Vier Jahre nach Schließung Was machen die ehemaligen Fluxus-Mieter:innen heute?

Das Fluxus-Projekt war dreieinhalb Jahre lang der Gegenentwurf zur klassischen Einkaufsmeile und einer der Szenetreffpunkte in Stuttgart. Foto: Archiv/Lichtgut/Leif Piechowski

Im Herbst eröffnete die neue Calwer Passage nach einer langen Umbauphase. Vier Jahre zuvor feierte an diesem denkmalgeschützten Ort das alternative Einkaufsmeilen-Projekt Fluxus Abschied. Wir haben mit früheren Mieter:innen zurückgeblickt und verraten, was sie heute machen.

Als das Projekt  „Fluxus – Temporary Concept Mall“ Anfang November 2014 in der denkmalgeschützten Calwer Passage startete, sollte damit eine Alternative zu großen Einkaufszentren und Einzelhandel-Einheitsbrei in Stuttgart geschaffen werden. Geplant waren zunächst drei Monate, in denen 16 Händler:innen aus der Region die Pop-up-Fläche bespielen. Daraus wurden dreieinhalb Jahre mit knapp 50 Mieter:innen. Zu den ansässigen Läden gehörten Gastronomien wie Tatti, Holzapfel, Lala healthy livin, der faire Obstladen Pois, das Schreibwarengeschäft Super Juju sowie die Modeboutiquen Mademoiselle Yéyé, Là Pour Là oder Geschwisterliebe. Vieles waren Neugründungen, die an dem Szenetreffpunkt in der Innenstadt ihre ersten Schritte wagten.

 

"Was Berlin kann, kann Stuttgart schon lange"

Die Idee kam Fluxus-Gründer Hannes Steim, dem damaligen Mitinhaber der Boutique Là Pour Là, auf einer Modenschau in einer Concept Mall in Berlin, wie er unserer Zeitung in einem damaligen Interview verriet: „Da dachte ich, was Berlin kann, kann Stuttgart schon lange.“ Auf der Suche nach einer geeigneten Location wurde er in der Calwer Passage fündig. Das alles ist nun Geschichte. Die neue Calwer Passage ist eröffnet und einige der ehemaligen Fluxus-Shops sind nach wie vor in der Stuttgarter Innenstadt vertreten. Doch wie blicken die ehemaligen Mieter:innen zurück auf ihre gemeinsame Zeit und was hat sich seit 2018 getan? Wir haben uns umgehört.

"Ich vermisse, dass wir sehr viel von unseren Ideen ohne Probleme umsetzen konnten"

Julia Rein vom Superjuju erinnert sich: "Ich vermisse sehr das Zusammensein und den Austausch mit Kolleg:innen. Ich vermisse unsere gemeinsamen Aktionen, auch wenn sie oft sehr anstrengend waren. Ich vermisse die unglaublich hilfreichen Hausmeister und die coole Müllanlage. Ich vermisse, dass wir sehr viel von unseren Ideen ohne Probleme umsetzen konnten." Seit 2018 ist das Super Juju in der Eberhardstraße zu Hause - direkt in der Unterführung, die zur Stadtbahnhaltestelle Rathaus führt. Geplant war damals eine Art "Mini-Fluxus" in der Eberhardstraße 3-5. Hier sollten gleich mehrere Mieter:innen gemeinsam Platz finden, um den Spirit aufrechtzuerhalten. Leider blieb das nur eine Idee. Es lauerten einige Komplikationen am neuen Ort. "Wir sind froh, dass es uns immer noch gibt, wir vermissen aber die Läden um uns herum und fühlen uns oft ein bisschen einsam", gibt Julia zu.

Super Juju, Eberhardstr. 3, Stuttgart-Mitte, Mo-Sa 11-20 Uhr

"Es war ein bisschen, wie in die Grundschule zu kommen"

Auch Elisabeth Trovato, Inhaberin von Lala healthy livin, denkt gerne an diese für sie großartige Zeit zurück. "Wir haben viel gelernt, viele Freund:innen gewonnen, viele tolle Leute getroffen, die uns mittlerweile seit fast sechs Jahren begleiten.“ Sie ergänzt: "Es war damals ein bisschen, wie in die Grundschule zu kommen. Wenn man sich heute wiedertrifft, fühlt es sich nach wie vor wie Family an, weil man eben eine besondere gemeinsame Zeit durchgemacht hat." Zeit zum Verschnaufen blieb nach dem Fluxus-Aus allerdings nur kurz: Nach diversen Pop-up-Shops gibt's die frischgepressten Säfte, Smoothies und Bowls der Health Bar seit November 2019 im Gerber. "Wir haben aus Lala unsere Lebensaufgabe gemacht und ein Business aufgebaut", so Elisabeth.

