Visionäre „Home Stories“ Wie wohnen?

Was macht gutes Interieur aus? Eine Frage, auf die die Architektin Lino Bo Bardi in ihrer Casa de Vidro im brasilianischen São Paulo 1951 eine überzeugende Antwort gefunden hat: Natur und Architektur verschmelzen zu einer harmonischen Einheit. Foto: Nelson Kon

Jeder wohnt, wie es ihm beliebt? Nicht ganz: Wohnstile sind immer auch Ausdruck von gesellschaftlichen Entwicklungen. Das Vitra Design Museum zeigt die aufregendsten Interieurs der vergangenen 100 Jahre – eine Ideen-Fundgrube fürs eigene Heim.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Weil am Rhein - Mit wütenden Vorschlaghammer-Hieben wuchtet ein Mann die Mauern seiner Pariser Wohnung auf. Der Anstreicher Themroc, dargestellt von Michel Piccoli, befreit sich mit diesem Gewaltakt aus den Zwängen seiner konformistischen Existenz. Das destruktive Aufbegehren steckt an, bald sehen in dem französischen Anarcho-Film „Themroc“ aus dem Jahr 1973 die Fassaden der umliegenden Wohnblocks aus wie Schweizer Käse.

 

Für Arno Brandlhuber war der Film von Claude Faraldo Inspiration für seine programmatische „Antivilla“ in der Nähe von Potsdam: In einer Gemeinschaftsaktion mit Freunden ließ der Berliner Architekt große Fensteröffnungen in den Betonkasten einer ehemaligen Trikotagenfabrik brechen, um diese zu Wohnraum und Künstlerateliers umzufunktionieren und dabei Reduktion als alternative Form von Luxus zu propagieren.

Reduktion ist die neue Form von Luxus

Brandlhubers innovatives, gleichwohl auf ländliche Traditionen zurückgreifendes Raumkonzept definiert zwei Klimazonen: Ein im Winter beheizbarer, mit textilen Raumteilern begrenzter Wohnkern kann im Sommer auf die mehr als dreifache Grundfläche erweitert werden. Ähnlich radikal ging Ludwig Mies van der Rohe etwa 85 Jahre früher bei der Villa Tugendhat zu Werke: Mit dem offenen Grundriss des Unternehmer-Wohnsitzes im mährischen Brünn revolutionierte der legendäre Baumeister Ende der 1920er Jahre das Wohnen.

Die beiden Beispiele stehen am Beginn und am Ende der Ausstellung „Home Stories“, mit der das Vitra Design Museum in Weil am Rhein jetzt die Geschichte des zeitgenössischen Wohninterieurs beleuchtet (bis 23. August 2020). In den vorgestellten „20 visionären Interieurs“ aus 100 Jahren bündeln sich nicht nur wie in einem Brennglas gesellschaftliche, technologische, ökonomische und politische Umwälzungen, sie lassen vielfach herrschende Konventionen radikal hinter sich.

Raumwunder auf 33 Quadratmetern

Die vom Kurator Jochen Eisenbrand retrospektiv angelegte Schau setzt mit einer Fülle von Fotografien, Zeichnungen, Modellen, Möbelstücken, Filmen bei der Gegenwart an. Deren zentrales Thema: der kreative Umgang mit Wohnraum als knapper werdender Ressource. Eine Herausforderung, die neben Brandlhuber etwa das Madrider Büro Elii mit einem 33-Quadratmeter-Apartment meistert, das sich mittels versteckter Stauräume und multifunktionaler Möbelelemente als Raumwunder entpuppt.

Die Demokratisierung des Wohndesigns, die das schwedische Unternehmen Ikea in den 1940er Jahren anschob, ist zur Kommerzialisierung verkommen, die Produktion von immer schneller auszutauschenden Möbeln und Accessoires eine gigantische globale Industrie. Ein gesellschaftlicher Diskurs über das Wohninterieur aber findet nicht statt. Dies zu ändern, hat sich das Vitra Design Museum mit der Schau vorgenommen.

