VHS-Pressecafé zu Fridays for Future Jugendliche als Katalysator fürs Klimakabinett

Von Petra Mostbacher-Dix 

Beim VHS-Pressecafé hat Wissenschaftsredakteur Klaus Zintz über Fridays for Future gesprochen – auch Kolja Schultheiß vom Stuttgarter Organisationsteam der Bewegung stellte sich den Fragen der Gäste und erklärte, warum er gerade sein Abitur riskiert.

Klaus Zintz hat über die Bewegung Fridays for Future gesprochen. Foto: Leif Piechowski
Klaus Zintz hat über die Bewegung Fridays for Future gesprochen. Foto: Leif Piechowski

Stuttgart - Er ist ein junger Mann klarer Worte. „Seit über einem Jahr streiken wir, nichts hat sich getan. Was das Klimakabinett ins Klimagesetz schreibt, das am 20. September verabschiedet wird, etwa klimafreundliche Kühlschränke oder Emissionshandel, reicht nie. Wir können jetzt nicht aufhören, müssen den Druck erhöhen“, sagte Kolja Schultheiß im Treffpunkt Rotebühlplatz beim VHS Pressecafé.

Das war seine Antwort auf die Frage, ob die Schüler freitags besser wieder in die Schule gingen. Der 17-Jährige ist im Stuttgarter Organisationsteam von Fridays for Future, die jeden Freitag auf die Straße gehen, um für konsequenten Klimaschutz zu demonstrieren. Er stellte sich den Fragen von rund 40 Interessierten, bevor Klaus Zintz, Wissenschaftsredakteur dieser Zeitung, über die Bewegung unter dem Motto „Die Jungen rebellieren gegen die Alten“ sprach. Schultheiß betonte denn auch, wer den Demonstrierenden Schulschwänzerei vorwerfe, habe nichts kapiert. „Es herrscht Eskalationsstufe! Bildung ist eines der wichtigsten Güter in westlichen Demokratien. Ich brauche keine Bildung, wenn ich keine Zukunft habe. Ich riskiere für den Klimaschutz mein Abitur.“

Die Errungenschaften der Bewegung

Schultheiß sprach sich für Elektroautos aus, wenn sie klimaneutral mit erneuerbarem Strom führen. Doch es gebe ein Problem mit der Batterieherstellung und –entsorgung. „Ressourcen sind eben begrenzt, jeder kann nicht mehrere Autos haben“, meinte er und forderte „keine Autos mehr in den Städten“ sowie kostenlosen ÖPNV.

Auf die Frage, ob die Aktivisten – statt zur Weltklimakonferenz im Dezember nach Santiago de Chile zu fliegen –klimafreundlicher per Videokonferenz verhandelten, schaltete sich Zintz ein. „Ich war selbst mal dabei, da wird in Ausschüssen bis spät in die Nacht und bis aufs Messer verhandelt“, so der promovierte Biologe. „Organisationen müssen vor Ort sein.“ Ohne Fridays for Future hätte es wohl kein Klimakabinett gegeben, sagte Zintz – und tauchte in die Chronologie der Bewegung ein. Die begann mit der schwedischen Schülerin Greta Thunberg: Am 20. August 2018 demonstriere sie erstmals alleine vor dem schwedischen Reichstag. Die erste Stuttgarter Fridays-for-Future-Demo am 30. November 2018, mitorganisiert von Nisha Toussaint-Teachout, zählte fünf Schüler mit selbst gebastelten Schildern. Nun gehen Zehntausende auf die Straße.

Klimaleugner erhalten mehr Aufmerksamkeit

„Und: Der erste Jugend-Klimagipfel der Vereinten Nationen ist an diesem Samstag in New York“, sagte Zintz. Zwei Tage später startet der UN-Klimagipfel mit Staats- und Regierungschefs vor der UN-Generalversammlung. „Nach neuen Modellrechnungen französischer Wissenschaftler könnten die durchschnittlichen Temperaturen bis 2100 weltweit um bis zu sieben Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter ansteigen, wenn nicht radikal umgesteuert wird.“ Kaum reversibel werde es, wenn die tauenden Permafrostböden das gespeicherte Methan in die Atmosphäre entließen. Für 95 bis 99 Prozent der Wissenschaftler sei der Klimawandel Fakt, so Zintz. Die Krux: „Diese Klimaforscher haben 50 Prozent weniger mediale Aufmerksamkeit als Klimaleugner.“ Das zeige eine Studie der University of California, die im Fachmagazin Nature Communications publiziert wurde. Lebhaft wurde diskutiert, warum nicht gehandelt werde, und dass politische und wirtschaftliche Interessen Wandel behinderten. Der „System Change“ müsse her, es könne nicht stets um Profit und Wachstum gehen, hieß es wiederholt. Ein Frau fasste zusammen: „Jeder einzelne kann etwas beitragen.“

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