Interview„Vögel“ im Schauspielhaus „Identität als zentrale Frage“

Von Gabriele Metsker 

Am 16. November erfährt das Stück „Vögel“ von Wajdi Mouawad seine deutschsprachige Erstaufführung im Schauspielhaus Stuttgart. Regie führt Intendant Burkhard C. Kosminski.

Regie führt Intendant Burkhard C. Kosminski.  Foto: dpa
Regie führt Intendant Burkhard C. Kosminski. Foto: dpa

Herr Kosminski, warum haben Sie „Vögel“ als erste Produktion in Ihrer ersten Stuttgarter Spielzeit gewählt?

Es ist ein richtig gutes, substanzielles Stück, ein spannender Thriller und zugleich ein modernes Märchen: Im Lesesaal einer New Yorker Universitätsbibliothek verliebt sich Eitan, ein junger Biogenetiker aus Berlin, in die Araberin Wahida. Als Eitan seinen Eltern und seinem Großvater, einem Überlebenden der Schoah, seine neue Freundin vorstellt, kommt es zum Eklat. Trotzdem reisen Wahida und Eitan gemeinsam nach Israel, wo Eitan schließlich von seiner Großmutter ein gut gehütetes Familiengeheimnis erfährt . . . Theater ist für mich ein Ort für aktuelle Debatten. In „Vögel“ stellt der Autor vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts zentrale Fragen unserer Gegenwart: Was heißt Identität? Welche Bedeutung haben Heimat und Herkunft, Kultur und Religion in einer multikulturellen Gesellschaft?

Inwieweit verweist dies auf das, was Sie in der kommenden Zeit in Stuttgart auf den Weg bringen werden?

Dass wir unsere Spielzeit mit „Vögel“ eröffnen, ist durchaus programmatisch zu verstehen. Wir wollen die kulturelle Vielfalt unserer Stadt­gesellschaft am Schauspiel Stuttgart erfahrbar machen – nicht nur in den Stoffen, sondern auch hinsichtlich der Künstler, mit denen wir zusammenarbeiten. Wajdi Mouawad wurde im Libanon geboren und wuchs in Frankreich und Kanada auf. Andere Theatermacher, die im Laufe der nächsten Spielzeiten bei uns arbeiten werden, kommen etwa aus England, Polen, Belgien, Slowenien, Griechenland, Spanien und Kroatien. Zudem gründen wir mit Partnertheatern in Zagreb und Warschau ein Europa-Ensemble und vernetzen uns so auch längerfristig mit anderen europäischen Theatermachern.

Welche Schwerpunkte werden Sie bei Ihrer Inszenierung setzen?

„Vögel“ wird auch deshalb ein Erlebnis, weil wir es in vier Sprachen spielen: Je nach Herkunft und Konstellation sprechen die Figuren Deutsch, Hebräisch, Arabisch oder Englisch miteinander. Natürlich wollen wir gewährleisten, dass unsere Zuschauer trotzdem alles verstehen. Deshalb wird es deutsche Übertitel geben – die allerdings nicht wie in der Oper über dem Bühnengeschehen hängen, sondern direkt in das Bühnenbild inte­griert sind. So etwas hat man, glaube ich, bisher noch nicht gesehen.

Welche Hauptdarsteller haben Sie für „Vögel“ ausgewählt und warum?

Natürlich müssen die Darsteller den sprachlichen Anforderungen gerecht werden. Die Suche war nicht einfach, aber wir haben in Martin Bruchmann einen wunderbaren Eitan und mit Amina Merai eine tolle Wahida gefunden, die neben Deutsch und Englisch auch Hebräisch beziehungsweise Arabisch sprechen. Beide sind nun Mitglieder unseres Ensembles. Eitans Eltern werden gespielt vom israelischen Theater- und Filmstar Itay Tiran und von Silke Bodenbender, die in Deutschland auch aus Film und Fernsehen bekannt ist. Auch diese beiden sind glücklicherweise im neuen Stuttgarter Ensemble. Zudem sind mit Dov Glickman und Evgenia Dodina weitere prominente Gäste aus Israel dabei.

„Vögel“: Premiere 16. November (ausverkauft); weitere Vorstellungen im November und Dezember, Schauspielhaus, Tickets 07 11 / 20 20 90