Zur Europawahl Visionen von einem vereinten Kontinent

Was macht Europa aus? Foto: Eisenhans - stock.adobe.com

Europa begann als Mythos und wurde zum Traum vieler Generationen. Die Geschichte dieser schönen Idee hat ihre Anfänge in der Antike. Es gibt vielerlei Varianten davon. Und sie ist noch nicht zu Ende erzählt.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Europa ist zunächst nur eine schöne Geschichte. Homer hat sie in Verse geschmiedet, Tizian in Öl gemalt, Botero in Bronze gegossen. Sie ist in den Ruinen von Pompeji zu besichtigen, am Flughafen von Madrid und sogar im Hyde-Park, obwohl die Briten noch nie zu den größten Freunden Europas zählten. Europas Attraktivität verzückt in dieser Geschichte die Götter, zumindest deren obersten: Zeus. Er entführt eine levantinische Prinzessin, deren Name zum Etikett für einen ganzen Kontinent werden sollte, aus dem Orient auf die Insel Kreta. Mit Sagen dieser Art beginnt sich Europa von seinen Nachbarn abzugrenzen.

 

Dem antiken Mythos folgen viele nach, die davon künden, was Europa sein und was es werden könnte. Solche Visionen mögen befremdlich klingen in einer Zeit, die von Europa desillusioniert ist. Doch das Faszinosum Europa zieht sich seit 3000 Jahren durch unsere Historie. Nachdem die gleichnamige Gestalt als Geliebte des Zeus in die Welt gekommen war, wurde Europa eine Identifikationsfigur der alten Griechen – ausgerechnet der Griechen. Als geografischer Begriff taucht der Name im siebten vorchristlichen Jahrhundert auf. Europa: Das war diesseits des Bosporus. Alles andere galt als Heimstatt von Barbaren.

War Karl der Große der erste Europäer?

Während der Perserkriege im fünften Jahrhundert wurde Europa zu einem „sinnstiftenden Abwehrbegriff“ gegen die Feinde aus dem Osten, so der Historiker Michael Gehler. Deren Herkunft sei ein despotisches Reich, das die Heimat der Demokratie bedrohe: die Welt der Kleinstaaten in der Ägäis, wo jene erfunden wurde. Als Inbegriff eigener Identität hatte Europa rasch wieder ausgedient. Gehler sagt: „Das Wort verschwand, als die äußere Gefahr nachließ.“ Undank begleitet Europa bis heute.

Europa wurde wiederentdeckt, als es darum ging, den Zusammenhalt des Christentums in Worte zu fassen. „Der Begriff diente zur Legitimation politischer Einigungsversuche von oben“, so Gehler. Das ist bis heute so geblieben. Als Urahn dieser Idee gilt Karl der Große. Chronisten huldigten ihm schon zu Lebzeiten als „Pater Europaea“, Vater Europas. Für moderne Biografen ist er „der erste Europäer“. Dabei kann von einem europäischen Bewusstsein in karolingischen Zeiten nicht die Rede sein. Europäisch war allenfalls das Personal, dem der Kaiser vertraute: dem Angelsachsen Alkuin aus York, dem langobardischen Gelehrten Paulus Diaconus, den Iren Dungal und Dicuil, Theodulf von Orleans und Einhard aus dem Kloster Fulda, die von seinem Wirken berichten. „Jenes Europa, als dessen ,Leuchtturm‘ Karl sich besingen ließ“, so Johannes Fried in seinem biografischen Bestseller, „wurde zu keiner Zeit reflektiert.“

„Aller Welt überlegen“

Die Wiedergeburt Europas als sagenhafter Ort ist anno 1593 anzusiedeln. Da erschien in Rom ein Buch, in dem Europa gerühmt wurde als ein Ort, der „reliquias orbis partes praecedit“ – zu Deutsch: „aller Welt überlegen“. William Penn, der einen der ersten Verfassungstexte Nordamerikas verfasst hatte, entspann daraus eine Utopie, ein frühes Muster für die Träume von einem geeinten Europa. Im Jahre 1693 veröffentlichte er einen Entwurf für ein Bündnis europäischer Staaten, das für Europa eine dauerhafte Sicherheitsordnung schaffen sollte. Penn wollte sogar „Moskowiter“ und Türken in seine Ur-EU aufnehmen. Sie sollte von einem „Europäischen Reichstag“ aus regiert werden und auch über einen Obersten Gerichtshof verfügen. Wer mag, kann darin die Blaupause für die Europäische Union heutiger Zeit erkennen.

