Wenn zwei voneinander unabhängige Studien zu ähnlichen Resultaten kommen, dürften sie der Realität sehr nahe kommen. Demnach haben vor allem jüngere Teile deutscher Belegschaften innerlich gekündigt und sind auf dem Absprung. Sechs von zehn aller 18- bis 34-Jährigen in Deutschland planen, binnen zwölf Monaten ihren Job zu wechseln, womit eine ganze Generation den betroffenen Firmen abhanden zu kommen droht, warnt das Start-up Personio. Das Beratungsunternehmen Gallup attestiert Abwanderungsbereitschaft ohne Altersbegrenzung jedem vierten deutschen Arbeitnehmer. Der Anteil steigt bei Gallup auf 42 Prozent, wenn man Wechselpläne binnen drei Jahren berücksichtigt.
„Die Wechselbereitschaft in Deutschland ist erstmals sogar höher als in den USA“, betont Gallup-Personalexperte Marco Nink. Gallup macht die Umfrage seit zwei Jahrzehnten – auch in den USA, wo Arbeitnehmer für viele Jobwechsel traditionell bekannt sind.
14 Prozent der deutschen Arbeitnehmen suchen aktiv neuen Job
14 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer würden derzeit aktiv eine neue Stelle suchen, hat Gallup herausgefunden. Parallel tun das nur zehn Prozent aller Beschäftigten in den USA. Für Deutschland ist das ein Rekord. 2020 haben nur halb so viele deutsche Arbeitnehmer neue Jobs gesucht.
„Es gibt drei Hauptgründe, das sind fehlende Karrierechancen, zu viel Stress und ganz entscheidend schlechte Führungskräfte“, zählt Personio-Experte Emil Mahr auf. Die ersten beiden hätten auch mit der Pandemie zu tun, weil die Karrierechancen eingedämmt wurden und sich das Stressniveau vielfach erhöht habe. Der dritte Punkt liege in direkter Verantwortung von Vorgesetzten.
Prioritäten haben sich vielfach verändert
„In der Pandemie haben viele über ihren Job nachgedacht und darüber, was sie vom Leben wollen“, ergänzt Kollege Nink. Prioritäten hätten sich geändert mit der Arbeitswelt als Verlierer und Familie als Gewinner. Dazu kämen die neuen Chancen des Homeoffice. Um einen neuen Job zu finden, müsse man nicht mehr unbedingt den Wohnort wechseln.
Aber auch Nink hebt miesen Führungsstil als wesentlichen Wechselgrund hervor. „Das Führungsverhalten in Deutschland hat Optimierungsbedarf“, sagt er höflich und ist sich mit Mahr einig. Fast jeder zweite 18- bis 44-Jährige hat gegenüber Personio über mangelnde Wertschätzung und Anerkennung geklagt. Einer von fünf Beschäftigten gibt an, noch nie offiziell von einer Führungskraft bewertet worden zu sein, und das Gefühl zu haben, auf der Stelle zu treten. Viele hätten bereits innerlich gekündigt.
Erhebliche volkswirtschaftliche Kosten
Das hat finanzielle Auswirkungen, die das Statistische Bundesamt für 2021 berechnet hat. Es beziffert die volkswirtschaftlichen Kosten durch Produktivitätseinbußen von Mitarbeitern, die sich innerlich verabschiedet haben, auf bundesweit jährlich 93 bis 115 Milliarden Euro. Geht ein Mitarbeiter ganz, ist in Zeiten von Fachkräftemangel nicht schnell Ersatz zu finden. Derzeit seien Stellen im Schnitt 118 Tage vakant, weiß Nink. Vor einem Jahrzehnt waren es noch 67 Tage.
Von denen, die noch da sind, machen über zwei Drittel Dienst nach Vorschrift, hat Gallup ermittelt. 14 Prozent, und damit fünf Millionen deutsche Beschäftigte, hätten gar keine emotionale Bindung mehr zu ihrem Unternehmen. Nur noch 17 Prozent fühlten sich an ihren Arbeitgeber gebunden. „Bei emotionaler Bindung spielt weniger das Gehalt, sondern vor allem eine gute Führungskraft eine entscheidende Rolle“, sagt Nink. „Gut führen heißt, die Mitarbeiter wertschätzen und konstruktiv kritisieren, sie fördern und Vorbild sein,“ erklärt Mahr.
Die meisten Chefs sind sicher „dass sie einen guten Job machen“
Oft mangle es aber schon an vermeintlich einfachen Übungen, wie Mitarbeiter mit Namen anzureden oder zu fragen, wie es einem geht, sagt Nink. Gute Führungskräfte müssten Untergebenen das Gefühl geben, ein Mensch zu sein. Deutsche Chefs sollten ihren Mitarbeitern auch öfter Gehör schenken, weil die vielfach näher an Kunden oder Problemen dran sind.
Von sich selbst haben deutsche Chefs ein anderes Bild als im Urteil von Untergebenen. „97 Prozent aller Führungskräfte sagen, dass sie einen guten Job machen“, sagt Nink mit Verweis auf eine Befragung vor drei Jahren. Dagegen sagten sieben von zehn Beschäftigten, einen schlechten Chef gehabt zu haben. In den Personalabteilungen seien die Probleme oft bekannt, ergänzt Mahr. Zu den Chefs spreche sich das eher selten durch. So hat gut jeder dritte Personaler gegenüber Personio geklagt, dass die eigenen Führungskräfte das Ausmaß des Fachkräftemangels in Deutschland nicht kennen und jede zweite Führungskraft sich gar nicht erst mit den Personalproblemen beschäftige.
Zwei repräsentative Untersuchungen
Studien
Die Studien zur neuen Wechselbereitschaft in deutschen Belegschaften haben repräsentativen Anspruch. Die von Personio ist auf den Mittelstand konzentriert. Gallup hebt hervor, dass man nicht gezielt Fachkräfte befragt hat, die in Deutschland derzeit oft sehr gefragt sind, sondern einen typischen Querschnitt der heimischen Belegschaften. Die Chancen, in Deutschland derzeit einen neuen Job zu finden, halten sowohl befragte Arbeitnehmer wie auch Personio und Gallup für gut wie selten.
Headhunter
Das korrespondiert mit den Aktivitäten von Headhuntern, die gefragtes Personal zu neuen Arbeitgebern lotsen wollen. Jeder dritte Beschäftigte in Deutschland wurde laut Gallup in den vergangenen zwölf Monaten von ihnen angesprochen. Auch das ist ein neuer Höchstwert, der sich binnen zwei Jahren verdoppelt hat. Verschärft wird das Ringen um gesuchtes Personal durch die Tatsache, dass der deutsche Arbeitsmarkt absehbar Millionen von Babyboomern verliert.