu wissen, dass mehr und mehr Entwicklungen nicht mit den Bedürfnissen der Fans übereinstimmen. Die Frage, die sich mir stellt, lautet jedoch: Was kann man an Veränderungen herbeiführen? Im Kleinen, was die Clubs betrifft, und im Großen, was die Ligen und Verbände betrifft. Ich versuche zuallererst, hier beim VfB etwas zum Positiven zu verändern. Doch das Gesamtsystem lässt sich nicht von Stuttgart aus verändern, sondern kann nur in der Gemeinschaft der 36 Proficlubs gelingen.

Wie groß ist Ihr Vertrauen in das zuletzt häufig diskutierte DFL-Konzept?

Die Experten der Task-Force Sportmedizin haben in kurzer Zeit hervorragende Arbeit geleistet. Wir als Clubs sind jetzt aufgefordert, das Konzept zu leben und umzusetzen. Das ist anspruchsvoll, aber unsere Pflicht und Verantwortung – wohl wissend, dass es immer wieder zu Störungen kommen kann.

Das hat das Beispiel Dynamo Dresden bereits gezeigt, weil die komplette Mannschaft nach zwei positiven Corona-Tests für zwei Wochen in Quarantäne musste.

Die Entscheidungshoheit liegt an allen Standorten bei den lokalen Gesundheitsämtern. Sie entscheiden, welche Quarantänemaßnahmen erfolgen. Doch wenn jeder Club und jeder einzelne Spieler sich verantwortungsbewusst verhält, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu weiteren positiven Tests kommt, geringer. Das erfordert Disziplin. Mit Blick auf den VfB Stuttgart kann ich sagen, dass unsere Mitarbeiter bislang einen sehr guten Job gemacht haben.

Hat es Sie überrascht, wie das Gesundheitsamt in Dresden entschieden hat? Denn dadurch ist bereits eine Mannschaft vor dem Neustart zwei Wochen raus aus dem Spiel.

Seit Wochen lerne ich das politische System besser kennen und bin mir darüber im Klaren, dass die Ämter derartige Entscheidungen auf Basis des Robert-Koch-Instituts treffen können. DFL-Chef Christian Seifert hat klargemacht, dass ein solcher Fall in den Spielplänen bedacht wurde. Es ist jedoch klar, dass so etwas nicht häufiger passieren sollte. Das würde die Durchsetzung des Spielplans gefährden.

Ist die Chancengleichheit durch das ausgebremste Dynamo-Team noch gegeben?

Es ist für Dresden eine schwierige Situation, in die jeder Club kommen kann. Dynamo und die DFL stehen im engen Austausch, um eine Lösung zu finden. Mir wäre lieber, unser Ligakonkurrent wäre von der Quarantäne verschont geblieben.

Gehen Sie fest davon aus, dass die Saison zu Ende gespielt werden kann?

Ich kann solche Fragen, wie erwähnt, nicht glaubhaft beantworten. Ich hoffe es sehr, und das haben die 36 Clubs in der letzten DFL-Versammlung auch bestätigt. Es ist nicht erkennbar, dass ein Club das nicht möchte.

Ist der VfB mit dem Neustart alle wirtschaftlichen Sorgen los?

Keineswegs. Wir stecken nach wie vor in einer heiklen Situation, und wir sind weit weg von der Normalität. Bei uns wird weiterhin Kurzarbeit praktiziert. Dieser Zustand wird noch einige Zeit anhalten, denn wir müssen derzeit davon ausgehen, dass in diesem Jahr keine Spiele mehr mit Zuschauern stattfinden werden.

Wie erklären Sie Kritikern den Umstand, dass einerseits Spielern Millionengehälter gezahlt werden und andererseits Staatshilfen beantragt werden, um Angestellten den Arbeitsplatz zu sichern?

Bisher sind alle Erklärungsversuche gescheitert, wenn man die Debatten verfolgt. Es gibt also keine einfache Antworten darauf. Es ist an der Zeit, anzuerkennen, dass fast alle Beteiligten den sportlichen Erfolg über nachhaltige Entwicklung gestellt haben. Für eine positive Bilanz auf der Mitgliederversammlung gibt es eben weniger Applaus als für die Champions-League-Teilnahme. Die Gier nach Anerkennung und Erfolg hat über die Vernunft gesiegt.

Haben die VfB-Spieler mit dem Gehaltsverzicht von bis zu 30 Prozent bis zum Saisonende vorläufig genügend für die Existenzsicherung ihres Arbeitgebers getan?

Gegenfrage: Was wäre denn genügend gewesen? Das kann konkret keiner sagen, auch Sie nicht. Es ist populistisch, einfach nur ein Mehr zu fordern. Wir haben den Ansatz gewählt, zu analysieren, was in einer ersten Phase erforderlich ist. Es ging uns nicht darum, möglichst viel von den Spielern abzuverlangen, damit es heißt: Super, der VfB hat die Spieler richtig hart rangenommen. Nein, wir müssen das Gesamte betrachten, und da haben wir für den Moment eine sehr gute Lösung gefunden. Wir haben zudem klar angekündigt: Wenn sich die Situation im Juli nicht entspannt, dann werden wir auch mit den Spielern noch einmal sprechen müssen.

Es gab zuletzt einige Profis, die ihre Sorgen oder Ängste wegen der Corona-Pandemie an die Öffentlichkeit gebracht haben. Sind VfB-Spieler auf Sie zugekommen?

Bisher nicht. Allerdings muss ich gestehen, dass ich zuletzt nicht mehr so nah an der Mannschaft dran war wie sonst – im Sinne der Abstandsregeln. Im Austausch mit Sportdirektor Sven Mislintat und dem Direktor Sportorganisation, Markus Rüdt, habe ich stets betont, dass die Spieler jederzeit zu uns kommen können. Wir hören zu, wir nehmen Sorgen ernst. Kein Spieler soll das Gefühl haben, dass er unter Druck gesetzt wird und spielen muss.

Wie stehen Sie dazu, dass Spieler wie Daniel Didavi und auch die Ehefrau von Ersatztorhüter Jens Grahl in den sozialen Netzwerken Positionen beziehen, die umstritten und mit den geforderten Maßnahmen und Regeln teilweise nur schwer in Einklang zu bringen sind?

Daniel Didavi hat im Nachgang einordnende Dinge dazu gesagt, auch Sven Mislintat hat sich geäußert. Damit ist aus meiner Sicht von den entscheidenden Personen alles gesagt.

Wie haben die Spieler die vielen Einschränkungen, zum Beispiel durch das Quarantäne-Trainingslager in Ludwigsburg, auf- und angenommen?

In Bezug auf die Stimmung habe ich nichts Negatives wahrgenommen, im Gegenteil: Es gab Spielformen, bei denen das Lachen auf den Platz zurückgekehrt ist. Diesbezüglich muss ich dem Trainer und dem gesamten Staff ein Kompliment aussprechen. Pellegrino Matarazzo und sein Team haben alles sehr gut strukturiert, organisiert und durchgeführt. Der Trainer hat den Spielern dabei vermittelt, dass es keine normalen Umstände sind, aber Alibis gibt er ihnen auch nicht. Das ist entscheidend.

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