Das utopische Bild von den Vereinigten Staaten Europas wurde im 20. Jahrhundert detaillierter ausgemalt. Der russische Umstürzler Lenin propagierte dieses Ideal „völlig unanfechtbar als politische Losung“, sofern es „mit dem revolutionären Sturz der reaktionärsten Monarchien Europas“ verbunden wäre. Er meinte damit die gekrönten Häupter in Berlin, Wien und Moskau – zumindest dieser Wunsch ging in Erfüllung. Die SPD nahm die „Vereinigten Staaten von Europa“ 1925 in ihr Parteiprogramm auf. Die Genossen träumten von einer „europäischen Wirtschaftseinheit, um damit zu einer Interessensolidarität der Völker zu gelangen“.

Ein kosmopolitischer Graf hat große Pläne mit Europa

Noch konkreter hat der kosmopolitische Schriftsteller Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi das ausbuchstabiert. Ihm war das Denken jenseits enger Landesgrenzen in die Wiege gelegt. Sein Vater war ein österreichischer Diplomat, dessen Vorfahren aus flämischem und kretischem Uradel stammten, die Mutter kam aus Japan. „Als Kinder eines Europäers und einer Asiatin dachten wir nicht in nationalen Begriffen, sondern in Kontinenten“, schrieb er in seinen Memoiren.

Mit visionären Ideen von einem „Pan-Europa“ erregte der multikulturelle Graf (auf das Adelsprädikat musste er 1919 verzichten) internationales Aufsehen. 1922 schrieb Coudenhove-Kalergi ein programmatisches Buch unter diesem Titel. 1924 gründete er die „Paneuropa-Union“, die älteste europäische Einigungsbewegung. Zu den Mitgliedern zählten Albert Einstein, Thomas Mann, später auch Konrad Adenauer sowie der französische Friedensnobelpreisträger Aristide Briand. Paneuropa sollte von Portugal bis Polen reichen, ein einheitliches Zoll- und Währungsgebiet umfassen, mit einer gemeinsamen Militärverwaltung, einem Parlament und einem Bundesgericht ausgestattet sein. Nach dem Exil während des Dritten Reiches präsentierte der weitsichtige Adlige Entwürfe für eine Europaflagge. Von ihm stammt auch der Vorschlag, Beethovens „Ode an die Freude“ zur Europäischen Hymne zu erheben. Das immerhin wurde 1985 Realität.

Wie die Vereinigten Staaten von Europa den Krieg überlebten

Die Paneuropa-Pläne sind in den Wirren der Hitler-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs keineswegs verschüttgegangen. Noch bevor die Alliierten gemeinsam zu konferieren begannen, um die Weltordnung neu zu justieren, präsentierte der britische Premier Winston Churchill 1943 einen Vorschlag, der daran anknüpfte. Er regte an, nach Kriegsende einen „Europäischen Rat“ zu bilden, der den Kontinent gemeinsam regieren und befrieden sollte. Großbritannien sollte jedoch außen vor bleiben. Churchill war es dann auch, der als Erster wieder über „Vereinigte Staaten von Europa“ zu reden begann, kaum dass die Waffen schwiegen. Er erläuterte seine noch ziemlich vagen Gedanken dazu in einer Rede, die er 1946 in Zürich hielt.

Europa der Vaterländer? Europa der Regionen? Republik Europa?

Bis Ende der 1940er Jahre war das vereinte Europa nur eine Idee. Dann wurde es zur Institution: 1947 formierte sich in Paris ein Komitee für die wirtschaftliche Zusammenarbeit Europas, was der amerikanische Außenminister George C. Marshall angeregt hatte, der mit Milliarden Dollars den Wiederaufbau ankurbelte. Ein Jahr später wurde daraus eine regelrechte Organisation mit gleichem Zweck, an der schon 16 europäische Länder beteiligt waren. 1949 wurde der Europarat aus der Taufe gehoben, dem inzwischen 47 Staaten angehören. 1950 verabschiedete dieser die Europäische Menschenrechtskonvention. Im gleichen Jahr schlug der französische Außenminister Robert Schuman vor, die Stahlindustrie und den Kohlebergbau zu vergemeinschaften. Diese Montanunion war Keimzelle der heutigen EU.

