Vinzenzifest in Wendlingen Trachtenvereine suchen nach Wegen in die Zukunft

Beim traditionellen Umzug zum Wendlinger Vinzenzifest säumten wieder viele Zuschauer die Straße. Doch wie geht es mit den Trachtenvereinen weiter? Foto: Kerstin Dannath

Auch die Trachten- und Brauchtumsvereine haben seit Jahren mit sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen. Die Egerländer Gmoin wollen eine Trendwende versuchen. Wie das gelingen soll, war eines der Themen beim Wendlinger Vinzenifest.

Wie alle Vereine stehen auch die Trachtenvereine vor der großen Herausforderung mit dem demografischen Wandel zurecht zu kommen. Auch wenn auf dem Cannstatter Wasen junge Menschen in Dirndl und Lederhose auf den Bierbänken stehen – mit Tradition und Brauchtum hat das moderne Feiervolk wenig am Jankerl. Bei den Trachten- und Heimatvereinen schwinden die Mitglieder, die Alten sterben weg, die Jungen sind nur interessiert, wenn sie von Kindesbeinen an über die Familie involviert sind. Allerdings gibt es auch dafür schon längst keine Garantie mehr.

 

Auch bei den Egerländer Gmoi aus Wendlingen macht sich der Trend seit Jahren bemerkbar. Corona hat der Entwicklung nochmals einen Negativschub gegeben. „Wir müssen über neue Wege und Veränderungen nachdenken, um unsere Traditionen in die Zukunft zu führen“, forderte der Wendlinger Gmoivorsteher Mathias Rödl, der gleichzeitig Vorsitzender des Landesverbandes der Egerländer Gmoin in Baden-Württemberg ist. Bei der Festsitzung des Patenschaftsrats stand das Thema mit dem Vortrag „Haben Trachtenvereine eine Zukunft? Eine Untersuchung vor dem Hintergrund demographischer Wandlungsprozesse“ deswegen auf der Agenda. Grundlage war eine Hausarbeit von Mathias Rödls Nichte Isabell, die sie an der Universität Lüneburg geschrieben hat.

30 Prozent weniger Mitglieder

Die 25-jährige Grafenbergerin ist selbst überzeugte Trachtenträgerin: „Ich trage die Egerländer Tracht, seit ich denken kann. Mir gefällt die Geselligkeit und das Tanzen.“ Für ihre Studienarbeit hatte sie eine Umfrage unter 33 Trachten- und Heimatvereine gemacht. Wenig überraschend waren ihre Ergebnisse: 38 Prozent der Mitglieder der befragten Vereine sind über 70 Jahre alt, gefolgt von den 50 bis 69-Jährigen mit 31 Prozent, 21 Prozent kommen aus der Gruppe der 0 bis 29-Jährigen, nur zehn Prozent sind zwischen 30 bis 49 Jahre alt. Bei 60 Prozent der befragten Vereine ist die Mitgliederzahl in den letzten 20 Jahren um fast 30 Prozent zurückgegangen. Einige der Vereine versuchen dem Trend etwa mit Werbung über verschiedene Kanäle, Schnupperveranstaltungen oder Sommerferienprogrammen für Kinder entgegenzuwirken. Allerdings fehlt es den meisten an Engagierten, um etwas auf die Beine zu stellen. Bei 14 Prozent der Vereine gibt es sogar keine Nachwuchsförderung. Keiner der Umfrageteilnehmer gab als Grund an, dass das Geld für solche Aktionen fehlen würde. „Trachtenvereine haben eine Zukunft, aber nur wenn ihre Mitglieder die Energie aufbringen, sich für die Zukunft einzusetzen“, zog Isabell Rödl ihr Fazit.

Sehnsucht nach Geselligkeit

In der Diskussion war einer der Hauptkritikpunkte des Plenums, in dem neben zahlreichen Trachtlern auch Kommunal-, Landes- und mit Markus Grübel (CDU) ein Bundespolitiker vertreten war: Vereinsarbeit sei heute viel zu viel Bürokratie unterworfen. „Das Problem betrifft natürlich alle Vereine. Man muss sich mit so vielen Dingen wie etwa Haftungsfragen herumschlagen, deswegen findet man keine Ehrenamtlichen, die Lust haben, sich zu engagieren“, kritisierte Wendlingens Alt-Bürgermeister Hans Köhler. Er sieht die Landesregierung gefordert: „Da gehört dringend mal aufgeräumt. Das ist eine klare Fehlentwicklung.“ Auch die Schulen, die mit ihrer Transformation hin zur Ganztagsschule immer mehr Zeit von Kindern und Jugendlichen in Anspruch nehmen, sollten verstärkt mit ins Boot genommen werden. „Es müssten schon im Kindergarten und in der Grundschule Volkslieder und Tänze wieder Teil des normalen Unterrichts werden“, forderte Reinhold Frank, der Vorsitzende des Landesverbandes der Heimat- und Trachtenverbände Baden-Württembergs. Ein weiterer Kritikpunkt war die fehlende mediale Aufmerksamkeit im Land – vor allem seitens des Fernsehens. Die Kirchheimer Landtagsabgeordnete Nathalie Pfau-Weller (CDU) kündigte an, dass es seitens des Landes bereits Bestrebungen gebe, die Bürokratie für die Vereine zu vereinfachen: „Zudem gibt es Überlegungen für Vergünstigungen für Ehrenamtliche, damit es sich für die Leute wieder lohnt, sich zu engagieren.“

In seinem Schlusswort lobte Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel als Vorsitzender des Patenschaftsrats die vielen Ansätze, die sich durch die Diskussion ergeben haben. Weigel sieht die Zukunft der Vereine nicht ganz so schwarz: „Vereine haben eine gute Chance, da sich durch die zunehmende Individualisierung in unserer Gesellschaft eine gewisse Orientierungslosigkeit bei vielen jungen Menschen bemerkbar macht.“ Es gebe eine große Sehnsucht nach geselligen Erlebnissen – auf den Zug können die Vereine aufspringen.

Stadt zieht positive Bilanz

Premiere
  Zum ersten Mal fand das Vinzenzifest am letzten Wochenende vor den Sommerferien statt. Ein voller Erfolg, wie Joachim Vöhringer, der Leiter des Amts für Familie, Bildung und Soziales bei der Stadt Wendlingen, erklärte. Bereits am Samstagabend war das Fest rund um Markt- und Saint-Leu-la-Forêt-Platz mit etwa 2500 Besuchern stark frequentiert, beim traditionellen Umzug mit 31 Gruppen und über 600 Teilnehmern am Sonntag waren laut Vöhringer rund 5000 Besucher in der Stadt.

Patenschaft
Die Stadt Wendlingen hat 1966 die Patenschaft für die heimatvertriebenen Egerländer in Baden-Württemberg übernommen. Im Zuge der praktischen Verwirklichung der Patenschaftspflege wurde der Patenschaftsrat eingerichtet, der sich der „Charta der Heimatvertriebenen“ vom 6. August 1950 verpflichtet hat. Darin hatten die Vertriebenen auf Rache und Vergeltung verzichtet und sich dem Wiederaufbau Deutschlands sowie der Schaffung eines geeinten Europas verpflichtet.

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