Andy Warhol macht das Fabrik-Loft zum Hit

Wie wohnen? Und warum? In den 1960er bis 80er Jahren ist das eine brisante politisch-philosophische Frage. Der radikale Traditionsbruch im Interior Design nimmt in dieser Zeit vielfältige Formen an. Mit der Postmoderne kehren Ornament und wilde Muster zurück, ungezügelt ist plötzlich wieder die Deko-Lust. Der Modedesigner Karl Lagerfeld zeigt 1983 in seinem bonbon-bunten Apartment in Monte Carlo mithilfe des Designkollektivs Memphis dem guten Geschmack die lange Nase; der Philosoph Paul Virilio und der Architekt Claude Parent haben die Vertikale satt und essen, arbeiten und liegen lieber „im Schrägen“; Andy Warhol verliebt sich 1964 in Silberfolie und erfindet in New York mit der „Silver Factory“ das Fabrik-Loft, und Verner Panton schweißt in seiner „Phantasy Landscape“ von 1970 Wände, Decken und Möbel zu einer uterusartigen Wohn-Höhle in psychedelischen Farben zusammen; die Wohnlandschaft wurde eigens für die Schau nachgebaut.

In den 1950er Jahren krempelt die fortschreitende Technisierung die Wohnwelten um; Peter und Alison Smithsons „House of the Future“ ist 1956 eine Art Vorläufer des „smart home“, selbstreinigendes Bad inklusive. Über die Kehrseiten der Alles-per-Knopfdruck-Einrichtung macht sich der französische Regisseur Jacques Tati in dem Film „Mon oncle“ auf unnachahmliche Weise lustig. Einen Gegenpol stellt die Casa de Vidro in São Paulo dar, in der die Italo-Brasilianerin Lina Bo Bardi die Natur zum Komplizen der Architektur macht.

In England wird die Home Story erfunden

Das Wohnen als Inszenierung des Ich, als „räumliche Autobiografie“: Keiner beherrscht das so gut wie der Künstler Cecil Beaton. Er verwandelt sein englisches Landhaus Ashcombe in eine opulent-extravagant ausstaffierte Bühne für sein Leben und erfindet damit das Genre der Homestory. Die Geburtsstunde des modernen Interieurs schlägt schon früher –Margarete Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche von 1926 und Ernst Mays typisiertes Wohnen im Neuen Frankfurt der 1920er Jahre sind sattsam bekannte Beispiele. Die auf vier Säle verteilte Präsentation hätte gut daran getan, die Querverbindungen zwischen den Epochen und Stilen deutlicher herauszuarbeiten und den brennenden Fragen der Gegenwart mehr Gewicht zu geben.

Die alles entscheidende Frage steht unausgesprochen im Raum: Was macht gutes Interieur aus? Die Amerikanerin Elsie de Wolfe, die als erste moderne Innengestalterin gilt, empfiehlt 1913 in ihrem Dekorationsratgeberbuch Angemessenheit, Einfachheit und Proportion. In der Gegenwart scheint die Antwort auf die Geschmacksfrage schwerzufallen. Der britische Designer Jasper Morrison greift zum Mittel des Bilder-Essays, um der „Alchimie der guten Atmosphäre“ auf den Grund zu gehen. Seine Arbeit führt sinnfällig vor Augen: Ein als schön empfundener Raum ist unabhängig vom jeweiligen Stil, Minimalismus kann ebenso bezirzen wie ein mit Farben, Accessoires und Mustern überladenes Interieur. Morrison plünderte für seine Bilder-Studie die Internetplattform Instagram.

Er muss tief gegraben haben, denn gerade die Social-Media-Kanäle sowie Sharing-Economy-Angebote wie Airbnb sind es, die, unterstützt von einfallslosen Designabteilungen der Möbelindustrie, zur Monotonie des modernen Wohnens – oder zumindest dessen virtuellem Abbild – beitragen: Gibt es noch Esszimmer ohne Eames-Plastic-Chairs? Ein Akt der Befreiung à la „Themroc“ wäre überfällig.

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