Ungeachtet des fortschreitenden Zusammenwachsens herrschte und herrscht keineswegs Einigkeit, was aus Europa einmal werden sollte. Frankreichs Präsident Charles de Gaulle schwebte ein „Europa der Vaterländer“ vor. Von Europawahlen, einer Einheitswährung oder einer gemeinsamen Außenpolitik hätte er wahrscheinlich wenig gehalten. Andere dachten viel weiter. Der deutsche Außenminister Joschka Fischer brachte im Mai 2000 die Vereinigten Staaten von Europa wieder ins Gespräch. Er nannte das seine „persönliche Zukunftsvision“. In einem 2014 veröffentlichten Buch stellte der Grünen-Politiker allerdings klar, dass nicht die Vereinigten Staaten von Amerika sein Vorbild seien, sondern der „viersprachige Vernunftstaat Schweiz“ mit seinen 26 sehr eigenständigen Kantonen – fast so viele, wie die EU Mitgliedsländer hat.

Das angebliche Bürokratiemonster Brüssel – „erste postmoderne Regierung“

Für den amerikanischen Soziologen Jeremy Rifkin, verschrien als „Berufsvisionär“, waren die Vereinigten Staaten von Europa ein Modell für die ganze Welt. Er pries die EU als „erste postmoderne Regierungsinstitution“, sie könne „die Welt in eine zweite Aufklärung führen“. 2004 schrieb er: „Der Europäische Traum mit seiner Inklusivität, Diversität, Lebensqualität, Nachhaltigkeit (. . .) gewinnt für eine Generation, die global vernetzt und zugleich lokal eingebunden ist, zunehmend an Attraktivität.“ Das war vor der Eurokrise, vor der Asylkrise, vor dem Brexit.

Davon wollten sich andere Europa-Euphoriker nicht beirren lassen. 2012 propagierten der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit und der Soziologe Ulrich Beck ein „Manifest zur Neugründung Europas von unten“. Mit einem Pflichtjahr im Dienste der europäischen Sache wollen sie die EU-Bürger für gemeinsame Anliegen begeistern. Für eine „Republik Europa“ machen sich die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot und der Schriftsteller Robert Menasse stark. Der Kontinent soll sich nach ihren Vorstellungen „in einen postnationalen, wahrlich demokratischen und gerechteren Ort“ verwandeln. Ihnen schwebt ein direkt gewählter Europapräsident vor und ein Parlament, in dem die Stimmen aller EU-Bürger gleiches Gewicht haben. Bislang ist das nicht der Fall: 854 000 Deutsche wählen einen Abgeordneten, in Luxemburg sind es 83 000. Die visionäre Fantasie der Politologin Guérot reicht noch weiter. Sie kämpft auch für ein „Europa der Regionen“. Identität orientiere sich nicht an der Nation, sondern an der regionalen Herkunft. Nur daraus könnte ein gemeinsames europäisches Bewusstsein erwachsen. Die Nationalstaaten seien dabei ein Hindernis. Sie will etwas ganz anderes als die Vereinigten Staaten von Europa, die EU vielmehr in etwa gleich große, historisch gewachsene Regionen zergliedern, die ihre Repräsentanten in einen europäischen Senat entsenden. Alle EU-Bürger sollen den gleichen Gesetzen unterliegen.

Europa – eine schöne Geschichte mit offenem Ende

Es mangelt offenkundig nicht an Ideen für Europas Zukunft – eher an einem gemeinsamen Willen, an Mehrheiten, die das nicht nur für Hirngespinste halten. Bei allem Lamentieren über reale Probleme und Zerwürfnisse, divergierende Interessen und politische Traditionen, die sich schwer in Einklang bringen lassen, könnte es hilfreich sein, nicht zu vergessen, dass Europa für viele ein Traum bleibt – der Beginn einer schönen Geschichte. In den 70 Jahren, seit die Ideen für Europa zu gemeinsamen Institutionen geronnen sind, gab es keinen Krieg mehr unter den beteiligten Staaten. Man muss weit zurückblättern in Europas Annalen, um frühere Beispiele für friedliche Epochen von solcher Dauer zu finden. Zurück bis in die Zeit Karls des Großen, der irrtümlicherweise als Vater Europas galt. Seitdem ist keine Generation von Kriegen verschont geblieben, bis Europa Wirklichkeit wurde.

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