Nahrungsergänzung im Winter Ab welcher Dosierung kann Vitamin D gefährlich werden?

Sollte man im Winter zusätzlich Vitamin D einnehmen? Foto: KI/Midjourney/Björn Locke

Manche Menschen setzen im Winter auf die Einnahme von Vitamin D – doch ist das wirklich sinnvoll? Ein Experte klärt auf.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Carolin Klinger (klic)

In der dunklen Jahreszeit kuscheln sich viele lieber Zuhause ein, statt sich draußen im Tageslicht aufzuhalten. Deshalb werben vor allem in den Sozialen Netzwerken viele Influencer und Influencerinnen mit der Einnahme von Vitamin D. Denn dies wird hauptsächlich durch Sonnenlicht in der Haut gebildet und ist essenziell für den Kalzium- und Phosphatstoffwechsel, was für gesunde Knochen und Zähne wichtig ist. Stephan Scharla, Facharzt für Innere Medizin und Experte bei der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, erklärt, wer von der Einnahme wirklich profitiert.

 

Oft liest man, dass jeder, der in Deutschland lebt, automatisch unter Vitamin-D-Mangel leidet und dieses deshalb als Nahrungsergänzungsmittel einnehmen sollte. Stimmt das wirklich?

Für gesunde Erwachsene ist eine Einnahme von Vitamin D nicht unbedingt notwendig und wird auch von den Fachgesellschaften nicht empfohlen. Es gibt sowohl die Leitlinie der amerikanischen Endokrinologischen Gesellschaft, die für gesunde Erwachsene keine Messung von Vitamin D und auch keine Einnahme empfiehlt. Auch die Leitlinie von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, an der ich mitgearbeitet habe, empfiehlt für gesunde Erwachsene keine Vitamin-D-Supplementation. Studien haben ergeben, dass die Einnahme bei gesunden Erwachsenen keinerlei Effekte auf Knochen oder Immunsystem hat. Davon abgesehen gibt es aber natürlich Risikogruppen, für die eine Einnahme von Vitamin D auf jeden Fall sinnvoll ist.

Wer gehört zu diesen Risikogruppen?

Das sind zum Beispiel Menschen, die wenig in die Sonne hinauskommen, wie Nachtschichtarbeiter oder auch Büroarbeiter, die tagsüber nur in geschlossenen Räumen sitzen und auch sonst nicht zum Ausgleich bei Tageslicht draußen sind. Menschen mit dunkler Hautfarbe haben einen höheren, natürlichen Sonnenschutz, der aber dazu führt, dass bei ihnen in unserer sonnenarmen Region weniger Vitamin D gebildet werden kann. Auch bei Menschen, die etwa aus religiösen Gründen die Haut mit Stoff verdecken, besteht das Risiko eines Vitamin-D-Mangels. Schon in den 70er Jahren stellte man fest, dass es bei migrantischen Familien eine höhere Gefährdung für Vitamin-D-Mangelerkrankungen wie Osteomalazie oder Rachitis bei den Kindern gibt.

Dr. Stephan Scharla klärt über Vor- und Nachteile der Vitamin-D-Einnahme auf. Foto: privat

Gibt es darüber hinaus weitere gefährdete Gruppen ?

Für ältere Menschen ab 70 Jahren gibt es die Empfehlung, dass sie zumindest im Winter Vitamin D supplementieren sollten. Auch bei Menschen mit chronischen Magen-Darm-Erkrankungen, die das Vitamin D über den Magen-Darm-Trakt verlieren, wäre es sinnvoll. Wenn Adipositas-Patienten am Magen operiert wurden, besteht ebenfalls die Gefahr, dass sie Vitamine und Mineralstoffe verlieren. Außerdem empfehlen die Fachgesellschaften die Einnahme von Vitamin D bei Menschen, die gefährdet für Typ-2-Diabetes sind. Denn es gibt dadurch wohl einen schützenden Effekt, sodass sich die Zuckerkrankheit weniger häufig manifestiert.

Wie sieht es bei Kindern und Jugendlichen aus?

Säuglinge bekommen schon seit langer Zeit die Vitamin-D-Prophylaxe, was erfreulicherweise dazu geführt hat, dass wir kaum noch Rachitis, also Knochenerweichung, bei den Kindern sehen. Inzwischen empfehlen wir, dass Kinder und Jugendliche auch noch nach dem Kleinkindalter Vitamin D nehmen sollten. Denn heute spielen die Kinder nicht mehr den ganzen Tag Fußball auf dem Bolzplatz, sondern sitzen viel mehr vor dem Computer Zuhause. Doch für die Knochenentwicklung benötigen sie Vitamin D. Für Schwangere gilt ebenfalls eine Empfehlung – die meisten Frauen nehmen ohnehin sehr konsequent Kombipräparate mit Folsäure, Jod und Vitamin D ein – ihre Versorgung ist daher in Deutschland sehr gut.

Wie definiert man überhaupt einen Vitamin-D-Mangel?

Da gibt es verschiedene Grenzwerte, die aber auch kontrovers diskutiert werden. Man kann sagen, dass ein richtiger Vitamin-D-Mangel bei Serumkonzentrationen für das 25-OH-Vitamin D von unter 30 Nanomol pro Liter anfängt. Das wären so unterhalb von 12 Mikrogramm pro Liter. Von den Erwachsenen in Deutschland waren in einer Bevölkerungsstichprobe des Robert-Koch-Instituts vielleicht fünf bis zehn Prozent im Sommer betroffen. Im Winter sind es eben doch auch 30, 40 Prozent. Aber da ist die Frage, ob ein vorübergehender Mangel im Winter bei guten Werten im Sommer überhaupt eine krankhafte Bedeutung hat.

Der Mangel an Sonnenlicht im Winter kann also im Sommer ausgeglichen werden?

Wenn man im Sommer seinen Speicher aufgefüllt hat, kommt man gut über den Winter. Und im Sommer reichen schon zehn Minuten ohne Sonnencreme in der Sonne pro Tag aus.

Kann es denn schaden, wenn ein gesunder Erwachsener dennoch Vitamin D einnimmt?

In einer vernünftigen Dosierung – das sind zur Vorbeugung so 1000 bis 2000 Einheiten täglich für Erwachsene – kann man Vitamin D im Winter einnehmen, das schadet nicht und stärkt wahrscheinlich das Immunsystem. Vor einer Überdosierung warne ich aber ausdrücklich – das kann eine schädliche Wirkung haben: Angefangen von vermehrtem Knochenabbau, was das Knochenbruchrisiko erhöht. Auch kann der Kalziumspiegel ansteigen, was dazu führen kann, dass Gefäße verkalken, das Risiko für Nierensteine erhöht wird und Herz-Rhythmus-Störungen auftreten können. Eine Überdosierung kann wirklich gefährlich werden.

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