Wie schnell man vergisst, dass früher alle Kneipen so gerochen haben . . . Nach langen Tagen und langen Nächten, nach Tischkicker, nach Bier und nach Zigaretten. Nach dem ersten erstaunten Atemzug kommen auch schon die Erinnerungen an die guten alten Zeiten, die vielleicht gar nicht so gut waren, wer weiß das schon?
Aber egal. Es ist hier und jetzt. Es ist halb zehn Uhr morgens in Erdmannhausen, einem 5000-Einwohner-Dorf im Landkreis Ludwigsburg. Mitten im Ortskern ist das Pflästerle, eine Raucher- und Bierkneipe, Wirtin Melanie Runkel – alle nennen sie Melle – steht lächelnd hinter der Theke. Eigentlich öffnet sie erst um 10 Uhr. Aber wenn jemand früher kommt, ist’s auch nicht schlimm. Melle ist da. Ein Kaffee hier, ein Frühschoppen-Weizen dort, an der Theke ist recht schnell einiges los.
Die „Anlaufstelle P 5“ gibt es seit 25 Jahren
Seit etwas mehr als 25 Jahren gibt es das Pflästerle in dieser Form in dem denkmalgeschützten Haus von 1860. Melanie Runkels Mutter Helga Lorenz hat es 1998 übernommen, der Name Pflästerle kommt von der Adresse des Hauses in der Pflasterstraße 5. „Anlaufstelle P 5“ nennen es auch einige. Melle kam 2000/2001 dazu, auf ihre Lehre hatte sie keine Lust mehr. Seither ist sie da, macht morgens auf und macht Feierabend, wenn ihre Mutter oder deren Mann Toni abends übernimmt. Manchmal bleibt sie auch länger.
Spätestens Abends sind dann nicht nur die Plätze an der Theke belegt. Da sitzen auch verschiedene Grüppchen an den Holztischen. An einem Tisch wird an diesem Abend Schafkopf gespielt, das hintere Zimmer wird vor allem am Wochenende zum Fußballschauen genutzt. An den Wänden hängen Bilder von den örtlichen Fußballern, Pokale stehen herum, aber auch jede Menge Frösche. Mama Helga Lorenz sammelt die grünen Figürchen.
Am Stammtisch, wo sich freitags die Rentner treffen und 14-tägig mittwochs die Skatspieler, sitzt man an diesem Abend lose beieinander. Jemand vom Fußballverein kommt vorbei, ein Gemeinderat mit Gattin und die, die immer da sind. Und ab und zu – zwischen Bierzapfen, Sekteinschenken und Kistenschleppen – setzt sich auch Melle mal dazu und zündet sich eine Zigarette an.
Warum im Pflästerle geraucht wird? Sie kann doch ihre Rentner nicht nach draußen schicken, sagt Melle. Also wird drin geraucht. Und Melle qualmt mit. Überhaupt, die Rentner. Freitagvormittags haben sie ihren eigenen Stammtisch. Und viele Ältere kommen auch einfach so oft vorbei. Zum Treffen, zum Reden , auf ein Bier oder wenn auf dem neuen Handy WhatsApp installiert werden muss. Melle macht’s. Sie hilft auch beim Ausfüllen von Unterlagen oder fährt den Senioren mal ihre Einkäufe nach Hause oder richtet einen Verband, wenn dieser zwickt.
Jeder hilft jedem
Warum sie das macht? „Wir sind eine Gemeinschaft, in der jeder jedem hilft“, sagt die 49-Jährige. Melle kennt ihre Gäste mit Namen, weiß was sie trinken wollen und vermutlich noch jede Menge mehr. Sie hat ein Gedächtnis wie ein Elefant, sagen einige. Und man kann hierher kommen und sich ausheulen, wenn es mal nicht so läuft. Oder man kommt eben vorbei, weil man eh ums Eck ist. Oder Bierdurst hat, eine rauchen oder den neuesten Klatsch besprechen will. Weil man nicht einsam sein möchte, weil es etwas zu feiern gibt oder einfach so.
Melle wird der „Engel“ in der Überschrift missfallen und sie wird sagen: „So ein Quatsch, das ist total übertrieben.“ Mag sein, ein bisschen vielleicht. Aber die Gäste wissen, was sie an ihrer Melle haben. Auch die, die es vielleicht erstmal nicht so doll finden, dass ihnen die Wirtin den Autoschlüssel wegnimmt, weil sie einen zu viel gebechert haben. Wieder nüchtern, dürfte der eine oder andere dankbar dafür gewesen sein.
Dankbar sind auch viele, die Weihnachten im Pflästerle verbringen. Der Mama war von Anfang an wichtig, dass an diesem Tag offen ist. Auch an Silvester und Neujahr, damit diejenigen, die zuhause niemanden haben, an diesen besonderen Tagen eine Anlaufstelle haben. Und diejenigen, die zuhause jemanden haben, kommen an Weihnachten auch. Für manche ist es schöne Tradition. An Weihnachten steppt im Pflästerle der Bär, sagt ein Stammgast.
Melles Leben dreht sich ums Pflästerle. In all den Jahren hat sie Kinder groß werden und Leute alt werden sehen. „Es gibt Höhen und Tiefen“, sagt Melle. In all den Jahren sind schon viele Stammgäste gestorben. Aber es wird auch gefeiert – vom Junggesellenabschied bis zum Geburtstag. Après-Ski-Partys, Cocktailabende und Tischkicker-Turniere finden statt.
Wenn Weindorf in Erdmannhausen ist, hat das Pflästerle offen, damit diejenigen, die lieber Bier trinken, auch versorgt sind. Beim Straßenfest macht das Pflästerle dicht, weil dort auch Bier verkauft wird. Es soll keine Konkurrenz geben. Melle packt bei den Vereinen mit an, wenn eine Veranstaltung ansteht. Dafür kommen viele Mitglieder wiederum ins Pflästerle. „Es ist ein Geben und ein Nehmen“, sagen die Wirtin und ihre Gäste unisono.