In der Reihe „Sound In Motion“ geht es dem Stuttgarter Kunstmuseum um den Zusammenhang zwischen Kunst und Musik, Bild und Ton. Auch die Videoarbeiten des kanadischen Künstlers Rodney Graham sind eine Schule des Hörens, bei der Wort und Ton sorgsam komponiert sind.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Mit Essen spielt man nicht. Aber Rodney Graham greift auch nicht zum schieren Vergnügen in die Kartoffelkiste, sondern um zu musizieren. „Lobbing Potatoes At A Gong“ nannte sich seine Aktion aus dem Jahr 1969, bei der er auf einem Stuhl lümmelte und Kartoffeln auf einen großen Gong warf. Traf er, breitete sich der metallische Ton wellenförmig im Raum aus, sobald der Klang verstummte, griff Graham zur nächsten Kartoffel. An die fünfzig Stück flogen über die Bühne, gut die Hälfte landete auf dem Gong, der Rest kullerte davon, tonlos.

Im Kunstmuseum Stuttgart kann man die Live-Aktion des kanadischen Videokünstlers noch einmal nacherleben. Sie wurde mit einer wackligen Handkamera eingefangen, die mal seine lässig ausgestreckten Beine heranzoomt, mal die Kartoffelwurfgeschosse in den Fokus nimmt. Für die Betrachter eine Geduldsprobe, weil sich der Künstler viel Zeit nimmt – wie auch bei den beiden anderen Videoarbeiten, die das Kunstmuseum im Rahmen seiner Ausstellungsreihe „Sound In Motion“ vorstellt. So sieht man in Grahams Video „How I Became A Ramblin’ Man“ den Künstler selbst als Lonesome Cowboy durch die Prärie reiten. Gleichmäßig trappeln die Hufe seines Pferde, Vögel zwitschern, Grillen zirpen, das Wasser gluckst, als er durch ein Flussbett reitet, bis er schließlich unter einem Baum Rast macht, seine Gitarre nimmt und ein Lied singt. Danach reitet er den Weg zurück – und die Kamera begleitet ihn erneut und fängt noch einmal die identischen Bilder seines Weges ein, quasi spiegelbildlich umfassen die Aufnahmen den Moment des Musizierens.

Bilder wie in einem Western

In der Reihe „Sound In Motion“ geht es dem Kunstmuseum um den Zusammenhang zwischen Kunst und Musik, Bild und Ton. Und auch diese Videoarbeit in der Prärie mag eine Schule des Hörens sein, bei der Rodney Graham Wort und Ton sorgsam komponiert hat – sicher sorgsamer als bei gängigen TV-Western, aus denen man aber letztlich ganz ähnliche Bilder und Sounds kennt. Reiter und synchrones Hufgetrappel sind so ungewöhnlich nicht.

In dem dritten Video „A Reverie Interrupted By The Police“ wird ein Häftling in gestreifter Anstaltskleidung von einem Wärter auf eine Bühne gebracht, wo er Klavier spielt – mit Handschellen. Doch es sind weniger die Fesseln, die ihn hindern, als die Tatsache, dass er vermutlich nicht viel spielen kann, so dass er zaghaft simple Tonfolgen und Rhythmen erprobt, einzelne Töne in einen Dialog bringt und wie bei der Neuen Musik auch das Schlagen des Deckels in seine Experimente integriert. Pate soll hier André Breton gestanden haben, der in einem Essay eine Radiosendung erwähnte, in der ein Mann mit Handschellen Klavier spielte. Bloß: Das Wissen um diese gewichtig klingende Referenz macht die kleine, absurde Szene nicht tiefgründiger.

Graham, 1949 geboren, kann eine respektable Ausstellungsliste vorweisen, hat 1992 an der Documenta IX teilgenommen und war schon zweimal bei der Biennale in Venedig vertreten. Die kleine Auswahl im Kunstmuseum kann allerdings nicht vermitteln, was das Interessante an seinem Werk ist. Es weise eine „Fülle kulturhistorischer und -theoretischer Referenzen“ auf, heißt es in dem Begleittext, was nichts daran ändert, dass die Arbeiten selbst schlicht wirken – auch wenn es sogar für die Kartoffel-Aktion ein berühmtes Vorbild gegeben hat. So soll Nick Masen, der Schlagzeuger von Pink Floyd, bei einer Jamsession Gemüse auf einen Gong geworfen haben.

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