Volksabstimmung Der Stresstest des Ministers

Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann Foto: dpa 4 Bilder
Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann Foto: dpa

Winfried Hermann steht an der Spitze des Protests gegen Stuttgart 21 und ist zugleich Mitglied einer Regierung, die zerstritten ist über den Bahnhof.

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Stuttgart - Das Klacken hoher Stiefelabsätze hallt durch den Nebel, der vom Neckar her in die Esslinger Altstadt drückt. So hatten sich die Leute vom Aktionsbündnis das vorgestellt, als sie ihre Plakate für die Volksabstimmung in den Druck gaben. Bunte Plakate, die mit ihrem "Ja zum Ausstieg" ein wenig Farbe ins Novembergrau bringen sollten.

Plakate, die mit ihrem sanften Orangeton die Herzen wärmen in dieser kalten Welt der aus dem Geist der Technik geborenen Gigantomanie. So hatten sie sich das ausgemalt, die Leute vom Aktionsbündnis, die gerne betonen, dass sie doch die sympathischen sind, die kreativen und zugleich die wahrhaft vernünftigen - die Bürgergesellschaft eben, die sich gegen diese IHK-Welt, diese Wirtschaftswelt, diese CDU-FDP-und- SPD-zum-Teil-Welt zur Wehr setzt.

Langsam leeren sich Geschäfte und Gassen. Dunkel und klamm ist es, nur zum Alten Rathaus hasten zielstrebig Menschen, von denen viele lindgrüne Schals tragen und auf ihren Jacken Anstecker mit der Botschaft: K 21. Den Stuttgarter Kopfbahnhof wollen sie sich nicht nehmen lassen, sogar hier in Esslingen nicht, wo man doch sonst in geschichtsgesättigter Selbstgenügsamkeit herzlich wenig übrig hat für den Emporkömmling in der Nachbarschaft, für die Stadt am Nesenbach.

Blitze symbolisieren Schwachstellen

"Können mal alle, die noch nicht entschieden sind, die Hand heben?" Der Verkehrsminister des Landes Baden-Württemberg mustert sein Publikum. Nur eine Handvoll Hände geht zögerlich in die Höhe, obwohl doch an die 200 Menschen gekommen sind, vielleicht auch mehr. Manche werden im Stehen geduldig die zwei Stunden ausharren, um zu hören, was Winfried Hermann zu sagen hat. Der sagt erst mal: "Wenn es mehr Unentschiedene wären, wäre es noch besser."

Wieder ist ein Abend dahin, weil es für die Volksabstimmung nicht so viel bringt, aus hundertprozentigen Stuttgart-21-Gegnern hundertfünfzigprozentige zu machen. Der Verkehrsminister bleibt in der Strenge seiner Überzeugung hinter seinem Publikum eher noch zurück. Ab und an weist er, wenn auch mit Vorbehalt, auf Vorteile des Tiefbahnhofs hin. Zum Mineralwasser, von dem Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) berichtete, es sei nicht gefährdet, sagt Hermann: "Im Moment sieht es so aus, als könne man es schützen."

Auf dem Schaubild, das der Verkehrsminister mit dem in Stuttgart-21-Belangen inzwischen fast unvermeidlichen Beamer an die Wand wirft, blinken gefahrvoll Blitze. Jeder Blitz symbolisiert eine Schwachstelle des Projekts, einen Problemherd. Und Hermann erzählt die Geschichte dazu. Zum Beispiel jene vom Mischverkehr, der Schnellzüge und Bummelzüge auf eine Strecke zwingt.

Doppelbelegung verwandelt Tiefbahnhof in Nadelöhr

Jede Menge Kreuzungen gibt es und Zwangspunkte, an denen der Nahverkehrszug warten muss, bis der ICE durchgerauscht ist. Ist dieser nicht pünktlich, muss jener trotzdem stehen bleiben. "So bauen sich Verspätungen auf", sagt der Minister, der zur besseren Fasslichkeit ein paar Schneckenzeichnungen in die Übersicht über das künftige Gleissystem aufgenommen hat.

Hermann kommt am Tiefbahnhof an und damit beim Stresstest. Nie und nimmer hätte er erwartet, dass die Bahn den Stresstest besteht. Hat sie ja auch nicht, sagt er. Nur mit der Doppelbelegung der Gleise gelang es ihr, die geforderte Kapazitätserweiterung des Tiefbahnhofs zu belegen. Für Hermann ist das ein Taschenspielertrick. Zwei Züge zur gleichen Zeit am gleichen Bahnsteig, das verwandle den Tiefbahnhof in ein Nadelöhr.

So wie man das aus Köln oder Hamburg kenne. Doch Hermann darf nicht klagen. Schließlich war er es, der den Stresstest noch vor dessen öffentlicher Präsentation als offenbar bestanden bezeichnet hatte - und die Bahn damit in die Vorhand brachte. Boris Palmer, der vielleicht kundigste, jedenfalls umtriebigste aller Tiefbahnhofgegner in den Reihen der Grünen, ist seinem Parteifreund heute noch gram. Er hält das für den zentralen Fehler in Hermanns Kampagne gegen Stuttgart 21.

Das Verhältnis zum Koalitionspartner ist kompliziert

Es gab deren mehrere in den ersten Monaten von Hermanns Ministerdasein. Hängen geblieben ist sein Diktum, wenn Stuttgart 21 gebaut werde, dann müsse sich ein anderes Ministerium um den Tiefbahnhof kümmern, am besten ein SPD-geführtes. Worauf es aus der SPD zurückschallte, das Verkehrsprojekt Stuttgart 21 gehöre ins Verkehrsministerium, das ja nicht unbedingt von Winne Hermann geführt sein müsse. Seit diesen Tagen ist der 59-Jährige misstrauisch geworden. "Er fühlt sich verfolgt", sagt ein Parteifreund. "Er möchte auf keinen Fall etwas falsch machen."

Das Verhältnis zum Koalitionspartner ist kompliziert. Fachlich genießt er den Respekt der Genossen. Aber sie beargwöhnen ihn. Mit allen Mitteln hintertreibe er das Projekt, klagen die Sozialdemokraten. Ingo Rust, der Staatssekretär im Finanzministerium und Stuttgart-21-Beauftragter der SPD-Seite, müsse ständig Schriftsätze redigieren, die er von Hermann bekomme, heißt es in der SPD-Fraktion.

Wenn er sie denn überhaupt erhalte. "Hermann läuft herum und behauptet, der Kostendeckel 21 sei durchschlagen", schimpft ein Abgeordneter. "Beweisen kann er es aber nicht." Boris Palmer wiederum sagt, der Opposition und SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel sei es gelungen, den Verkehrsminister als "unbelehrbaren Quertreiber" hinzustellen. "Jetzt muss er so zurückhaltend agieren, dass er die Argumente gegen Stuttgart 21 kaum noch ins Land tragen kann." Das sei ein "schweres Handicap für die Kopfbahnhofkampagne".

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