Vinzenz Geiger und die Kombinierer Foulspiel am eigenen Mann?

Vinzenz Geiger holt Gold – auf Kosten anderer? Foto: imago/Xinhua/Dai Tianfang

Im Lager der nordischen Kombinierer wird über die Angriffstaktik von Vinzenz Geiger diskutiert, die zwei Teamkollegen Medaillen kostete.

Zhangjiakou - Im Radsport wäre so eine Taktik undenkbar. Niemals würde in der Verfolgergruppe ein Profi Tempo bolzen, wenn zugleich ein Teamkollege vorne um den Sieg oder einen Podiumsplatz kämpft. Das ist mehr als ein ungeschriebenes Gesetz, es ist schlicht die Vorgabe. Und nebenbei auch klug, wenn am Ende der maximale mannschaftliche Erfolg herausspringen soll. Dass die nordische Kombination mit dem Radsport nicht viel gemein hat, ist bekannt und auch bei Winterspielen in China zu sehen. Was vor der Staffel an diesem Donnerstag (Springen 9 Uhr, 4x5-km-Lauf 12 Uhr/MEZ) durchaus für Diskussionen sorgt.

 

Der Mann denkt an sich – selbst zuletzt

Dabei geht es vor allem um Vinzenz Geiger. Schon im ersten Wettbewerb von der Normalschanze hatte er eine Aufholjagd gestartet, die seinen bis 500 Meter vor dem Ziel führenden Teamkollegen Johannes Rydzek die sichere Goldmedaille kostete. Bundestrainer Hermann Weinbuch sprach hinterher zwar von einem „erheblichen Risiko“, was aber niemand weiter interessierte. Denn Geiger hatte sich ja den Olympiasieg geholt. Im zweiten Rennen wählte der Oberstdorfer dieselbe Taktik noch einmal – die nun aber völlig in die Hose ging.

Wieder musste Geiger einen Rückstand von mehr als eineinhalb Minuten aufholen, wieder setzte er sich nach der Hälfte der Zehn-Kilometer-Distanz an die Spitze. Und wieder zog er die Konkurrenz mit. Diesmal allerdings ging ihm die Kraft aus. Zu dem Zeitpunkt hatte er die Norweger Joergen Graabak, der in Geigers Windschatten bereits im ersten Rennen zu Silber gelaufen war, und Jens Luraas Oftebro aber schon nach vorne gebracht. Sie zogen durch, holten Gold und Silber – nun war Manuel Faißt der Leidtragende. Der Schwarzwälder hätte ohne die von Geiger initiierte Aufholjagd gegen Akito Watabe um den Sieg gekämpft. So blieb ihm am Ende nur Rang vier. Auf den die Frage folgte, ob der Bundestrainer nicht eine Taktik fürs Team hätte ausgeben müssen.

Hermann Weinbuch verneinte umgehend. „So ist das Spiel“, sagte der erfahrene Coach, „wenn einer spürt, dass er nach vorne kommen kann, muss er es probieren. Bei Olympia sind alle Konkurrenten. Auf die Medaille zu verzichten, nur weil vorne ein Mannschaftskollege ist, das geht nicht.“ Geht doch, allerdings nur im Radsport. Und womöglich bei den Norwegern.

Lachende Dritte

Aus dem Lager des großen Konkurrenten jedenfalls war zu hören, dass man sich über die Taktik der Deutschen ziemlich gewundert habe. Schließlich hat Geiger, das räumte er auch selbst ein, in den beiden Rennen Norwegen gleich zu drei Medaillen verholfen. Man selbst, hieß es, würde kein grünes Licht geben, um einen vorne liegenden Teamkollegen zu attackieren. Selbstkritik war von Vinzenz Geiger trotzdem nicht zu hören. „Ich habe Graabak sicher einen großen Gefallen getan“, sagte er, „hinterher ist man halt immer schlauer.“ Unterstützung erhielt er von zwei Ex-Sportlern.

„Die Taktik von ihm war schon okay“, meinte Georg Hettich, der 2006 in Turin einen kompletten Medaillensatz gewann, „eine Ansage vom Bundestrainer, dass er sich zurückhalten müsse, damit Manuel Faißt aufs Podium kommt, würde im Umkehrschluss ja ihn um die Medaillenchance bringen.“ Und das sei eben schwierig. So ähnlich sieht es Hans-Peter Pohl. „Die Kombination ist ein Individualsport. Klar standen zwei Teamkollegen nicht auf dem Podium, dafür hat Vinzenz Geiger jetzt Gold“, sagt der Team-Olympiasieger von 1988, „ihm daraus einen Vorwurf zu machen wäre falsch.“ Zumal die Diskussion nun beendet sein müsse – schließlich wollen nun alle Deutschen in der Staffel erfolgreich sein.

Für das Teamrennen verzichtet Weinbuch auf Rydzek, er nominierte neben Geiger und Faißt auch Julian Schmid – und Eric Frenzel. Der dreimalige Olympiasieger bestand nach der Quarantäne alle Belastungstests und kommt nun doch noch zu einem Einsatz. „Ich habe fünf starke Leute“, sagte der Bundestrainer, „ich hoffe, dass ich die vier Stärksten ausgewählt habe.“ Für die diesmal kein Thema sein wird, sich womöglich gegenseitig attackieren zu müssen.

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