Vinzenzifest in Wendlingen Festhalten an einer alten Tradition
Trotz Einschränkungen und Regen freuten sich Trachtenträger und Besucher, dass das Wendlinger Vinzenzifest nach einem Jahr Coronapause wieder stattfand.
Trotz Einschränkungen und Regen freuten sich Trachtenträger und Besucher, dass das Wendlinger Vinzenzifest nach einem Jahr Coronapause wieder stattfand.
Wendlingen - Regen, Regen, nichts als Regen: So lässt sich der Start in das traditionelle Vinzenzifest am Sonntag in Wendlingen am besten beschreiben. An der guten Stimmung unter den zahlreichen Trachtenträgern und Festbesuchern konnte das trübe Wetter allerdings nicht rütteln. Schon am frühen Morgen packten viele den Regenschirm unter den Arm und schlenderten gut vor dem Nass von oben beschützt über den traditionellen Vinzenzimarkt.
An über 100 Ständen konnten Krämerartikel erstanden werden. Nachdem der umjubelte Umzug wegen Corona schon ausfallen musste, dürften die Regentropfen auch Dekan Paul Magino gedanklich beschäftigt haben: Soll die Prozession von der St. Kolumban Kirche zum Saint-Leu-la-Forêt-Platz stattfinden oder nicht? „Wir entschieden uns dafür, den Festgottesdienst trotz Regens im Freien vor dem Rathaus abzuhalten“, erzählt Dekan Paul Magino – die vorangehende Prozession setzte sich daher punkt zehn Uhr in Bewegung.
Als hätte der Geistliche einen Draht nach oben, ließ der Regen während der Vinzenziprozession sogar etwas nach. Unter schützenden Pavillondächern vor dem Wendlinger Rathaus versammelte sich die Gottesdienstgemeinde trockenen Fußes und lauschte dem festlichen Eröffnungsspiel des Musikvereins Unterboihingen. Passend zu den geltenden Hygienevorschriften las Dekan Paul Magino in der Predigt aus dem Markusevangelium über die Pharisäer und die Reinheit der Menschen vor. „Die Hygiene spielt gerade heute wieder eine große Rolle. Längst haben wir uns an 3 G-Regeln und Desinfektionsflaschen auf den Tischen gewöhnt“, stellt er fest. Die Vorschriften seien aus einer weltweiten Not entstanden und hätten auch Entzweiung nach Europa und in die ganze Welt gebracht. Der Dekan betont: „Vorschriften und Regeln gibt es schon immer. Sie ermöglichen es, das Leben gemeinsam zu gestalten.“ Nach dem Segen beendete Paul Magino den Festgottesdienst hoffnungsvoll: „Bleibet und gehet dann später in Gottes Frieden.“ Zur Freude der Trachtenträger und Besucher hielten die Organisatoren an einer weiteren Tradition fest: Dem Birnsonntag. Nach dem Gottesdienst vor dem Rathaus gab es saftige Birnen für alle.
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Der Musikverein Unterboihingen spielte zur Freude der Besucher auf und übertönte das Trommeln der Regentropfen auf den Pavillons. Rund 50 Mitglieder der Egerländer Gmoi Wendlingen freuten sich, Kameraden und Freunde weiterer Vereine aus Esslingen, Reichenbach, Bietigheim, Zuffenhausen, Ditzingen und Stuttgart zu treffen. Da man sich lange nicht sehen konnte, gab es viel zu berichten. Thema war auch das wenig erfreuliche Festwetter. Trotzdem waren sich Egerländer und Besucher einig: „Es ist schön, dass überhaupt wieder ein Trachtenfest stattfinden kann.“ Bürgermeister Steffen Weigel war am Festtag guter Laune: „Für die Stadt ist es eine große Freude, das Fest organisieren zu können, auch wenn es in diesem Jahr deutlich kleiner ausfällt.“ Er zeigt sich von den zahlreichen Gästen angetan: „Wir sind froh, dass so viele der Einladung gefolgt sind. Dies ist auch ein Verdienst unserer Egerländer Gmoi.“
Stefan Rödl, zweiter Vorsitzender der Egerländer Gmoi in Wendlingen lobte die Zusammenarbeit mit der Stadt: „Wendlingen unterstützt uns in allen Belangen.“ Mit dem Fest in abgespeckter Version ist Rödl sehr zufrieden: „Endlich können Trachtenträger sich wieder rausputzen und treffen.“ Er freue sich, dass beim Fest vor allem an den traditionellen Elementen festgehalten wurde.
An der Festsitzung des Patenschaftsrates im Treffpunkt Stadtmitte stellten Barbara und Hans Georg Bachmann ihre böhmische Heimat vor. Sie nahmen die geladenen Gäste mit auf eine kurzweilige Radwanderung entlang der Eger bis zur Mündung in die Elbe mit. Im Anschluss eröffneten Bürgermeister Weigel und Egerländer-Chef Stefan Rödl nicht nur das 69. Vinzenzifest und das 46. Egerländer Landestreffen, sondern auch eine Sonderausstellung im Wendlinger Rathaus. Beide hoffen, dass die Festivitäten im kommenden Jahr wieder in vollem Umfang über die Bühne gehen.
Bedeutendes Brauchtumsfest in Baden-Württemberg
Geschichte
Das Vinzenzifest – zu Ehren des Märtyrers – blickt auf eine über 300-jährige Tradition zurück. Es wurde durch den Magistrat der alten Reichsstadt Eger, heute Cheb in Tschechien, aus Anlass der Verleihung der Kopfreliquie des Heiligen Vinzenz an die Stadt gestiftet und 1694 als Erntedankfest zum ersten Mal am letzten Sonntag im August begangen. In erster Linie bestand es aus einer Prozession der Gläubigen aus dem Egerer Umland nach Eger, einem Erntedankgottesdienst, einem Krämer- und Jahrmarkt. Die heimatvertriebenen Egerländer, für die Wendlingen die Patenschaft übernommen hat, haben dieses Fest in ihre neue Heimat mitgebracht. Seit 1952 wird dieses zusammen mit Heimat- und Trachtenverbänden als eines der größten Brauchtumsfeste in Baden-Württemberg gefeiert.
Ausstellung
Eine Fotoausstellung im Rathaus zeigt unter dem Motto „Farbenfrohes Vinzenzifest“ Bilder von vergangenen Festen. Die Ausstellung ist noch bis zum 30. September 2021 zu den üblichen Rathausöffnungszeiten zu sehen.