Die Chauffeure, sagt die junge Dame bei der Anmeldung auf dem oberen Parkdeck der Schwabengarage, dürfen kein Wort mit ihren Fahrgästen reden: „Das ist wie beim ,Bachelor‘.“ Das Event, das Aston Martin in den Einladungen nicht nur als exklusiv anpreist, sondern gar als „ultraexklusiv“ ist mysteriös und rätselhaft überschattet. 350 ausgewählte Kunden – sie kommen aus Bremen bis München – sind in 17 Gruppen am Samstag und Sonntag aufgeteilt und haben vorher nur erfahren, sie sollten warme Kleidung mitbringen. Wo sich die womöglich kalte Location der Autoparty befindet, bleibt auch während der Shuttle-Fahrt top secret.
Fast gewinnt man den Eindruck, als stehe die Mission unterm Protektorat eines Briten, der im Geheimdienst Ihrer Majestät unterwegs ist. James Bond hat tatsächlich was damit zu tun. In „Keine Zeit zum Sterben“ sieht man sein künftiges Dienstauto in der ersten Version, obwohl es noch gar nicht fertiggebaut ist. Man sieht den Valhalla, einen Hybrid mit 950 PS. Das neue Raubtier auf vier Rädern mit Performance-DNA ist auf 999 Exemplare limitiert. Preis: etwa eine Million Euro. Kostet damit immerhin weniger, als Aston Martin für den Auftritt beim jüngsten 007-Kassenknüller bezahlt haben soll.
Nach dem Leuze biegt der Konvoi links ab
Das Wort Valhalla stammt aus der norwegischen Mythologie und steht für das dunkle Reich der gefallenen Helden. Welcher Ort in Stuttgart könnte dafür am besten passen? Maximilian Mayer, der VIP-Manager von Emil Frey Cars, den deutschen Partnern von Aston Martin, dachte an den Untergrund. Dass sein kühner Traum jetzt wahr wird, weil er die Bahn dafür begeistern konnte, dürfen vorab nur wenige Eingeweihte erfahren. Siehe da: Das Event „The Voyage to Valhalla“ führt rein in den Tunnel von Stuttgart 21!
Nach dem Leuze biegt der Konvoi links ab. Kaum sind die Limousinen in der noch schienenfreien Röhre, geht die Musik an. Die Show beginnt. Ein Halleluja für den Valhalla! Zu mystischen Klängen erstrahlt die lang gezogene Tunnelwand in zuckenden Lichtern. Man fühlt sich an den alten Club Röhre erinnert. Nach 420 Metern mit Disco-Feeling halten die Chauffeure an. Die Gäste steigen aus – manche freuen sich wie kleine Kinder, kommen kaum mit Selfies nach – und wissen, warum sie eine Jacke mitbringen sollten. Etwa neun Grad hat es tief unten. Auf einer Leinwand mit sieben Ecken rast der Valhalla. Die Lichtershow mit Stakkato-Effekten wird immer wilder, ebenso der Sound. „In einem Meisterwerk der Technologie“, sagt Maximilian Mayer feierlich, „sehen Sie ein Meisterwerk der Technologie.“ Damit meint er: Stuttgart 21 passt zu seinem Supersportwagen, der auf Benzin- und Elektromotor setzt.
Die Spitzengeschwindigkeit beträgt 350 Stundenkilometer
Schon wird der Aston Martin Valhalla wie ein Oscar-Preisträger angestrahlt. Ein echtes Auto steht jedoch nicht auf dem Podest. Es ist ein lebensgroßes Modell aus Ton. Bestellen kann man den Hybrid, gebaut wird er erst 2023. Ausgeliefert dürfte der Stolz aus Gaydon (Grafschaft Warwickshire) 2024 werden. Aber streicheln kann man den Star bereits, den man kaum tieferlegen könnte als so weit unter die Erde. Rauschenberger serviert Champagner und Häppchen dazu.
Die Spitzengeschwindigkeit beträgt 350 Stundenkilometer – beachtlich bei einem Fahrzeug, das aus England kommt, wo das Tempolimit auf Autobahnen 110 beträgt. Der deutsche Markt ohne Tempolimit ist deshalb für Aston Martin so attraktiv. In Stuttgart sind die Verkaufszahlen der Edelmarke überdurchschnittlich, sagt Maximilian Mayer. Trotzdem sieht man den britischen Sportwagen in der Stadt selten. Der VIP-Manager berichtet von Kunden, die ihren Aston Martin in der Garage stehen haben und mit dem Smart fahren. Das Auto sei eine tolle Kapitalanlage, findet Finanzberater Manuel J. Ellwanger, einer der Gäste. „Nach zwei Jahren dürfte man anderthalb Millionen Euro bekommen“, prophezeit der Enkel eines Bankhausgründers. Bei einem limitierten Superauto würde durch Unfälle eine gewisse Anzahl an Exemplaren wegfallen, und da keine Neuanfertigungen mehr hinzukämen, seien Sammler bereit, viel mehr als den ursprünglichen Preis zu zahlen.
Der deutsche Chef von Aston Martin muss gehen
Im Valhalla befindet sich schwäbische Präzisionsarbeit, was beim Mercedes-Motor anfängt. Wesentlichen Anteil am 007-Auto hat Tobias Moers, der im Mai 2020 vom Chefsessel bei AMG in Affalterbach auf den von Aston Martin in Gaydon gewechselt ist. Nach gerade mal zwei Jahren muss er nun gehen, weil ihn der Eigentümer Lawrence Stroll nach Medienberichten loswerden will.
Der Nachfolger von Moers ist der Ex-Ferrari-Chef Amedo Felisa. Kein leichter Job für ihn: Im ersten Quartel 2022 haben die Briten nach eigenen Angaben einen operative Verlust von 54,7 Millionen Euro eingefahren. Maximilian Mayer, der für sein Event im S-21-Tunnel viel Lob hört, hat keine Angst um die Zukunft der Marke. „Aston Martin war schon mehrfach fast pleite“, sagt er, „und ist stets mit voller Wucht zurückgekehrt.“
Beim Marketing wird in Stuttgart Gas gegeben. Das „ultraexklusive Event“ für Kunden, die sich das Auto leisten könnten, kostet einen sechsstelligen Betrag. Das Timing stimmt. In Kürze werden in dieser Zugröhre beim Rosensteintunnel die Gleise gelegt. Wer zu Fuß von der Party-Location in die andere Richtung laufen würde, könnte nach vier Kilometern den Hauptbahnhof erreichten. Aston Martin hat sich die Stadt von Mercedes und Porsche ausgesucht, um unter der Erde spektakulär Power zu zeigen. Allein mit dem Elektromotor würde der Valhalla nur 15 Kilometer weit kommen. Erst 2025 wollen die Briten einen reinen E-Flitzer bauen.