Videoüberwachung nach Randale in Stuttgart Auf jeden Fall einen Versuch wert

Die Stadt will die Arbeit der Polizei mit 30 Überwachungskameras unterstützen. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Kritiker attestieren der Videoüberwachung eine mangelnde abschreckende Wirkung. Da die Polizei dank Live-Bildern schnell eingreifen kann, ist das Projekt dennoch angebracht, meint unsere Polizeireporterin Christine Bilger.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Stuttgart - Die Einführung einer Videoüberwachung in der Innenstadt ist eine Maßnahme, die tief blicken lässt. Denn sie offenbart, dass man das Problem mit den Gruppen, die sich nachts am Eckensee und am Schlossplatz treffen, nicht als eine vorübergehende Erscheinung einstuft, sondern als ein Phänomen, dass – zumindest für eine gewisse Dauer – bleiben wird. Diese Einschätzung ist nicht ganz neu. Denn die Polizei ist auch schon vor den großen Krawallen in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni gut beschäftigt gewesen mit dieser Klientel – mehrfach hatte es in der Coronazeit Attacken gegen Einsatzkräfte gegeben. Auch kamen immer wieder Beschwerden von Bürgerinnen und Bürgern, die sich beim Weg durch den Schlossgarten nachts unwohl fühlten. Aber neu ist, dass man dagegen dauerhaft gewappnet sein will und muss.

 

Die Überwachung kann drei Aufgaben erfüllen. Livebilder können helfen, die Einsätze zu steuern und Konflikte, die sich anbahnen, frühzeitig zu erkennen. Die Aufzeichnungen können helfen, Straftäter zu identifizieren, wenn etwas passiert ist. Die dritte Wirkung, die Abschreckung, ziehen Kritiker oft in Zweifel. Wohl zu recht – bedenkt man, dass auch an den schon jetzt in der Regel überwachten S-Bahn-Stationen und in Bahnhöfen weiterhin Kriminelle zuschlagen. Wer wirklich Böses im Schild führt, fürchtet offenbar die Entdeckung nicht.

Erfahrungen hat die Polizei in der Vergangenheit mit der Videoüberwachung ähnlicher Art am Rotebühlplatz gemacht. Dort waren die Kameras eine Komponente, um den Drogenhandel einzudämmen. Der gewünschte Effekt stellte sich ein, die Straftaten gingen zurück, die Kameras wurden abgebaut. Das kann man als gute Prognose für das aktuelle Projekt anführen. Allerdings geht es um eine völlig andere Ausgangssituation, um Hunderte, die sich an den beliebten Plätzen sammeln. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

Das Projekt Videoüberwachung schlägt voraussichtlich mit einer Million Euro zu Buche. Viele Stadträte signalisieren dennoch bereits Zustimmung. Bleibt zu hoffen, dass sie sich auch leicht tun, in dringend benötigte Sozialarbeiter zu investieren, um künftige Generation junger Leute gesellschaftlich besser zu integrieren – und damit auch Konflikten vorzugreifen.

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