Sanierung im Stuttgarter Osten Planungsrecht will 340 Radstellplätze vor Königsvilla
2015 hat die Stadt die marode Sommerresidenz des Königs gekauft. Die Kosten für Sanierung und Anbau laufen aus dem Ruder. Muss die Notbremse gezogen werden?
2015 hat die Stadt die marode Sommerresidenz des Königs gekauft. Die Kosten für Sanierung und Anbau laufen aus dem Ruder. Muss die Notbremse gezogen werden?
Ganze 300 000 Euro für eine Villa und 11 230 Quadratmeter Grundstück? Klingt nach einem Schnäppchen, zumal in Stuttgart. War es aber nicht. Mit dem Erwerb der Villa Berg im Stuttgarter Osten vor genau zehn Jahren hat sich die Landeshauptstadt einen Sanierungsfall erster Güte eingekauft. Nach 3650 Tagen sind Verwaltung und Gemeinderat immerhin bis zur Vorplanung für ein „Offenes Haus für Musik und Mehr“ gekommen. Nun soll der Gemeinderat den Auftrag für die Entwurfsplanung freigeben. Die Kosten sind happig. Der Komplex Villa Berg gerät inzwischen nach der geplanten Sanierung der Staatsoper zum zweitteuersten Kulturprojekt in Stuttgart.
Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU) weist in der Beschlussvorlage darauf hin, dass Sanierung und Ausbau der ehemaligen Sommerresidenz von König Karl und Königin Olga unter Finanzierungsvorbehalt stehen. Ob Geld für das einst adlige Gemäuer da ist, werde eine „ämterübergreifende Priorisierung unter zwingender Berücksichtigung der gesamtstädtischen Leistungsfähigkeit“ ergeben. Stand heute muss man sagen: Die Leistungsfähigkeit ist mau, rund 170 Millionen Euro sind aktuell nicht in der Kasse. Auf diesen Wert summiert sich das Kunstwerk Villa Berg.
Die runderneuerte Villa samt Gastro- und Saal-Anbauten würden 110,2 Millionen kosten – nun mit einem Aufzug, der Besucher aus der Tiefgarage barrierefrei auf das Niveau des Hauses heben soll. Dazu kommt die Komplettsanierung eben jener Tiefgarage, die mit 27,3 Millionen kalkuliert ist. Dem Kleingedruckten der Vorlage ist zu entnehmen, dass die Oberflächengestaltung der Garage nicht enthalten ist. Dann fehlt noch der Park. Bis 2031 sollen für dessen Sanierung 32 Millionen Euro fließen, in zehn Abschnitten, von denen zwei vor wenigen Wochen begonnen wurden.
Den immer stärker ausufernden Kosten sollte seit Januar 2024 mit einer Reduzierung der Neubauflächen begegnet werden. Die schrumpfen nun tatsächlich auf 868 Quadratmeter über und 2850 unter der Erde. Mit 14,7 Prozent weniger Fläche konnten die „teils sprunghaften und bis heute anhaltenden Kostensteigerungen im Bauwesen“ aber nicht kompensiert werden, heißt es in der Vorlage. Im Gegenteil: Die Villa selbst wird mit den kleineren Anbauten dennoch um 5,2 Millionen Euro teurer. Sie könnte noch ein paar Überraschungen bereithalten. Für die Dachaufstockung, heißt es in der Vorlage, bedürfe das Tragwerk „planerischer Finesse“. Die „außergewöhnliche Aussicht auf Neckarraum und Kernstadt“ soll den Ort zu einem „Publikumsmagneten entwickeln, der zur Belebung der Villa samt ihrer Gastronomie beiträgt“.
Einen Trost halten die Planer bereit. Der nun deutlich erhöhte Wissensstand mindere zukünftige Kostenrisiken. In den 110,2 Millionen Euro ist auch bereits eine Baupreissteigerung um 15 Prozent bis 2028 eingerechnet. Früher wird man nicht bauen können, denn gleichzeitig mit der Weiterplanung würde das nötige Bebauungsplanverfahren gestartet. Ein solches Verfahren dauert in Stuttgart bisher rund fünf Jahre, eine Kürzung auf dreieinhalb wird angestrebt. Mit dem neuen B-Plan will man auch die vorgeschriebenen Richtzahlen für profane Radstellplätze an der Königsvilla drücken. In Stuttgart sind nur auf Friedhöfen und vor Kfz-Werkstätten keine Abstellplätze nötig. Vor der Villa aber müsste man nach heutigem Stand und Recht (Versammlungsstätte und Gastronomie) Platz für rund 340 Fahrrädern schaffen. Der neue B-Plan solle „die Anforderungen senken“.
Am kommenden Mittwoch, 30. Juli, soll der Verwaltungsausschuss die Weiterplanung debattieren, am Donnerstag der Gemeinderat den Daumen dafür heben. Da Stuttgart in diesem Jahr im Ergebnishaushalt auf ein Minus von bis zu einer Milliarde Euro zusteuert, aber mit weiteren neuen Kulturprojekten wie einem Konzertforum (womöglich in Bad Cannstatt für überschlägig rund 120 Millionen Euro) und einer neue Schleyerhalle (reichen 500 Millionen Euro?) liebäugelt, könnte eine Grundsatzdebatte zur Villa anstehen. Die Fraktion Die Linke/SÖS-Plus hat zum Beispiel bereits vor zehn Monaten zusätzlich zu den Diätvorgaben einen Plan B als „Rückfallebene“ für den Komplex gefordert.