Wenn man in Stuttgart eine Kulisse suchte, die am besten zum Thema Dornröschenschlaf passt, dann führt an der Villa Berg im Stuttgarter Osten kein Weg vorbei. Immerhin muss man ihn sich nicht durch Dornengestrüpp bahnen, weil das Einzige, was dort richtig gepflegt wirkt, der 2019 neu angelegte historische Rosengarten ist. Ansonsten fristet die Villa, die eigentlich ein Schloss ist, allerdings nicht so heißen sollte, um dem Prachtbau einen Anschein von Bescheidenheit zu geben, seit vielen Jahren ein Schattendasein.
Das hat mit den Besitzverhältnissen zu tun, die mehrfach wechselten, ehe die Stadt das lange vom SDR und dann vom SWR genutzte Gebäude 2016 wieder übernahm, aber eben auch mit einem viel zu spät erwachten politischen Gestaltungswillen. Die Folge war, dass die von dem Architekten Christian Friedrich von Leins 1846 bis 1853 im Auftrag des württembergischen Kronprinzen Karl erbaute Villa stetig verfiel. Seit 2005 steht sie leer und hat sich zu Stuttgarts prominentestem Lost Place entwickelt. Ein wenig schmeichelhafter Titel für ein Gebäude, das einst zu den ersten Neorenaissance-Bauten in Deutschland zählte.
Die Chance auf eine Stadtgesellschaftsvilla
Tatsächlich ist dieser Ort ein Beispiel dafür, wie die Landeshauptstadt lange unter ihren Möglichkeiten blieb. Und diese Möglichkeiten und Chancen sind im Fall der Villa Berg enorm. Ihre im Krieg beschädigte und später vernachlässigte Hülle ist noch immer eindrucksvoll genug, dass sie die Fantasie des Betrachters anregt. Was könnte hier alles entstehen, wenn man sich kümmert und Ideen und natürlich auch Geld investiert?
Glücklicherweise hat man das Stadium der reinen Fantasiegebilde verlassen. Planer und eine bürgerschaftliche Gruppe namens Projektgruppe Villa Berg haben sich mit dem Segen des Gemeinderats viele schöne Dinge ausgemalt – beginnend mit der Parklandschaft, die in den nächsten Jahren nacheinander in zehn Abschnitten umgestaltet werden soll, samt Spielflächen, einladenden Zugängen und erneuerten Wasserflächen: dem Sichelsee aus dem 19. Jahrhundert und den Terrassenbrunnen aus den 1960er Jahren. Es verspricht, gut zu werden.
Die Villa selbst, die mit den von der Künstlerin Andrea Lüth gestalteten Fensterbildern derzeit als Villa Kunterbunt erscheint, muss noch warten. Fest steht, dass sie ein „Offenes Haus für Musik und Mehr“ werden soll. Dieses „Mehr“ lässt einerseits vieles offen und macht anderseits vieles möglich. Darin liegt die Chance, dass die einstige Sommerresidenz künftig nicht nur als Stadt-, sondern als eine Stadtgesellschaftsvilla hervortritt, in deren kulturellen Angeboten sich unterschiedlichste Menschen und Gruppen wiederfinden.
Die Bürger haben es in der Hand
Das Projekt Wiedererweckung der Villa Berg ist zutiefst ein Bürgerprojekt. Die Bürger sollen das künftige Kulturhaus in Besitz nehmen und sein Innen- wie auch das Außenleben gestalten. Entdeckt haben viele Stuttgarter die Parklandschaft schon lange für sich. Wer dort spazieren geht, blickt in entspannte Gesichter von Menschen, die die Abendsonne genießen, picknicken, zeichnen, Federball spielen oder tanzen – immer donnerstags bei gutem Wetter im Pavillon am Rosengarten. Getanzt wird Forro. Das ist brasilianisch.
Von einer kreativen Stimmung soll auch die Projektwoche getragen sein, die an diesem Sonntag startet – mit einer Fotoausstellung, Parkkonzerten, Führungen und Diskussionen über die Zukunft der Villa. Die Bürger sind hier nicht nur eingeladen, sondern ausdrücklich gefragt. An ihnen wird es letztlich liegen, dass der Dornröschenschlaf der Villa Berg tatsächlich endet und es in zehn Jahren nicht heißt: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann planen sie noch heute.