VHS/StZ Pressecafe’ Der Trumpismus wird bleiben

Muss versöhnen : der neue US-Präsident Joe Biden Foto: dpa/Carolyn Kaster
Muss versöhnen : der neue US-Präsident Joe Biden Foto: dpa/Carolyn Kaster

Das VHS-Pressecafé als Livestream: Redakteur Michael Weißenborn analysierte, wie Amerika gewählt hat. Er spricht von einem gespaltenem Land und einer schwierigen Aufgabe für Präsident Joe Biden.

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Stuttgart - Premiere über Premiere: Erstmals fand das VHS-Pressecafé im Treffpunkt Rotebühlplatz ohne Publikum per Livestream statt. Veranstalter sind die Volkshochschule und die Stuttgarter Zeitung. Der Verzicht auf Zuhörer war natürlich Corona geschuldet. Eine neue Erfahrung nicht nur für Lucie Kuhls, die Leiterin des Programmbereichs Gesellschaft, Politik und Umwelt, sondern auch für Redakteur und Amerika-Fachmann Michael Weißenborn. Mehr als 70 Zuschauer verfolgten im Internet Weißenborns Vortrag „Amerika hat gewählt“, mailten per Chat zahlreiche Fragen an den USA-Experten. Der hatte seine Analyse „Und plötzlich gibt es Hoffnung“ übertitelt, das Gefühl der Vielen aufnehmend, die aufatmeten, als klar wurde, dass Joe Biden die Wahl gewonnen hat. Das Ergebnis erkennt der noch amtierende US-Präsident Donald Trump nicht an. „Auch 80 Prozent seiner Wähler halten an der Fiktion fest, dass es bei den Wahlen nicht mit richtigen Dingen zuging“, so Weißenborn. Und so werde man wohl auch nicht das seit 1896 bestehende Ritual der Concession Speech erwarten können, bei dem ein Kandidat seine Niederlage einräumt. Wie etwa Al Gore nach dem Wahlkrimi 2000, als er – nach einer Nachzählung – in dieser Rede erklärte, er stehe hinter George W. Bush und parteilicher Hass müsse nun beiseite gelegt werden. „Diese Größe hat der jetzige Noch-Präsident nicht“, so Weißenborn. Aber er glaube nicht, wie manche meinen, dass Trump am 20. Januar 2021 zu Bidens Amtseinführung, der „inauguration“, vom Secret Service aus dem Haus getragen werden müsse.

Trotz Rekordbeteiligung, keine Erdrutschsieg

Indes gehe ein tiefer Riss durch das US-amerikanische Volk. Der ist auch zwischen städtischen, eher blauen, also demokratischen Orten, und ländlichen, roten, also mehr republikanischen Gebieten auszumachen. „Wohnviertel, Heirat, bis zum Masken tragen, alles ist politisches Statement – Wähler der Demokraten nehmen Covid 19 ernst und tragen Masken, die der Republikaner nicht, da geht die Wirtschaft vor.“ Entsprechend wütete das Coronavirus besonders in den republikanischen Hochburgen wie Texas, Tennessee, Alabama, Kentucky, Nord- und Süd-Dakota. Autor Torben Lütjen beschreibt in „Amerika im Kalten Bürgerkrieg“ wie ein „Land seine Mitte verliert“. „Trump ist nicht der Auslöser, er ist Symptom, das Land begann sich schon unter Nixon zu spalten“, sagt Weißenborn. Während Anhänger der Republikaner glaubten, das jeder in den USA eine faire Chance habe, machten dort demokratische Wähler eher systemischen Rassismus und Homophobie aus. „Manche meinen es sei wie zu Bürgerkriegszeiten. Das ist überzogen.“

Doch wie diese Polarisierung aufheben? „Entweder durch die Emerging Minorities, die ethnischen Minderheiten, die wohl 2040, 2050 die weiße Mehrheit ablösen, durch einen Schock von außen wie 9/11 oder durch den Erschöpfungszustand.“ Weißenborn sieht das nicht, auch nicht eine Abschaffung des Electoral College, der Wahlmänner, für gerechtere Wahlen. „Es braucht eine Verfassungsänderung“, antwortete er auf eine Chat-Frage. „Das Gerrymandering, das Zuschneiden der Wahlbezirke auf Parteien, ist das größere Problem. Wenn einer versöhnen kann, dann Biden. Aber es ist schwer.“ Trotz Rekordwahlbeteiligung habe dieser mit 81 Millionen Stimmen keinen Erdrutschsieg errungen. Trump bekam 74 Millionen „Votes“. „Der Trumpismus bleibt. Man wird sehen, wer sich bei den Republikaner in Stellung bringt.“

Weißenborn: der Ton wird verbindlicher

Und die Demokraten? „Biden will nur vier Jahre bleiben. Seine Vize, Kamela Harris, könnte sich in Stellung bringen.“ Harris ist die erste Frau und Person of Colour (PoC) in diesem Amt. Mit seinem Team wolle Biden klar – anders als Trump – die Diversität der Gesellschaft abbilden, mehr Frauen, mehr PoCs, mehr Migrationshintergrund: etwa der Kubaner Alejandro Mayorkas als Minister für Heimatschutz, der Vier-Sterne-General Lloyd Austin als Verteidigungsminister, Janet Yellen, Ex-Chefin des Federal Reserve Boards, als Finanzministerin, die indischstämmige Neera Tanden als Leiterin des Office of Management and Budget. Das bedeutet für Deutschland? „Der Ton wird verbindlicher, Biden tickt multilateral, aber ist in der Sache hart“, so Weißenborn. Er ergänzt: „Auch er wird über den Nato-Beitrag Deutschlands reden, ist kein Freund von North Stream II.“




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