Viertagewoche Mehr Maßanzug als Ware von der Stange

Keine Viertagewoche für alle: die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi auf der Mai-Kundgebung in Köln Foto: dpa/Federico Gambarini

Der Tag der Arbeit bringt zur Viertagewoche auch Zwischentöne hervor: Selbst in den Gewerkschaften gilt sie nicht als eine flächendeckend sinnvolle Lösung, meint Matthias Schiermeyer.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Die Arbeitszeit ist seit jeher ein heißes Eisen – wer grundsätzliche Neuerungen anstrebt, muss sich auf heftige Auseinandersetzungen gefasst machen. Das weiß auch IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, dem seit Jahren eine Viertagewoche vorschwebt. Doch erst seit dem jüngsten Vorstoß der Gewerkschaft in der Stahlindustrie herrscht helle Aufregung.

 

Wenn sich das Handwerk den Wandel zunutze macht

Warum jetzt? Weil der qualifizierte Bewerber in einem Arbeitnehmermarkt eine Verhandlungsmacht gegenüber dem Arbeitgeber hat. Weil viele Frauen in Teilzeit bereit wären, länger zu arbeiten, wenn dies zum Familienleben passen würde. Weil die Ansprüche gerade junger Menschen an ein ausgewogenes Verhältnis von Beruf und Freizeit gewachsen sind. Kleinere Handwerksbetriebe etwa machen sich den Wandel zunutze und locken mit neuen Modellen Kräfte an.

Doch es gibt auch Trends, die einer generellen Viertagewoche, zumal ohne Lohnverlust, strikt zuwiderlaufen: der Arbeitskräftemangel, die geringe Tarifbindung, die hohen Lohnkosten, die Deindustrialisierung und einiges mehr. Die Gewerkschaften sehen sehr genau, was (nicht) machbar ist. Insofern sind zum Tag der Arbeit auch die Zwischentöne durchgedrungen. Demnach kann eine Viertagewoche in Tarifverträgen, Berufsgruppen oder Firmen teilweise funktionieren, denn die Arbeitswelt ist vor allem eines: extrem ausdifferenziert. Als flächendeckende Lösung erscheint sie selbst führenden Arbeitnehmervertretern eher realitätsfern.

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