Es ist nicht leicht, wieder in den Lernmodus zu kommen, aber es lohnt sich. Foto: /stock.adobe.com
Viele junge Menschen haben Brüche in ihren Bildungsbiografien. Vier Stuttgarter berichten, was sie motiviert, ihren Realschulabschluss nachzuholen und wie sie das schaffen wollen.
Jonathan hat einen Traum: Er möchte eine Ausbildung bei der Polizei beginnen. Er arbeitet hart dafür, um dieses Ziel zu erreichen. Das war nicht immer so. „Als Jugendlicher war Schule nicht so mein Ding – aus unterschiedlichen Gründen“, sagt Jonathan. Er sei an einer freien Schule gewesen. „Dort konnte man lernen oder es auch lassen.“ Dieses System sei für ihn nicht das richtige gewesen. „Ich denke, ich hätte damals mehr Struktur gebraucht.“
Nach dem Hauptschulabschluss begann er eine Kellnerausbildung in Österreich, dann eine Schauspielausbildung in Deutschland. Doch nichts habe gepasst, nichts habe er fertig gemacht. Jetzt aber wisse er, was er wolle. Um seine berufliche Karriere bei der Polizei beginnen zu können, macht der 26-Jährige nun seinen Realschulabschluss.
Auch Marie hat viel vor. Sie sei am Gymnasium gewesen und in der zehnten Klasse sitzengeblieben, erzählt die 18-Jährige. Damals sei es ihr nicht gut gegangen. „Unter Zwang konnte ich nicht richtig lernen“, erinnert sich Marie. Anderthalb Jahre lang habe sie „Pause“ gemacht. „Dann hatte ich wieder Lust zum Lernen und habe mich gemeinsam mit meinen Eltern informiert, welche Möglichkeiten es gibt.“
Frieda hat ihren Hauptschulabschluss mit der Note 2,3 gemacht. An ihre Schulzeit hat die 19-Jährige keine guten Erinnerungen. Sie habe lange gebraucht, um sich danach wieder aufzuraffen, den Mut und die Kraft zu finden, etwas Neues zu beginnen. Jetzt will auch sie ihren Realschulabschluss nachholen.
Anneli hat mit 16 die Schule abgebrochen
Anneli war auf einer Waldorfschule, hat aber mit 16 Jahren die Schule abgebrochen. Den Hauptschulabschluss machte sie nach einer kurzen Pause dann aber doch noch und schloss einen Bundesfreiwilligendienst an. Danach wollte sie sich eigentlich einen Bus kaufen und auf Reisen gehen. Aber dann sei ihr klar geworden, wie viel mehr Möglichkeiten sie haben würde, wenn sie zusätzlich den Realschulabschluss macht, erzählt die 19-Jährige. Noch einmal ein Jahr lernen, um einen „Schlüssel“ zu bekommen, mit dem sie viele weitere Türen würde öffnen können.
Jonathan, Frieda, Marie und Anneli heißen im wirklichen Leben anders, wollen aber anonym bleiben, um sich ihre Karrierechancen nicht zu verbauen.
Viele junge Menschen verlassen die Schule ohne Abschluss
In Baden-Württemberg gibt es nach der letzten aktuellen Erhebung von 2022 etwa 717 000 Menschen, die die Schule ohne einen Abschluss verlassen haben. Das sind etwa 7,7 Prozent. Im Jahr 2024 hatten nach Angaben des Statistischen Landesamts 5,3 Prozent der Schulabgänger keinen Abschluss. Das waren etwa 7500 junge Menschen. Sie haben fast keine Chance auf einen Ausbildungsplatz und damit auf qualifizierte Arbeit. Gleichzeitig beklagen viele Unternehmen und Branchen einen immer dramatischer werdenden Fachkräftemangel.
Tobias Diemer ist Verbandsdirektor der Volkshochschulen Baden-Württemberg. Foto: Volkshochschule
Genau hier würden die Volkshochschulen ansetzen, sagt der VHS-Verbandsdirektor Tobias Diemer. „Wir sind seit jeher Träger des zweiten Bildungswegs. Bei uns kann man den Haupt- und Realschulabschluss oder auch das Abitur nachholen.“ Für eine immer größer werdende Zahl an zugewanderten oder geflüchteten Personen sind die Volkshochschulen der erste Weg zu einem qualifizierten Abschluss. Doch für viele junge Menschen, die eigentlich zur Zielgruppe der Volkshochschulen gehören würden, seien die Hürden hoch.