Lala healthy livin, Gerber, Sophienstr. 21, Stuttgart-Mitte, Mo-Sa 9.30-20 Uhr

Eine Zeit voller Chancen

Paul Benjamin Scheibe, oder kurz "Benny", sieht die Fluxus-Zeit der Tatti Café Bar, die er gemeinsam mit Geschäftspartner Marcus Philipp leitet, als Zeit voller Chancen. "Das Konzept zum Tatti stand schon so lange und ich habe ewig nach Locations gesucht. Doch mit fehlender Erfahrung oder dem nötigen Kleingeld, war es fast unmöglich, etwas zu finden." Im Fluxus sei das anders gewesen. "Uns wurde vertraut und wir durften uns ausprobieren, ohne großes Risiko. Gerade in einer Stadt wie Stuttgart ist das besonders, wenn es möglich gemacht wird, Dinge voranzutreiben." Vor allem das Miteinander vermisse er, sagt Benny. Die Dynamik unter den Mieter:innen, das Freie und Improvisierte. Schon 21 Tage nach dem Fluxus-Aus eröffnete das Tatti an neuer Stelle: auf dem Pierre-Pflimlin-Platz, in der ehemaligen Kostbar. "Das war schon immer eine meiner asoluten Traumlocations", gesteht Benny. Neben der Tatti Café Bar betreiben Benny und Marcus seit 2021 das Gian Paolo e Marco direkt gegenüber.

Tatti Café & Bar, Pierre-Pflimlin-Platz 3, Stuttgart-Mitte, Mo-Fr ab 7.30, Sa ab 8, So ab 11 Uhr

Das Motto lautete: Einfach mal machen

Seit 2013 leitet Florence Shirazi gemeinsam mit Partner Kai Alt das Modelabel Mademoiselle Yéyé. Im Fluxus waren sie seit Beginn dabei und eröffneten dort wie viele andere ihren ersten Laden. "Es war eine großartige Zeit." Florence schwärmt: "Ein gemischter Haufen von bereits Selbständigen und Ausprobierern, hier wurden Sachen gezündet oder sind in die Hose gegangen." Doch das war egal, denn das Motto lautete: einfach mal machen. "Am meisten vermissen wir das Herumspinnen, Ideen sammeln und Planen im Kollektiv." 

Kurze Zeit später bekamen die Modemacher von der Stadt eine Fläche in der Eberhardstraße angeboten, gleich neben dem Standesamt. Dort findet man Mademoiselle Yéyé noch heute. "Eigentlich ist es viel zu klein, aber irgendwie auch besonders. Ich sag immer, es ist die kleinste schönste Boutique Stuttgarts", witzelt Florence. 

Mademoiselle Yéyé, Eberhardstr. 6, Stuttgart-Mitte, Mo-Sa 11-19 Uhr

"Schön gemeinschaftlich, bunt und kreativ"

Über drei Jahre hat Matthias Kästner in seinem Laden in der temporären Einkaufsmeile fair gehandelte Produkte aus Portugal verkauft. Mit 18 trampte er erstmals in das Land am Atlantik. Seither kommt er jedes Jahr wieder und irgendwann erwuchs aus dem jährlichen Urlaub eine Idee: Warum nicht mal diese wunderbaren Produkte nach Deutschland überführen und dort unter die Leute bringen? Er beschreibt die Zeit im Fluxus als "schön gemeinschaftlich, bunt und kreativ". Im August 2018, also wenige Monate nach dem Abschied in der Calwer Passage, eröffnete er seinen Laden im Stuttgarter Westen, in der Rotebühlstraße. Früher teilte er sich die Fläche mit einer Modeboutique, heute mit dem Vintage-Leihbusiness Kleiderei. 

Pois, Rotebühlstr. 90, Stuttgart-West, Mo-Fr 10-19, Sa 10-16 Uhr

"Das Fluxus war ein deutschlandweites Vorzeigeprojekt"

Daniel Brunner war gleich mit mehreren Pop-ups im Fluxus vertreten - unter anderem mit dem Klamottenlabel Pop Rocky. Er bezeichnet das Fluxus als deutschlandweites Vorzeigeprojekt. Ein Projekt, für welches die Stadt nach der Schließung direkt einen neuen Ort hätte schaffen müssen, so der Unternehmer. "Das Fluxus war sicherlich einer der spannendsten Orte, die es in Stuttgart seit langem gab. Da ist etwas Großartiges gewachsen, ohne großes Budget, einfach nur aus Leidenschaft vieler, kleiner Labels. Ein durch und durch positiver Ort mit tollen Menschen, die sich hier täglich eingefunden haben. Auch wenn es komisch klingt. Irgendwie lag Magie in der Luft." 

Vor sechs Jahren entschied er sich, aus der Nische auszutreten und eröffnete das Kaufhaus Mitte auf der Königstraße. Damit will er zeigen, dass es nicht nur große Marken schaffen, zu überleben, sondern Stuttgart auch bereit für regionale, kleine und nachhaltige Labels ist. Seit diesem Sommer findet man auch den Kinderladen Pippi & Annika im Königsbau. "In all den Jahren habe ich viel an eigenen Produkten gefeilscht: die Range umfasst Produkte queerbeet, vom Gin über Seifen bis hin zum Memo-Spiel", so Daniel.

Kaufhaus Mitte, Stuttgart-Mitte, Königstr. 20, Mo-Sa 10-20 Uhr

Und was sagen die ehemaligen Fluxus-Mieter:innen zur neuen Calwer Passage? Sie halten sich bedeckt. Jedoch ist man froh, dass der Platz endlich wieder belebt wird, so der Tatti-Betreiber Paul Benjamin Scheibe. Elisabeth Trovato wünscht allen Händler:innen, dass es funktioniert, auch wenn der Vibe heute natürlich ein anderer ist.

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