Jochen Brauchle könnte darüber sehr unglücklich sein. Der 53-Jährige hat hier fast die Hälfte seines Lebens verbracht, er hat die Bank mitaufgebaut, und nun wird sie quasi rasiert. Doch Jochen Brauchle sagt nicht etwa: „Alles ist ganz schrecklich und deprimierend.“ Der Bankfachwirt sagt: „Wir wollen beim Kunden bleiben, deshalb müssen wir es so machen.“ Um das zu verstehen muss man weit aus Hessigheim, diesem kleinen Ort im Kreis Ludwigsburg, hinausblicken. Und, weil auch das wichtig ist, mehr als anderthalb Dekaden zurückblicken.
Wer in Hessigheim etwas auf der Bank zu erledigen hat, geht nicht auf die Bank, der geht zum Herrn Brauchle. Seit 27 Jahren arbeitet er in dem Gebäude an der Durchfahrtsstraße. Es gibt viele Hessigheimer, für die er ein Sparbüchle angelegt, dann ein Girokonto eröffnet und später das Haus finanziert hat. Jochen Brauchle erfährt, wenn jemand Nachwuchs bekommt oder einen Trauerfall beklagt. Wenn er über den Ort mit den 2500 Einwohnern spricht, sagt er „Wir in Hessigheim“, obwohl er gar nicht dort wohnt.
Die Zeit des Sparbuchs
Als er seine Stelle anno 1993 antrat, hieß die Bank noch Hessigheimer Bank, sie war fast 100 Jahre alt. Brauchle hatte zwei Chefs und fünf Kollegen. Es gab eine Zeit, da war er nicht nur Berater, sondern auch für das Marketing zuständig, hat Kreditverträge geschrieben und die Euroeinführung organisiert. Es war eine Zeit, in der das Internet etwas für Wissenschaftler war, eine Überweisung ins Ausland zwei Wochen dauerte und die Mehrheit der Kunden zufrieden war, wenn das Sparbuch drei Prozent Zinsen brachte. „Irre“, sagt Brauchle. „Das würde heute nicht mehr funktionieren.“ Muss es auch nicht.
Im Jahr 2001 ging die Hessigheimer Bank mit der Volksbank Freiberg und Umgebung zusammen. Im Jahr 2014 verschmolz die Volksbank Freiberg mit der VR-Bank Neckar-Enz. Und aus der VR-Bank Neckar-Enz soll im kommenden Jahr durch Fusionen mit zwei anderen Häusern die VR-Bank Ludwigsburg werden, was, grob gesagt, die Volksbank für den Landkreis Ludwigsburg sein wird. Jochen Brauchle, der in seiner Hessigheimer Geschäftsstelle nur noch einen Kollegen hat, sagt: „Es wäre fahrlässig, wenn man das in der jetzigen Zeit nicht machen würde.“
Natürlich ist an dieser Stelle längst klar: Hessigheim ist überall. Im ganzen Land fusionieren Volks- und Raiffeisenbanken zu dem, was die beteiligten Vorstände gerne „leistungsstarke Einheiten“ nennen. Im September etwa beschlossen die Berkheimer Bank, die Volksbank Esslingen und die Volksbank Kirchheim-Nürtingen sich zur Volksbank Mittlerer Neckar zu vereinen. Im Oktober, noch ein aktuelles Beispiel, wurden aus den Volksbanken Reutlingen und Sindelfingen die Vereinigten Volksbanken. Und die Volksbank Stuttgart wird immer größer, weil beinahe Jahr für Jahr Institute aus dem Rems-Murr-Kreis unter ihr Dach schlüpfen. Exakt 914 Volks- und Raiffeisenbanken hat der baden-württembergische Genossenschaftsverband vor 40 Jahren gezählt. Im Jahr 2000 waren es noch 355, nun sind es noch 162. Und im kommenden Jahr stehen außer der Ludwigsburger Fusion mindestens drei weitere Zusammenschlüsse an.
Immer aufwendiger, immer teurer
Als Jochen Brauchles Bank noch Hessigheimer Bank hieß, waren die Aufgaben klar verteilt: Jeder machte alles. Dann gab es neue Gesetze, und die Sache wurde komplex. Wer für die Depotbuchhaltung zuständig war, durfte nichts mehr mit dem Depothandel zu tun haben. Wer mit dem Kreditgeschäft betraut war, musste sich aus dem Wertpapiergeschäft raushalten, um nur zwei Beispiele zu nennen. Was gut für Transparenz und Sicherheit war, war schlecht für die Bank, die, um alle Anforderungen zu erfüllen, 15 Mitarbeiter gebraucht hätte. Was sich nicht rechnete. Ohne Fusion wäre eingetreten, was Jochen Brauchle so formuliert: „Die Hessigheimer Bank wäre nicht mehr lebensfähig gewesen.“
Geldhäuser müssen mehr Daten über ihre Kunden erfassen, Aktienkäufe gründlicher dokumentieren, ihr Kreditportfolio detaillierter beschreiben, Geschäfte mit mehr Eigenkapital sichern. Und, und, und. Das, was bei den Instituten unter dem Begriff „regulatorische Erfordernisse“ läuft, und dem Schutz des Finanzsystems dienen soll, wird immer aufwendiger und immer teurer. Gleichzeitig werden die Kunden immer weniger, die ihre Geldgeschäfte leibhaftig auf der Bank erledigen. Das geht längst online, außerhalb jeglicher Geschäftszeiten – und bei immer mehr Anbietern. Und dann, zu allem Überdruss, nehmen die Folgen der Finanzkrise kein Ende, deretwegen es fast mehr Straf- als Habenzinsen gibt.
