Vogelschutz im Stuttgarter Norden Aus dem Tagebuch einer Vogelfamilie

Von Eva Funke 

Uta Merz bietet Mauerseglern ein Heim und beobachtet ihre Sommergäste mit einer Minikamera im Nistkasten.

Uta Merz hat unterm Dach ihres Hauses Nistkästen anbringen lassen.Foto: Eva Funke

S-Nord - Uta Merz ist entsetzt. „Dass in heißen Sommern junge Mauersegler vor der Hitze aus ihren Nestern flüchten und abstürzen, weil sie noch nicht fliegen können, habe ich nicht gewusst“, sagt sie (der Innenstadtteil berichtete). Schon als Kind war sie von den Mauerseglern begeistert, ist fasziniert von den riskanten Sturzflügen der Luftakrobaten aus dem Himmel bis knapp über die Hausdächer, ihrem eleganten Gleitflug – und ihrer Fähigkeit, beim Fliegen sogar zu schlafen. „Sie halten sich fast ihr Leben lang in der Luft auf, fliegen die lange Strecke nach Afrika nonstop. Nur wenn sie brüten und sich um ihren Nachwuchs kümmern, sind die Mauersegler nicht in der Luft “, sagt die 75-Jährige.

Damit die Vögel bessere Überlebenschancen haben, hat sie unterm Dach ihres Hauses in der Parlerstraße im Stuttgarter Norden Nistkästen anbringen lassen. Sie ist überzeugt, dass ein Vogelpärchen bereits seit Jahren Stammgast bei ihr ist, da es zielstrebig immer das gleiche Quartier ansteuert. „Pünktlich in der ersten Maiwoche reisen sie an. Anfang August ist Abflug ins Winterquartier in Afrika“, sagt Merz. In diesem Jahr hat sie ihre gefiederten Gäste am 5. Mai zum ersten Mal über dem Hausdach kreisend gesichtet. Am 19. Mai war einer der Mauersegler gegen 17 Uhr im Nistkasten. Wenig später gesellte sich der andere dazu. Um nicht nur beobachten zu können, was die Vögel vor dem Quartier, sondern auch in ihren vier Wänden treiben, hat deren Gastgeberin im Nistkasten eine winzige Kamera montieren lassen. „Der Vogel, der zuerst einzieht, schaut zum Flugloch raus und wartet auf den Partner. Ist der auch da, begrüßen sich die beiden mit viel Geschnäbel “, erzählt Uta Merz.

Beim Brüten wechseln sich die Eltern ab

Damit es ihre Gäste nach der langen Reise gemütlich haben, legt sie den Ankömmlingen ein paar Federn ins Quartier. Den Rest besorgen die selbst, bauen sich mit Ästchen ein eher spärliches Nest. „Einer der beiden bleibt immer zu Hause und hält Wache bis der Partner wieder da ist. Dann ist Schichtwechsel: Der andere fliegt los und sein Partner hat das Nachsehen“, sagt Merz. Am 21. Mai ist dann passiert, worauf Uta Merz jedes Jahr gespannt wartet: Das Vogelweibchen hat drei Eier gelegt. So genau weiß Merz das, weil sie Tagebuch über ihre Gäste führt.

Auch beim Brüten nehmen beide Elternteile ihre Pflichten wahr und wechseln sich ab. Mit Erfolg: Am 9. Juni sind drei kleine Mauersegler aus dem Ei geschlüpft – immer als Beobachterin durch das Auge der Kamera mit dabei: Uta Merz. Nur wenn es bei der kleinen Familie zu intim zugeht, schaltet sie die Kamera aus. „Etwas Privatheit sollen die ja auch haben“, stellt sie fest. Am 3. Juni konnte Merz nur noch zwei Mauersegler im Nest entdecken. Wo der Dritte ist? Merz zuckt die Schultern. Das Kameraauge kann ihn nicht finden. Vermutlich lebt er nicht mehr. Er sei immer stiller gewesen als seine Geschwister, hat vielleicht eine sehr kalte Nacht nicht überstanden. „Da haben alle mit den Flügeln geschlagen, um sich zu wärmen“, erinnert sich Merz. Die beiden Überlebenden haben mittlerweile ein dichtes Gefieder. Merz rechnet damit, dass sie bald flügge sind und das Nest verlassen, denn die Eltern füttern sie nicht mehr so oft. „Die Jungen sind kugelrund und müssen etwas abnehmen, damit sie besser fliegen können“, weiß die Hobby-Ornithologin.

Am 18. Juli meldete dann eine traurige Uta Merz: „Gestern ist ein Mauersegler nach dem anderen ausgeflogen. Sie kommen dieses Jahr nicht mehr in ihren Nistkasten zurück.“ Ihre Schützlinge werden noch einige Tage im Himmel über Stuttgart kreisen bevor sie ihre lange Reise nach Afrika antreten.

Auf die Idee mit den Nistkästen kam Uta Merz, weil die Mauersegler in der Stadt kaum noch Schlupflöcher finden. „Die meisten Gebäude sind saniert, so dass es keine Nischen zum Nisten gibt.“ Die Stuttgarterin selbst hat die Erfahrung gemacht, dass sich ihr Dachdecker bei der Dachsanierung ­weigerte, für die Mauersegler Schlupflöcher zu lassen. „Das hat wohl seinem Berufsethos widersprochen“, vermutet sie. Vogelfreunden empfiehlt Merz, den Mauerseglern mit Nistkästen ebenfalls ein Heim auf Zeit zu bieten. „Das macht so viel Freude“, meint sie und hofft, dass ihre gefiederten Stammgäste im nächsten Frühjahr zurück kommen.