Immer häufiger wird in Supermärkten geklaut, Grund dafür sind unter anderem SB-Kassen. Doch wie gehen die Märkte gegen Diebe vor? Wir haben nachgefragt.
Immer mehr Supermärkte in der Region haben neben den üblichen Kassen mit Personal auch sogenannte Selbstbedienungs-Kassen: Dort können Kunden ihre Produkte selbst einscannen und bezahlen – oft ganz ohne Mitarbeiterkontakt. Doch zeitgleich zur Ausbreitung von SB-Kassen nimmt auch Ladendiebstahl deutlich zu.
Der "Schwarzwälder Bote" hat nachgefragt, was die Geschäfte gegen die Diebe unternehmen.
Warum es immer mehr SB-Kassen gibt
Insbesondere zu stark frequentierten Zeiten werden die SB-Kassen laut Florian Heitzmann, Sprecher von Edeka Südwest, von vielen Kunden gerne in Anspruch genommen.
Auch laut Dominik Knobloch, Sprecher der Einkaufskette Kaufland, seien die SB-Kassen zu einer beliebten Alternative geworden – vorwiegend bei kleineren Einkäufen. „Sie sind in puncto Schnelligkeit für unsere Großflächen ein absoluter Pluspunkt,“ sagt der Sprecher.
Von den Kunden erhält die Kaufland-Gruppe laut eigenen Aussagen positive Resonanzen zu den Selbstscan-Kassen. Das sei laut dem Sprecher auch ein Grund dafür, warum das Angebot sukzessive weiter ausgebaut wird. Selbstbedienungs-Kassen haben einen weiteren großen Vorteil: Sie helfen, Fachkräftelücken im Einzelhandel zu füllen. Wenn Kunden ihre Einkäufe selbst scannen, muss weniger Personal an den Kassen eingesetzt werden.
Laut einer Befragung aus dem Jahr 2024 geben 43 Prozent aller Händler an, SB-Kassen einzusetzen, im Lebensmittelhandel ist die Nutzung besonders stark verbreitet.
Wird an den SB-Kassen tatsächlich mehr geklaut?
Ob die SB-Kasse für die erhöhten Diebstahlzahlen verantwortlich sind, beantwortet Sabine Hagman, Geschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg ganz klar mit „Ja“. Die zunehmende Nutzung von SB-Kassen stehe ganz eindeutig mit dem Anstieg der Diebstähle im Zusammenhang.
Laut einer aktuellen Studie des Forschungsinstituts EHI hat Ladendiebstahl bundesweit stark zugenommen. Im Jahr 2024 haben Kunden Waren im Wert von rund 2,95 Milliarden Euro gestohlen. Das waren 4,6 Prozent mehr als im Vorjahr.
Rund 60 Prozent der befragten Handelsunternehmen, insbesondere im Lebensmitteleinzelhandel, berichten von vermehrtem Ladendiebstahl im Zusammenhang mit SB-Kassen – teils auch unbeabsichtigt durch Bedienfehler.
Das machen die Märkte präventiv gegen Diebstahl
Seit Einführung dieses Kassensystems haben die Geschäfte die Sicherheitsvorkehrungen deutlich verschärft.
Bei Kaufland werden laut eigenen Aussagen beispielsweise Ladendetektive eingesetzt, um die Geschäfte vor Diebstahl zu schützen. Der SB-Kassenbereich ist außerdem durch eine Ausgangsschranke geschützt. Zum Öffnen muss der Barcode auf dem Kassenzettel gescannt werden.
Zusätzlich verfügen die SB-Kassen laut dem Kaufland-Sprecher über Kontrollwaagen mit einem selbstlernenden System: Bei jedem Bezahlvorgang lernen die Waagen dazu und nähern sich den Richtwerten an. Die Kassen seien miteinander vernetzt – und lernen voneinander. So werde vom System beispielsweise erkannt, wenn jemand fünf Äpfel mitnehmen möchte, aber nur einen Apfel scannt.
Die Maßnahmen zur Diebstahlprävention seien jedoch je nach Supermarktkette unterschiedlich. Welche das genau sind, darüber wollen viele Geschäfte – wie Aldi Süd und Rewe – überhaupt keine Auskunft geben.
Wichtigste Maßnahme ist laut dem Handelsverband nach wie vor die Personalüberwachung der Self-Checkout-Zone sowie Videoüberwachungssysteme, um potenzielles Fehlverhalten zu erkennen.
Zusätzlich nutzen rund 80 Prozent technische Kontrollmechanismen wie Waagen, die das Gewicht der gekauften Artikel mit dem erfassten Bon abgleichen. Kameras mit intelligenter Videoanalyse kommen bei etwa 83 Prozent zum Einsatz und ermöglichen es, verdächtige Bewegungsmuster zu identifizieren.
Darüber hinaus arbeiten einige Unternehmen mit Mechanismen, die stichprobenartige Nachkontrollen ermöglichen oder bei bestimmten Risikomustern einen Kontrollprozess automatisch anstoßen.
Häufig werden laut Handelsverband auch Hinweise für die Kundschaft verwendet, um abzuschrecken – beispielsweise Schilder mit der Aufschrift „Sie werden videoüberwacht.“
Das sind die Tricks der Diebe
Laut Hagmann gelten vor allem hochpreisige, kleinteilige Artikel als besonders diebstahlgefährdet an SB-Kassen. Dazu zählen Rasierklingen, Parfüms, Kosmetikprodukte und Spirituosen.
Auch hochwertige Fleisch- und Käseprodukte und Tabakwaren stehen auf der Liste der sogenannten „Diebstahlrenner“ sowie Elektroartikel und Textilien.
Ein typisches Vorgehen sei außerdem der „Tauschbetrug“ an der Kasse, bei dem Kunden bewusst einen günstigen Artikel scannen, aber ein teureres Produkt mitnehmen – zum Beispiel wird eine Banane eingescannt, während ein teures Stück Käse eingesteckt wird.
Wieso Diebstahl oft nicht verfolgt wird
Während die Schadenssumme durch Diebstahl insgesamt deutlich steigt, sinkt laut polizeilicher Kriminalstatistik die Zahl der angezeigten Fälle. Sie bildet allerdings nur einen kleinen Teil der Realität ab, denn es gibt eine hohe Dunkelziffer. Immer seltener werden Taten entdeckt oder angezeigt – auch weil sich der Aufwand oft nicht lohnt. Viele Verfahren werden wegen Geringfügigkeit eingestellt.
Laut der Handelsverbandschefin sei Diebstahl im Einzelhandel ist ein veritables, wirtschaftliches und gesellschaftliches Problem. Die Tatsache, dass der Staat zu wenig kontrolliert, und vor allem Strafen zu zurückhaltend ausgesprochen werden, führt laut ihr „zur Verrohung der Gesellschaft sowie zum Vertrauensverlust in den Staat und setzt zudem eine Kriminalitätsspirale in Gang, die nicht wünschenswert ist,“ so Hagmann. Auch im Auftrag der Demokratie brauche der Handel an dieser Stelle dringend mehr Unterstützung, fordert sie.