Man muss kein diplomierter Volkswirt sein, um zu verstehen, dass sich Banken schwertun, Geld zu verdienen. Vor allem, wenn sie wie genossenschaftliche Banken zu einem Großteil vom Zinsgeschäft abhängig ist. Der Bankier Jochen Brauchle sagt: „Vor zehn Jahren habe ich selbst nicht gedacht, welche Auswirkungen die Weltpolitik auf eine kleine Bank hat.“
Teil eines großen Ganzen
Die neue große VR-Bank für den Kreis Ludwigsburg wird eine Bilanzsumme von 5,4 Milliarden Euro haben, was sie auf Rang vier der VR-Banken im Land hievt. Sie beschäftigt mehr als 750 Mitarbeiter, die sich angemessen spezialisieren können. Und sie verfügt über 500 Millionen Euro Eigenkapital, mit dem sie auch für große Betriebe im Kreis als Kreditgeber interessant sein kann. „Wachstum auf gutem Grund und aus vielen guten Gründen“, nennen das die sieben beteiligten Vorstände, die momentan nur ahnen können, dass die Folgen von Corona einen weiteren Grund für die Fusion liefern werden.
Als klar war, dass der Schalter in der Hessigheimer Geschäftsstelle für immer geschlossen bleibt, hat Jochen Brauchle seine Kunden persönlich informiert. Er weiß ja, wer den Schalter regelmäßig nutzt. Bestimmt 90 Gespräche hat er geführt, teilweise in den Weinbergen, weil Brauchle eben auch weiß, wo er seine Hessigheimer findet. Natürlich war keiner begeistert, und viele haben sich auch Sorgen gemacht. Davor, dass die Bank vielleicht ganz dichtgemacht wird. Viel zu bieten hat der Ort ohnehin nicht. Aber wenn die Volksbank eine Filiale schließt, ist das etwas anderes, wie wenn das, zum Beispiel, die Deutsche Bank macht.
Eine Volksbank gehört, wenn man so will, ihren Kunden, die häufig Mitglieder sind. So ist die Idee Mitte des 19. Jahrhunderts ja entstanden. Um sich nicht länger wuchernden Geldverleihern auszuliefern, schlossen sich Handwerker, Bauern und kleine Unternehmer nach den Ideen von Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen zusammen und halfen sich selbst. „Was einer nicht schafft, schaffen viele“, lautete das Motto, mit dem Genossenschaftsbanken einzigartig in Europa wurden und sind.
Wo bleibt der Gemeinsinn?
VR-Banken finanzieren die regionale Wirtschaft, unterstützen örtliche Vereine – und begegnen ihren Kunden womöglich beim sonntäglichen Spazierengehen. Dass der Bürgermeister Günther Pilz vom Bankvorstand persönlich über das Ende des Schalters in seinem Ort informiert wurde – Ehrensache. Man kann sagen, mit ihrem regionalen und nachhaltigen Geschäftsmodell sind Volks- und Raiffeisenbanken die Bank der Stunde. Was aber passiert, wenn immer mehr Häuser fusionieren: Wird der Gemeinsinn zum Allgemeinplatz, bleibt die Nähe auf der Strecke?
Nein, versichert Timm Häberle. „Wir werden größer, um uns das Kleinsein weiterhin leisten zu können“, sagt einer der beiden Vorstände der VR-Bank Neckar-Enz.
Nein, prophezeit Roman Glaser. „Wenn eine Bank den Zug der Zeit verpasst, kann sie auch dem genossenschaftlichen Auftrag nicht mehr gerecht werden“, sagt der Präsident des hiesigen Genossenschaftsverbands.
Nicht zwangsläufig, meint Richard Reichel. „Es kommt darauf an, was man vor Ort draus macht“, sagt der Geschäftsführer des Forschungsinstituts für Genossenschaftswesen in Nürnberg. Allerdings weiß Reichel auch, dass die Größe eines Hauses kein Garant für Erfolg ist. Auch kleinere Banken könnten wirtschaftlich überleben.
Unterschiedliche Modelle
Die Volksbank Remseck zum Beispiel wird nicht Teil der neuen Ludwigsburger Kreisbank. Die Struktur der Bank passe sehr gut zur Struktur der Wirtschaft in Remseck, sagt ihr Vorstand Oliver Hoidn.
Jochen Brauchle wird als Finanzplaner in Hessigheim bleiben. Filialen werden mit der Fusion nicht geschlossen. Brauchle wird in seinem Büro also weiterhin Geldanlagegespräche führen oder über Kredite verhandeln. Falls nötig, wird er per Video einen Experten von einem der Firmensitze dazu schalten. So wie er persönlich Bargeld nach Hause liefert, falls ein Kunde unpässlich ist. „Dieses Band“, sagt Brauchle über die Verbindung zu seinen Hessigheimern, „wird nicht mehr reißen.“