Die wichtigsten Punkte sind:
Der Erwerb von Abschlüssen im Rahmen des zweiten Bildungswegs wird unter einem Dach zusammengeführt
Flexible und modulare Kursformate wie zum Beispiel digitale Lernangebote ermöglichen Menschen in verschiedenen Lebenssituation eine Teilnahme
Förderangebote wie Sprachkurse und Lernbegleitung erleichtern den Einstieg in die Kurse
Experten in einem Beratungs- und Kompetenzzentrum verabreden mit den Lernenden erreichbare Ziele und helfen bei Schwierigkeiten
Die „Schule für Erwachsene“ vernetzt sich mit dem regionalen Bildungs- und Arbeitsmarkt, um Übergänge zu ermöglichen
Insgesamt sollen mehr Menschen zum Erwerb eines Schulabschlusses oder eines höheren Schulabschlusses und zum Erlernen und Ausüben eines Berufs befähigt werden.
Forderungen an die Politik
Mit dem neuen Konzept verbunden sind Forderungen an die Politik. Dabei geht es vor allem ums Geld. Der Unterricht, die Beratung und Betreuung sowie die Förderangebote müssten für die Teilnehmenden kostenlos sein. Bisher zahlt man für einen VHS-Lehrgang zur Vorbereitung auf den Hauptschulabschluss 979 Euro, ab dem kommenden Schuljahr sind es 1200 Euro. Für einen Lehrgang zur Vorbereitung auf den Realschulabschluss 2650 Euro. „Diese Beträge treffen Menschen, die in der Regel nicht viel Geld haben“, sagt Katja Deigendesch, Programmbereichsleiterin bei der VHS Stuttgart.
Der Volkshochschulverband fordert stattdessen eine auskömmliche Finanzierung durch das Land. Bisher fördere das Land den zweiten Bildungsweg zum Haupt- und Realschulabschluss mit jährlich vier Millionen Euro. Das sei nicht kostendeckend, sagt Tobias Diemer. Er schätzt, dass jährlich zehn Millionen Euro zusätzlich notwendig wären, um die Schulgelder abzuschaffen und den Bedarf von noch deutlich mehr Betroffenen ohne Schulabschluss zu decken.
Darüber hinaus geht es den Volkshochschulen aber auch um bessere Strukturen. Der Verband plädiert für eine Bündelung der Zuständigkeiten für den zweiten Bildungsweg im Kultusministerium und eine Neufassung der gesetzlichen Grundlage.
Tobias Diemer fordert von der künftigen Landesregierung, „dass sie sich des Themas stärker annimmt“. Er ist sich sicher, dass sich Investitionen in Bildung im Allgemeinen und in den zweiten Bildungsweg im besonderen lohnen – nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für den Staat. Denn je mehr Personen einer qualifizierten Arbeit nachgingen, desto mehr Einnahmen habe der Staat bei Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen und desto weniger müsse er für Sozialleistungen ausgeben.
Für Jonathan, Frieda, Marie und Anneli hat es sich auf alle Fälle gelohnt, zur Volkshochschule zu gehen, um gemeinsam für den Realschulabschluss zu lernen. Demnächst absolvieren sie die Schulfremdenprüfung. Das bedeutet, dass sie im Mai dieselben Prüfungen schreiben wie alle anderen Realschülerinnen und -schüler auch. Danach müssen sie noch in die mündliche Prüfung.
Die vier sind guter Dinge, dass sie einen guten Abschluss schaffen. „Ich bin hier, weil ich mich selbst dafür entschieden habe. Das ist etwas anderes als früher in der richtigen Schule“, sagt Anneli. „Das Verhältnis zu den Lehrkräften ist besser als an meiner früheren Schule. Damals gab es ein großes Machtgefälle, das fand ich abstoßend“, ergänzt Marie. Und Frieda fügt hinzu: „Wir sind hier wirklich krass auf Augenhöhe.“ Jonathan räumt ein: „Es war schon schwer, wieder in den Lernmodus zu kommen. Aber ich weiß, wofür ich es mache.